Regatta-News
Start um 17 Uhr 17

Das Minitransat 2005 ist unterwegs.

  • Matthias Beilken
 • Publiziert am 19.09.2005

Seit dem Start des Rennens mit dem offiziellen Titel "Transat 6.50" am Samstagnachmittag zu traditionell schräger Uhrzeit vor La Rochelle liegt das Mini-Feld noch eng beieinander. Erste Materialschwächen traten bereits zutage.

Als einziger deutschsprachiger Teilnehmer mit dabei: der Österreicher Christian Kargl. Bei kühlem Wetter, bei jedoch ebenso seltenem wie vorteilhaftem Wind aus dem nördlichen Quadranten jagt die 72 Boote starke Flotte auf Kap Finisterre zu. Noch an Land notierte Kargl: "Die erste Etappe startet in knapp vier Stunden bei starkem Nordwind entlang der Küste. Die Temperatur ist über Nacht stark gefallen. So werde ich gleich mit Fleecepulli und Trockenanzug an den Start gehen."

Bei den Einzelbauten führt mittlerweile Favorit Douguet Corentin aus Frankreich. Er läuft einem etwa 50 Meilen nördlicher liegenden Kurs als sein ärgster Verfolger, der Spanier Alex Pella. Etwa 200 Seemeilen sind die führenden Minis noch vom berüchtigten Kap Finisterre entfernt, über die Hälfte der Distanz durch die gefürchtete Biskaya haben sie bereits zurückgelegt. Mini-Veteran und Mitglied des Teams um Bruno Peyron Yves le Blevec sowie Vendée-Globe-Urgestein Bernard Gallay belegen derzeit die Plätze drei und vier.
Schon auf Platz sieben jedoch liegt Peter Lauressens — mit einem Serienboot. Der Belgier gilt in der Serienklasse als Favorit. Er ist offensichtlich Vollblut-Miniprofi. Als Mitglied von Mike Goldings "Team Ecover" segelt Lauressens seinen Pogo II bereits seit zwei Jahren von seiner Basis in Lorient aus und bereitet dort auch einen Finot-Prototypen für die nächste Saison und das Minitransat 2007 vor.
Der erste Mast fiel von Cian McCarthys Einzelbau "The Tom Crean". Mitten in der Nacht, sodass der Skipper bereits 50 Seemeilen vor der Mündung der Gironde steht. Während Nicolas Bunost bereits wieder im Rennen ist, wird McCarthy wohl aufgeben müssen. Bunost war "nur kurz" wegen Problemen mit dem sensiblen Autopiloten nach La Rochelle zurück gekehrt. Christian Kargl steht mit seinem 1999 gebauten, von Sébastien Magnen gezeichneten "prima nautica" derzeit rund 30 Meilen hinter den führenden Booten. An Bord beobachtet er "wolkenlosen Himmel und viel Rückenwind, der uns vermutlich bis zur Straße von Gibraltar begleiten wird".
Auf eine Geschichte von 28 Jahren blickt das Einhandrennen über den Atlantik bereits zurück und zählt dadurch zu den ganz großen Offshore-Events auf der Erde — auch wenn die Schiffchen mit einer Länge über alles von nur sechseinhalb Metern winzig klein sind. 1976 von dem Engländer Bob Salmon als Antidot gegen den Materialwahn des berühmten Ostar- Rennens 1976 ausgeschrieben (das größte Einhandfahrzeug am Start von Plymouth maß immerhin 74 Meter und hatte vier Masten), fand es 1977 zum ersten Mal statt. Spitzname: "Poor man’s race". Start: Penzance in Cornwall. Ziel: Antigua, mit Zwischenstopp auf Teneriffa. Boote: Noch nicht, so wie heute, spezifisch existent. Die Pioniere des Minitransat (unter denen sich auch dieser Tage noch weithin bekannte Recken wie Jean-Luc Van den Heede, Halvard Mábire oder der Deutsche Wolfgang Quix befanden) versorgten sich damals mit Serienschiffen und modifizierten sie. Der spätere Sieger Daniel Gilard beispielsweise segelte eine Serpentaire. Wolfgang Quix aus Eberberg bei München segelte ein Waarschip 570, das kleinste Boot im 1977er-Starterfeld. Erst zwei Jahre später — das "Mini" startet jeweils im Herbst ungerader Jahre — räumte der Amerikaner Norton Smith alles ab, mit einer für damalige Verhältnisse extremen Tom-Wylie-Konstruktion namens "American Express". Deren Design den heutigen Minis verblüffend ähnlich sieht.
