Regatta-News
Segelmacherin Emma Richards

Around-Alone-Skipperin näht zerfetztes Großsegel im Southern Ocean

  • Matthias Beilken
 • Publiziert am 06.01.2003

Gäbe es da unten eine große Werkstatt, reichlich Material und kräftige Nähmaschinen, würden kernige Gesellen die Arbeit in vielleicht zwei Tagen verrichten können.

In kürzerer Zeit ist ein Großsegel eines Hightech-Open-60 wirklich nicht wieder zusammenzusetzen, wenn es einmal von Liek zu Liek gerissen ist.

Doch auf helfende Hände muss die in Schottland geborene Emma Richards auf ihrem Open 60 "Pindar" verzichten. Alles, was sie zur Verfügung hat, sind ihre Hände, ein Segelmacherhandschuh, derbe Nadeln und Takelgarn. "Das Boot surfte eine Welle herunter wie selten zuvor. Es wollte gar nicht mehr aufhören. Doch im Wellental brachte der Autopilot es nicht wie gewöhnlich wieder auf Kurs. Das Groß schlug kurz über und gleich wieder zurück. Dabei hörte ich das schreckliche Reißgeräusch."

Nach dieser unfreiwilligen Doppelhalse fuhr der Finot-Open-60 "Pindar", die ehemalige "Gartmore" des Briten Josh Hall, zwei Großsegel: ein oberes und ein unteres. Das obere hörte etwa bei der dritten Reffreihe auf. Und Skipperin Emma Richards wusste, dass ihr nun eine handwerkliche Mammutaufgabe bevorstand. Und dass die dritte Etappe des Around Alone für sie durch den Riss im Groß sportlich am Ende war wie das Segel selbst.

Seitdem sitzt Emma auf "Pindars" Großbaum in der Tasmanischen See. Und der holpert wie der Bock einer Präriekutsche. Nur, dass es dort auf dem Wasser wesentlich kälter ist als in Kutschenterritorien. Der Grund für Richards' unfreiwilliges Verweilen auf dem Großbaum ist Nähen. Stich für Stich und Zentimeter um Zentimeter. "Ich stichele, trenne auf und stichele erneut", so die Skipperin. Jeder Stich bringt sie und ihr Boot dem Ziel näher, das wracke Tuch möglichst bald wieder setzen zu können. Um es in Tauranga/Neuseeland professionellen Segelmachern zur Generalüberholung zu übergeben.

Bisher segelt der neue Solostar aus England auf dem Kurs einer Soll-Übererfüllung beim Around-Alone-Rennen. "Mein ursprüngliches Ziel war, einfach nur die Welt komplett zu umrunden. Irgendwann kam der Wunsch dazu, wenigstens eine Etappe unter den ersten drei zu beenden. Da das aber öfter der Fall war, wollte ich auch einen Gesamtplatz auf dem Podium. Die Panne mit dem Großsegel erinnert mich daran, dass ich mein erstes Ziel noch lange nicht erreicht habe."

Immerhin hat Richards Gesellschaft bei ihrer einsamen Fahrt ohne Großsegel: Der Amerikaner Bruce Schwab segelt mit seinem Open 60 "Ocean Planet" noch hinter Richards. Weil Schwab ebenfalls ohne Groß auskommen muss. Aber nicht, weil das Segel kaputt ist, sondern ein anderes Teil. Schwab hat das notorische Problem des Achterliektrimms bei Extremriggs gelöst, indem er "Ocean Planet" einen innovativen Niederdrücker verpasste. Einen, wie ihn die 49 Skiffs fahren. Doch der Hebel, der den Baum von oben niederhält, ist verbogen. "Ich musste ihn abbauen und habe versucht, ihn unter Deck im Kielkasten wieder geradezubekommen. Doch alles, was mir gelang, war, Kohlefaserlaminat aus dem Kasten zu brechen. Bis nach Neuseeland muss es ohne den Hebel gehen."

Diese Pannen scheinen die Skipper jedoch nicht von ihrer Lust aufs Segeln im Around Alone abzubringen. Richards und Schwab mailten sich die "besten Wünsche für ein Rennen nach Neuseeland ohne Großsegel" zu.
Lust auf mehr hat offensichtlich auch der Schweizer Bernard Stamm auf seiner "Bobst Group-Armor Lux". Denn er lässt seine Yacht trotz Führungsposition und baldigem Ziel kein bisschen langsamer fahren als möglich. Denn der Bretone Thierry Dubois stellt mit seiner "Solidaires" eine dauernde Bedrohung dar. Bleibt alles beim alten, wird Stamm am Donnerstag in Neuseeland eintreffen und die dritte Etappe dieses Marathons in Folge gewonnen haben.

Klasse 1, Open 60s
1. Bobst Group-Armor Lux, Bernard Stamm, 704 Meilen bis zum Ziel;
2. Solidaires, Thierry Dubois, 352 sm dahinter;
3. Hexagon, Graham Dalton, 627 sm dahinter;
4. Tiscali, Simone Bianchetti, 712 sm dahinter;
5. Pindar, Emma Richards, 1011 sm dahinter;
6. Ocean Planet, Bruce Schwab, 1099 sm dahinter.

Klasse 2, Open 50s und 40s
1. Tommy Hilfiger, Brad van Liew, 1963 Meilen zum Ziel;
2. Everest Horizontal, Tim Kent, 527 sm dahinter;
3. Spirit of Canada, Derek Hatfield,
810 sm dahinter;
4. Spirit of Yukoh, Kojiro Shiraishi, 971 sm dahinter;
5. BTC Velocity, Alan Paris, 1529 sm dahinter.


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Themen: Around AloneEmma RichardsErgebnisse

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