America's Cup
Segel-Krimi

BMW Oracle ringt Luna Rossa erst auf der Ziellinie nieder. Spanien chancenlos gegen Neuseeland

  • Carsten Kemmling
 • Publiziert am 15.05.2007

Gilles Martin-Ragetz BMW ORACLE Racing Kurz vor dem Ziel. BMW passiert knapp vor Luna Rossa. Chris Dickson hat die Mütze abgezogen

Segel-Krimi

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Segel-Krimi

Für Deutschland mag der America´s Cup vorerst beendet sein. Aber eigentlich geht es jetzt erst los. Der Wind ist da, die Sonne, die Cup-Stimmung, die Spannung. In einem unglaublichen Rennen verhindert BMW Oracle in letzter Sekunde das zwei zu Null von Luna Rossa.

Wieder strömen Tausende in den America´s Cup Hafen. Sie feuern das Heimteam an. Gott sei Dank ist es noch dabei! Auf der Strandpromenade bilden sich lange Schlangen, weil jemand grüne Spanien-T-Shirts verteilt. Vor der Leinwand im Hafen drängen sich die Menschen, um keine Sequenz der Rennen zu verpassen. Die Zuschauerboote sind voll besetzt auch wenn eine Karte nicht unter 50 Euro pro Person zu haben ist.

1. Stunde vor dem Start. Wo gestern noch Böen, Winddreher und Flautenlöcher das Spielfeld bestimmten wälzen sich heute Schaumkämme über den Parcours. Alinghi ist mit seinen beiden Yachten draußen und segelt Rennen auf einem eigenen Kurs. Team New Zealand trainiert mit seinen beiden Cuppern am Horizont. Auch BMW Oracle und Luna Rossa sind in Doppelbesetzung auf dem Wasser.

Nur die Spanier segeln alleine. Sie haben den Spinnaker gesetzt und stürmen mit schäumender Bugwelle auf die Startzone zu. Das zweite Boot steht in der Halle. B-Boot-Steuermann Jesper Radich kommentiert vom Medienboot.

Noch 30 Minuten. Die Spanier beginnen mit Start-Test. Immer wieder geben sie sich einen eigenen Count Down vor und versuchen, bei Null am Startschiff zu sein. Steuermann Jablonski übt das so genannte Time-on-Distance-Gefühl. Wann muss er bei diesen Wellen- und Windbedingungen lossegeln, um mit maximaler Geschwindigkeit an der Linie zu sein?

Prinz Felipe steht als 18. Mann im Heck. Der aktive Segler hat sich einen herrlichen Segeltag ausgesucht. Ob der Prada Modezar und Luna Rossa Teamchef Patrizio Bertelli ebenso seefest ist, wird sich zeigen. Der Italiener war gestern beim begeisternden Sieg gegen BMW Oracle an Bord. Heute muss er erneut als Maskottchen fungieren.

Noch 5 Minuten. Karol Jablonski und Dean Barker drehen ihr Schiff in die Startbox. Sie halten aufeinander zu. Neuseeland muss ausweichen. Taktiker John Cutler sagt später bei der Pressekonferenz: „Wir wollten klar die rechte Seite.“ Rechts erwartet das Wetterteam den besseren Wind und eine gute Drehung. Auch die Startlinie liegt rechts näher zum Wind.

Jablonski kämpft hart. Er bekommt die rechte Seite, ist aber zu spät dran. Sieben Sekunden beträgt der Rückstand auf der Startlinie. Aber es ist nur eine Bootslänge. Spanien wendet, um die erwartete Drehung mitzunehmen. „Aber die kommt leider einige Minuten zu spät“, sagt Cutler. Das Rennen ist früh verloren.

Auf dem letzten Vorwindkurs halbiert Desafio zwar den Rückstand um 28 Sekunden auf insgesamt 40 Sekunden, aber das ist nur ein Trostpreis. „Auf der Kreuz sind wir etwas langsamer“, gibt Cutler zu. „Aber vor dem Wind können wir attakieren.“

Das nächste Rennen startet. Chris Dickson ist von Anfang an unter Druck als er nach dem dial up nicht auf eine Halse verzichtet (siehe Grafik). Spithill nutzt seine Möglichkeit und gewinnt den Start um 9 Sekunden. Eine heftige Klatsche für Dickson.