Zur Erinnerung: Das Feld beim Minitransat teilt sich in zwei Kategorien, in "Protos" und "Series". Die "Protos", von denen in La Rochelle 42 über die Linie gingen und zu denen auch Christian Kargls "prima nautica" gehört, sind innovative Einzelbauten und versprühen den Charme, der der Miniklasse längst zu eigen ist. So hängen sie riesige asymmetrische Spinnaker (keine Regel schränkt deren Fläche ein. Jedoch gebietet die Vernunft, dass der größte von ihnen meist "nur" knapp 80 Quadratmeter misst) zwischen drehbar am Bugkorb gelagerte Kohlefaserspieren und Masttopp. Das fast 30 Quadratmeter messende Großsegel schoten sie hinterm Mast. Und meist hebeln sie einen zwei Meter langen Bombenkiel nach Luv, um der gewaltigen Segelfläche ein ebenso gewaltiges aufrichtendes Moment entgegenzusetzen. Die drei Meter breiten Boote werden von zwei Rudern auf Kurs gehalten — und oft lediglich von einem sensiblen elektronischen Autopiloten. Mit einer Geschwindigkeit, die meistens im zweistelligen Bereich liegt, rasen die von berühmten Designern wie Finot/Conq, Marc Lombard oder Sébastien Magnen konstruierten Boote dahin. Mehr als die Hälfte des 23 Boote starken Feldes ist weniger als vier Jahre alt. An Protos ist wirklich nur die Länge klein.
Serienboote jedoch sind nicht viel weniger extrem und oft von "Protos" kaum zu unterscheiden. 30 von ihnen segelten gestern um 17 Uhr 17 in La Rochelle über die Linie. Ihre Riggs sind niedriger, ihre Rümpfe nicht aus Kohlefaser, sie sind wenige Zentimeter schmaler, und Pendelkiele sind ihnen verboten. Jahrelang war es — und ist es noch — die von Pierre Rolland gezeichnete bretonische Kleinyacht des Typs "Pogo", die bei den Serienbauten dominiert (obwohl sie streng genommen lediglich eine Klasse in einer Klasse in einer Klasse darstellt). Gerade bei schwerem Wetter von vorn schlägt der Pogo, der mit dem "Pogo II" aus dem Hause Groupe Finot längst einen Nachfolger hat, die filigranen Protos oft. Wie um Pogofans zu verwirren und einem spezifischen Serienbootduktus treu zu bleiben, starten jedoch auch Boote mit den putzigen Typennamen "Dingo", "Ginto" and "Zero" in der Serienklasse.
In der Klasse gehen auch zwei Frauen an den Start: Marine Chombart le Lauwe segelt ihren Pogo II nach Brasilien und hofft dort eher einzutreffen als Elaine Chua aus Singapur (Zero).
Frauen pflegen beim Minitransat übrigens eine große Tradition. Isabelle Autissier (1985), Ellen MacArthur (1997), Karen Leibovici (2001) oder Samantha Davies (2001): Alle waren sie bereits dabei.
Der Ausblick: "Die Taktik wird auf einen etwas nördlicheren Kurs ausgelegt", so Kargl. "Der Wind soll etwas abflauen. Ab morgen steuern wir dann direkt nach Kap Finisterre, wobei wir versuchen, diesmal etwas näher beim Land zu bleiben. Die portugiesische Küste werden wir weit backbord liegenlassen, um die etwas stärkeren Winde am offenen Meer zu nutzen. Und dann geht’s direkt nach Lanzarote."

Informationen unter:
www.transat650.org
www.SeaSailsurf.com
www.minitransat.at


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Themen: Minitransat

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