Jules Verne Trophy
"Spindrift 2" rammt UFO mit Schwert

Ein Stück Treibgut oder Eis hat die Spitze des Backbord-Schwertes abrasiert. Es entstand ein kleines Leck. Derweil holt "Idec Sport" auf

  • Andreas Fritsch
 • Publiziert am 09.12.2015

Idec Sport "Idec Sport" in voller Fahrt

Die Nachricht kam gestern abend und war eher knapp gehalten:

Das Backbord-Schwert wurde bei einer Kollision mit einem nicht identifiziertem Stück Treibgut beschädigt, nördlich der Kerguelen. Das "Winglet" an der Spitze brach während des Zusammenstoßes. Die Crew hat sofort eine umfassende Diagnose des Problems begonnen, besonders im Rumpf, wo ein kleines Leck am Schaft des Schwertes vom Composit-Spezialisten an Bord abgedichtet wurde, sobald es die Bedingungen zuließen. Es ist noch zu früh, um zu sagen, wie sehr das die Performance von "Spindrift 2" beeinträchtigt. Der Rekordversuch ist aber nicht in Gefahr.

Volodiaja/Navionics Die Boote nähern sich mit großen Schritten der Länge Australiens

Ein paar Stunden später war das Boot schon wieder mit über 30 Knoten Speed unterwegs, so ernst scheint es also tatsächlich nicht zu sein. Bei dem großen Tri hat das sichelförmig gebogene Schwert allerdings eine wichtige Aufgabe, wie Konstrukteur Vincent Lauriot-Prevost der YACHT bei einem Termin auf dem Boot 2012 erklärte. Das Schwert erzeugt viel Auftrieb, je schneller das Boot fährt, und drückt den Rumpf aus dem Wasser. "Spindrift 2" ist so konzipiert, dass es bei höherem Speed nur noch knapp 60 Prozent der benetzten Fläche im Wasser hat.

Live Bilder aus dem Southern Ocean

Doch viel wichtiger als der Speed ist der Sicherheitsaspekt: Der Auftrieb sorgt dafür, dass der Leerumpf nicht zu tief eintaucht und in einer großen Welle unterschneidet, was das Kenterrisiko sofort erhöht. Fast immer, wenn Tris kentern, hebeln sie sich durch den in einer Welle zu tief eintauchenden Leebug aus, der das Boot in der Welle brutal abgebremst hat. Ein gut funktionierendes Schwert ist also besonders für schnelle Fahrt bei viel Seegang wichtig. Da das Bauteil enormen Lasten ausgesetzt ist, bleibt zu hoffen, dass die Struktur nicht auf den folgenden Tausenden von Seemeilen irgendwann versagt. Es kommt häufig vor, dass ein gebrochenes Schwert bei hohem Speed anschließend Schwingungen entwickelt, die das Laminat auf Dauer dann zerstören. Von der Vendée Globe, aber auch dem abgebrochenen Rekordversuch von Pascal Bidégorry mit "Banque Populaire V" sind solche Fälle bekannt.

Derweil kommt obendrein von hinten auch noch "Idec Sport" wieder deutlich heran. Nachdem das Team mit dem Deutschen Boris Herrmann an Bord zeitweise über 800 Meilen zurücklag, konnten die fünf Mann um Skipper Francis Joyon in den letzten 36 Stunden reichlich Boden gut machen und liegen jetzt nur noch knapp 412 Seemeilen hinter dem Rekord; "Spindrift 2" hat einen Rückstand von 136 Seemeilen. Beide Boote sind schon fast durch den Indischen Ozean und nähern sich nun Australien. Zuletzt schickten sie ein spannendes Video von Bord, das zeigt, wie sich das Boot bei 39 Knoten im Soutern Ocean segelt.

Idec Sport Boris am Navi Platz

Heute Morgen mailte Skipper Joyon: Wir hatten eine ziemlich schwierige Nacht mit 33 Knoten Wind im Mittel und Böen bis 40 Knoten und hoher See. Das Boot bohrte sich immer wieder in sie hinein, und alles war sehr heftig. Wir haben gespürt, dass es leidet. Es war enorm viel Wasser an Deck. Nicht wirklich schönes Segeln. Aber wir müssen den Speed halten, weil wir uns Sorgen machen, vor dem Tiefs zu bleiben, das von Madagaskar herunterkommt. Wir könnten einen Tag gewinnen oder verlieren, je nachdem, ob wir vor ihm bleiben oder hinter ihm enden. Das ist der Grund, warum wir im Full-Speed-Modus gegen das Tief racen wie in der Bucht von Quiberon, obwohl wir zwischen 52 und 54 Grad Süd segeln, wo wir nach Eisbergen Ausschau halten müssen.

Auch Boris Herrmann meldete sich von Bord: Die letzten beiden Tage waren sehr anstrengend, besonders die letzte Nacht mit den starken Böen. Und zu der Sache mit dem Eis, das ist eher virtuell, wir haben bislang keins gesehen, nur auf dem Radar. Es stimmt, dass es seltsames Segeln ist mit 38 Knoten Bootsspeed, nachts und einer Sicht von unter einer Bootslänge. Aber ich bin froh, hier zu sein, und es ist normal, dass das Leben hier unten im Süden anstrengend ist."

Auf die Frage, ob sie irgendwelche Tiere gesehen hätten, antwortete er: Es ist überraschend, dass wir bislang nur wenige Albatrosse gesehen haben. Aber Hunderte von Möwen fliegen mit uns. Und gerade jetzt hat Gweno einen Wal gesichtet ...!


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Themen: Boris HerrmannIdec SportJules Verne TrophyKollisionSchwertSpindrift 2

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