Regatta-News
Transat 6.50: Start verschoben

Wegen eines herannahenden Sturms geht das "Minitransat" erst morgen los. Nächster Stopp für die 87 Skipper des Rennens heißt dann: Funchal auf Madeira

  • Matthias Beilken
 • Publiziert am 17.09.2007

Ein Hammer traf die Skipper der 87 nur sechseinhalb Meter langen Bötchen, die in La Rochelles Bassin de Chalutiers vertäut lagen. Starverschiebung lautete überraschend die wichtigste Verkündung des Skippers Briefings am Samstagabend, das eigentlich das finale vor der Abfahrt hätte sein sollen. Ein heftiger Sturm würde die Flotte nicht Kap Finisterre passieren lassen.

In buchstäblich letztmöglicher Stunde die Planung für hunderte am Transat beteiligte Sponsoren, Freunde, Familie über den Haufen zu werfen, ist ein mutiger Zug. Aber die Sicherheit, so die offizielle Verlautbarung, sei ihn wert. Also: Gestartet würde erstmal nicht. Vor Mittwoch sei nicht damit zu rechnen, dass sich die Entwicklung vor Kap Finisterre verflüchtige.

Gerade die erste Etappe der etwa 4200 Seemeilen langen Transatlantikregatta hat sich mehr als einmal in ein demolition derby verwandelt, in dem Boote gekentert, verlassen oder zerstört worden sind. Aufgrund der überraschenden Entscheidung kamen die Teilnehmer jedoch aus dem Staunen nicht mehr heraus. Meistens war ihr gesamtes gehetztes Timing zwei Jahre lang darauf ausgerichtet, dass der Samstag ihr letzter Tag vor dem großen Rennen sein, dass am Samstagabend unwiderruflich alles fertig gestaut und Abfahrtbereit würde sein müssen. Und plötzlich bekamen sie Zeit geschenkt. Auf einmal fanden sich doch noch Kleinigkeiten, die an den Booten gewerkelt werden mussten. Der Deutsche Dominik Zürrer nahm nochmal Segel und Elektronik seiner Pogo 1 "Ubik 245" in Angriff und Henrik Masekowitz aus Hamburg konnte seine "Beijamar", Serienboot vom Typ TipTop nochmals aufräumen und stauen. Der nagelneue Proto "Eva Luna" der Favoritin Isabelle Joschke dagegen wirkte nobel, fix und fertig. Wobei, wer es genau wissen wollte, Joschkes Bootsmann fragen musste, denn die Skipperin wurde selten an Bord gesehen. Am Tag vor dem Start wurde ihr gesponortes Boot "Dégrémont-Synergie", planmäßig und von einer offiziellen Zeremonie begleitet, getauft. "Bootspfleger" sind der letzte Schrei in der Szene. Die Boote der Favoriten werden professionell vorbereitet wie die großen — auch, wenn sie lediglich sechseinhalb Meter lang sind. Die Klasse mag Nährboden für einen sehr speziellen, sympathischen Lebensstil, den "Mini Spirit" sein. Jedoch riecht sie manchmal nach Geld.

Apropos Favoriten: Zwar ehrt es die Klasse ungemein, dass in lezter Sekunde das Starterfeld von 82 auf 87 erweitert worden ist, also fünf weitere Teilnehmer zugelassen worden sind und das Rennen als das größte in die Geschichte eingeht, das jemals stattgefunden hat. Jedoch befindet sich auch der hoochgesponsorte Favorit und Ex-Sieger Yves Le Blevec ("Actual Interim") unter den Neuzugängen. Und: Das Feld ist erweitert worden, nachdem aufgrund einer deadline die vielen Wartelisten-Ausharrer offiziell ihre Meldungen zurückgezogen hatten, um ihr Meldegeld (1000 Euro) noch erstattet zu bekommen. Übersetzt heißt das: Wer es sich leisten konnte, viel Geld zu verlieren, blieb in der Liste und durfte schließlich wie durch ein Wunder doch noch starten. Wer sich dieses Glücksspiel nicht mehr leisten konnte, musste an Land bleiben. Ein seltsam komerzieller Zug einer strengen Organisation, die sich immer als Gegenbewegung verstanden hat, als Unterstützer von nichtgesponsorten, nichtbetuchten Jedermännern.

Aufgrund der Wetterentwicklung wurde der Start kurzerhand gegen eine Vorregatta eingetauscht — die dann wegen Flaute abgebrochen wurde. Das Auslaufen der Boote zur Vorregatta, Prologue genant, fand jedoch um halb sechs morgens im Dunkeln statt. Denn neben dem Wetter sind die Tiden ein weiterer Aspekt in La Rochelle. Die Riesemarina Port d'Minimes am Ende des langen Stadtkanals liegt zwar etwas außerhalb von La Rochelle und ist tidenunabhängig. Jedoch wird er zur Zeit durch die Wassersportmesse Grand Pavois, die das kultige Rennen organisiert und sponsort, komplett blockiert — Zutritt für Minis verboten. Außerdem ist es aus optischen Gründen ohnehin Ehrensache, dass die 87 bunten Bötchen im Herzen der Stadt liegen und das das Transat 6.50 begleitende Race Village ist wirklich sehenswert. Ein kleiner Schönheitsfehler in der Planung: Das "Innere Becken" ist durch ein Wehr von den Gezeiten getrennt, nur um das Hochwasser herum kann es geöffnet werden. Und dieser Tage steht das Wasser im Kanal lediglich sehr früh morgens und sehr spät abends hoch genug, um ein Herunterlassen des Wehres zu gestatten. Bedeutet, dass Aufgrund der Tidensituation eigentlich gar kein "Prologue" hätte stattfinden sollen. Seit langem wäre dies aber das erste Transat ohne diese paradeähnliche, obligatorische Vorregatta gewesen. Also hat die Verschiebung wenigstens ein Bisschen zu alten Gewohnheiten beigetragen. Jedoch: Das legendäre "Ausschleusen" — jeder Teilnehmer spielt bei Passieren der hochgeklappten hstorischen Brücke die eigens für diese Gelegenheit ausgesuchte Musik vor (Masekowitz hat sich für den Song "Soundso" der Deutschrockband Wir Sind Helden entschieden) — wird also morgen tidenbedingt nicht viel später stattfinden, ab sieben Uhr. Der Start selbst ist erst für 12 Uhr 30 angesetzt.


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