America's Cup
Schwarze Wolken am Cup-Horizont

Nach Andrew Simpsons Tod sind offizielle Untersuchungen angelaufen. Mit Team Luna Rossa erwägt einer von drei Herausforderern den Rückzug

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 12.05.2013

Noah Berger/AP Mahnmal: ein Bild des Wracks von Artemis Racing

Am America's-Cup-Horizont sind nach dem Unfalltod von Olympiasieger Andrew Simpson schwarze Wolken aufgezogen. Patrizio Bertellis italienisches Team Luna Rossa – einer von nur drei Herausforderern der amerikanischen Verteidiger – erwägt den Rückzug. Einige Segler, darunter viele Briten und enge Freunde Simpsons, sind in die Heimat geflogen, um in der schweren Zeit bei ihren Familien zu sein. Das Sailing Team Germany hat sein Nachwuchsteam aufgrund von Sicherheitsbedenken vom Youth America’s Cup abgemeldet.

Niemand hat gewollt, was in der vergangenen Woche in der Bucht von San Francisco geschah. Mit einer imposanten Segelschau auf Riesenkatamaranen wollten Larry Ellison, Russell Coutts und das Oracle Team USA den America’s Cup revolutionieren. Auf zwei Kufen statt wie bislang auf Einrumpfern wollten die Cup-Verteidiger und -Veranstalter "raus aus dem Flintstone-Zeitalter und rein in die Facebook-Generation". Der Plan hat die Segelgemeinde von Beginn an in begeisterte Anhänger und scharfe Kritiker gespalten.

Der neue America’s Cup sollte die Formel 1 der Meere sein. Nun ist er es. Mit allen schrecklichen Konsequenzen. Der Tod des überaus beliebten Olympiasiegers Andrew Simpsons schockt die Segelwelt und stellt das ohnehin umstrittene und teure Konzept in Frage. Einer von nur drei Herausforderern – zehn bis zwölf waren einmal angestrebt – erwägt nach dem Desaster am vergangenen Donnerstag sogar den Rückzug.

In einem Statement von Prada-Boss und Rennstallbesitzer Patrizio Bertelli, seit Jahrzehnten mit seinen Luna-Rossa-Teams einer der leidenschaftlichsten Cup-Jäger, hieß es am Samstag: "Der America’s Cup ist in seiner jetzigen Form nicht gut. Aus einem romantischen Cup ist ein Extremsport geworden. Ich werde mein Team entscheiden lassen, ob wir weitermachen und jede Antwort akzeptieren. Wir haben uns dafür 48 Stunden Zeit genommen."

Die Verteidiger vom Oracle Team USA und ihr Golden Gate Yacht Club, nach den Bestimmungen der historischen Cup-Stiftungsurkunde Formatgeber der folgenden Auflage, hatten für den 34. America’s Cup im Sommer vor San Francisco die traditionellen Einrumpfyachten durch monströse Katamarane ersetzt. Mithilfe der futuristischen Boliden sollten Medien und neue Fanmassen mobilisiert werden.

Die Riesenboote auf zwei Rümpfen sind 22 Meter lang und haben 40 Meter hohe Masten mit einem festen, 260 Quadratmeter großen Flügelsegel aus Kohlefaser und Trimmklappen, vergleichbar mit Tragflügeln von Flugzeugen. Darüber hinaus segeln die Boote mit Foils. Diese gebogenen Schwerter erzeugen Auftrieb und damit Höchstgeschwindigkeiten vor dem Wind. Weil das Boot aus dem Wasser gehoben wird, ist es noch schneller als sonst. Die Gefahr: Kommt es bei hoher Geschwindigkeit zum Strömungsabriss, fällt das Boot von seinen schmalen Stelzen, taucht tief ein und kann sich überschlagen.