Umso ärgerlicher für ihn, dass Spithill auch auf dem folgenden Schlag mit Wind von Backbord zeigt, dass er in der Lage ist, sehr gute Höhe mit seinem eckigen Cupper zu segeln, der schon als Schuhschachtel verhöhnt wurde. An der Luvtonne beträgt der Vorsprung der Italiener 58 Sekunden.

Aber man sollte Chris Dickson nie unterschätzen. Sein Team holte sich auf dem Vorwindkurs 38 Sekunden zurück. „Wir sind einfach aus dem Rhythmus gekommen“, sagt Luna Rossa Navigator Michele Ivaldi. Als die Italiener am Ende des Vorwindkurses noch eine 15 Grad Drehung falsch erwischten, war das Rennen wieder offen.

Auf der zweiten Kreuz lässt Taktiker Torben Grael einen Querabstand von eineinhalb Kilometern zu den Amerikanern zu. So hat schon Shosholoza ein Rennen gegen den gleichen Gegner verloren. Aber beim Aufeinandertreffen hat Luna Rossa noch knapp den Bug vorne.

Beim nächsten Cross luvt Chris Dickson aggressiv. Er fährt auf der letzten Rille. Maximales Risiko. Die Kappe hat er abgenommen. Das macht er sonst nie. Jetzt wird´s ernst. Aber das Luvmanöver geht ziemlich daneben. Spithill pariert perfekt.

Es sieht so aus, als werde bei BMW Oracle das Großsegel sehr spät zum Beschleunigen dicht geholt. Aber Navigator Peter Isler sagt, das müsse so sein. Jedenfalls verlieren die Amerikaner bei diesem Manöver fast zwei Bootslängen. Das macht an der Luvtonne einen 14 Sekunden Abstand aus.

Der letzte Vorwindkurs ist Nerven aufreibend. BMW Oracle übt starken Druck aus, greift mit einer Halse an, halst wieder zurück und erobert die linke Seite. Beim nächsten Cross schaffen es die Italiner nur knapp, vor dem Bug zu passieren. Fortan decken sie die linke Wegerecht Seite. Aber die Amerikaner holen diesmal rechts enorm auf.

Sie können einen deutlich tieferen Winkel segeln. Es ist nicht zu klären, ob das einem Design-Merkmal oder besserem Druck auf der rechten Seite zu verdanken ist. Aber deutlich wird, dass BMW Oracle vor dem Wind über eine gute Geschwindigkeit verfügt.

Auch wenn Peter Isler sagt: „Das ist hier bei diesen Bedingungen so. Vor dem Wind hat das zurück liegende Boot große Vorteile, weil es die Windänderungen besser nutzen kann.“

Der entscheidende Angriff kommt zum Ende des Vorwindkurses. Dickson ist zwar auf der rechten Seite schon in Führung gegangen, schafft es aber kaum vor dem Bug der Italiener zu passieren. Die halsen in Luv von ihm und können ihn in ihren Windschatten nehmen.

Dicksons Vorsprung schrumpft. Das Rennen scheint verloren. Dann steuert er einen sehr tiefen Kurs, so dass er den Wind genau von achtern bekommt. Fast schlägt der Großbaum auf die andere Seite. So kann Luna Rossa die Abdeckung nicht mehr aufrechterhalten. Beide Cupper dümpeln tief mit schlagenden Segeln.

Dann die Entscheidung. Dickson luvt plötzlich, Spithill ist darauf nicht vorbereitet. „Wir haben etwas zu spät reagiert“, sagt Michele Ivaldi. Dadurch beschleunigt Dickson um eine Sekunde eher. Das reicht ihm, um aus dem Windschatten der Italiener zu rutschen und den Wind nicht mehr von hinten, sondern vor den Segeln von Luna Rossa zu bekommen. So können sie nicht mehr abdecken. Das Rennen ist gelaufen.

Das BMW Oracle Team jubelt nicht im Ziel. So knapp hatte es sich seine Siege nicht vorgestellt. Und besonders Chris Dickson hat einige Schwächen gezeigt. Aber er und seine Mannschaft zeigten erneut ihre erstaunliche Comeback-Fähigkeit. Besonders der psychologische Effekt dieses Sieges mag mehr wert sein als der eine Punkt.

Emirates Team New Zealand 2 Punkte
Desafio Espanol 0

BMW Oracle Racing 1 Punkt
Luna Rossa Challenge 1

Modus: Wer zuerst fünf Punkte hat steht im Finale


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Themen: Jablonski

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