Noch im März hatte Oracle-Skipper James Spithill im Rahmen einer Präsentation des Youth America’s Cup in San Diego gesagt: "Je stärker du beschleunigst, desto schneller segelst du. Aber es besteht die Gefahr, dass du gegen eine Wand fährst." Spithill stand selbst am Steuer, als der Katamaran der Verteidiger im Oktober 2012 gekentert war. Damals gab es trotz dramatischer Sturzszenen keine schweren Verletzungen.

Sander van der Borch / Artemis Racing Um ihn trauert die Segelwelt: Olympiasieger Andrew "Bart" Simpson wurde nur 36 Jahre alt

Andrew "Bart" Simpson hatte dieses Glück nicht. Der Stratege im Team Artemis Racing war nach Kenterung und Bruch des schwedischen Katamarans im Training unter der Plattform des Boliden eingeklemmt ertrunken. Der genaue Unfallverlauf wird noch rekonstruiert. Laut Berichten beteiligter Mitsegler konnten verzweifelte Rettungsversuche der Crew-Kameraden, die Simpson nach seiner Entdeckung unter dem Boot mehrere Notfall-Sauerstoffgeräte für jeweils ein paar Atemzüge gebracht haben sollen, den eingeklemmten Segler nicht retten. Seine Befreiung kam zu spät. Die Nachricht vom Tod des Vaters zweier kleiner Jungen hat die Segelwelt zutiefst erschüttert und dem America’s Cup in seiner neuen Form Kentergefahr beschert. Patrizio Bertelli sagte: "Es wird der erste und auch der letzte Cup mit AC72-Yachten sein."

Während San Franciscos Polizeibehörde und das America’s-Cup-Management unter Leitung von Regattadirektor Iain Murray die Untersuchungen zu Unglücksursache und Verlauf des Unfalls mit Todesfolge in Kooperation mit dem Team Artemis Racing aufgenommen haben, ist bis mindestens Montag jeglicher Einsatz der AC72-Katamarane verboten. Cup-Kenner aber machen sich keine Illusionen. Der zweimalige America’s-Cup-Gewinner Jochen Schümann sagt: "Den Unfalltod von Andrew Simpson möchte ich gar nicht kommentieren. Der Crash selbst kam nicht überraschend. Er war nicht der erste und wird nicht der letzte sein, denn die Rennen beginnen ja erst ..." Die Herausfordererrunde um den Louis Vuitton Cup soll am 7. Juli starten.

Die drei Herausforderer und Verteidiger Oracle Team USA treffen sich am Dienstag zu Gesprächen über mögliche Konsequenzen aus dem Unfall. "Das Treffen mit den Teams ist ein wichtiger nächster Schritt", sagte Iain Murray, "wir müssen alle Informationen offen austauschen, die Fakten zusammentragen und uns damit in eine Position bringen, aus der heraus wir Veränderungen vorschlagen, wenn nötig. Sobald wir die Informationen, die Fakten, die Daten beisammen haben, werden wir imstande sein, die Kette der Ereignisse nachzuvollziehen und herauszufinden, warum dieser Vorfall mit dem tragischen Verlust eines Menschenlebens endete."

In der Zwischenzeit wehrt sich das Sailing Team Germany vehement gegen die Kritik, man hätte sein junges Team nicht aus Sicherheitsbedenken und moralischen Gründen, sondern aus finanzieller Not vom Youth America's Cup zurückgezogen. Es waren Vorwürfe laut geworden, dass STG das Unglück zum Ausstieg nutzt, der ohnehin notwendig geworden wäre. "Das ist totaler Unsinn, die ganze Kampagne war ganz klar und hundertprozentig durchfinanziert. Vorwürfe dieser Art sind absolut nicht gerechtfertigt und unangemessen", sagte Geschäftsführer Oliver Schwall.


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Themen: America's CupAndrew SimpsonLarry EllisonPatrizio BertelliRussell CouttsSailing Team GermanyTeaser12_2013TodYouth America's Cup

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