America's Cup
Russell Coutts: "Die Kiwis haben das bessere Paket"

EXKLUSIV-INTERVIEW mit dem Schöpfer des aktuellen America's Cup. In Teil 1 huldigt der fünfmalige Cup-Gewinner Russell Coutts seinen Landsleuten

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert vor 4 Jahren
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ACEA/Gilles Martin-Raget Russell Coutts

YACHT online traf sich mit dem Dirigenten des 35. America's Cup zum Gespräch unter vier Augen: Olympiasieger, Matchrace-Ass, Yachtdesigner und Cup-Antreiber Russell Coutts gilt als Schöpfer der modernen Ära des Katamaran-Cups auf Foils. Der 55-Jährige hat das neue Cup-Format gegen viele Widerstände an der Seite des zweimaligen Cup-Gewinners und Verteidigers Larry Ellison durchgesetzt. Einige Kritik an seinem "America's Cup für die Facebook-Generation" ist zu Recht verstummt, andere geblieben. YACHT online erlebte im AC Club auf Bermuda mit Blick auf die Cup-Bühne des Great Sound einen offenen, selbstkritischen und erstaunlich entspannten Boss, der sich vor seinen Gegnern – die auch seine Landsleute sind – verneigt.

Herr Coutts, wie geht es Ihnen mit Blick auf das laufende Cup-Duell und die mauen Aussichten für Ihr Team Oracle Team USA, das gegen die Kiwis mit 0:3 zurückliegt?

Ich finde es vor allem schade, dass es bislang so eindeutig verläuft. Wir haben in den Challenger Playoffs so viele spannende Rennen gesehen. Es ist bedauerlich, dass das ausgerechnet im Finale nicht der Fall ist.

Meinen Sie denn, dass Ihr Team noch an das Emirates Team New Zealand herankommen kann?

Na ja, die Jungs arbeiten intensiv daran. Aber es ist anders als vor vier Jahren. Damals war ich überzeugt, dass Oracle das bessere Paket hatte. Sie mussten nur lernen, es optimal zu nutzen und optimal zu segeln. Dieses Mal haben ganz klar die Kiwis das bessere Paket. Es geht jetzt also darum, das Oracle-Paket so stark zu verbessern wie irgend möglich. Doch es ist ein sehr steiler Berg, den sie da emporklettern müssen.

ACEA2017/Sander van der Borch Hat laut Russell Coutts einen steilen Berg vor sich, wenn die Aufholjagd auf das Emirates Team New Zealand auch dieses Mal noch klappen soll: das Oracle Team USA

Was geschieht, wenn die Kiwis den Cup gewinnen? Glauben Sie, dass ein Teil Ihres neuen Konzepts für den America's Cup überlebt?

Ich habe keinen Zweifel daran, dass sie als Veranstalter des America's Cup einen guten Job machen würden. Ich bin aber nicht sicher, dass sie alle Teile des Konzepts übernehmen würden. Ich denke, dass gute Fernsehübertragungen auch in ihrem Interesse sein werden. Ich glaube, dass sie die küstennahen Rennen beibehalten werden. Sie könnten die Boote ändern...

... es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die Kiwis im Falle ihres Sieges möglicherweise mit einem italienischen Challenger of Record unter Führung von Patrizio Bertelli ("Luna Rossa") zusammenarbeiten und sich auf ein Einrumpfboot mit Foils einigen könnten. Und das, obwohl Bertelli als sehr abergläubisch gilt und einige italienische Cup-Experten bezweifeln, dass der Prada-Patriarch die Rolle als Challenger of Record übernehmen würde, weil in der Cup-Geschichte noch nie ein Challenger of Record gewinnen konnte...

Sie könnten die Boote ändern, wenn sie glauben, dass der America's Cup dadurch eine bessere Veranstaltung wird. Deswegen hat Oracle ja die foilenden Katamarane eingeführt. Wir hätten ja auch auf AC72-Katamaranen weitermachen können. Larry wollte einfach einen besseren Event aus dem Cup machen.

Dass sein Team so deutlich hinten liegt, gehörte aber nicht zum Plan...

Nein! Ich habe diese Woche mit ihm gesprochen. Natürlich hätte er es lieber gesehen, wenn sein Team erfolgreicher gewesen wäre. Ich denke aber, dass er am meisten darüber enttäuscht war, dass wir am vergangenen Wochenende nicht bessere, spannendere Rennen gesehen haben. Wir haben alle auf einen guten Kampf gehofft. Wir hoffen nun, dass Oracle in der Vorbereitung ein paar gute Veränderungen gelungen sind. Bisher war es ziemlich einseitig.

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Das recht restriktive Regelwerk macht aber große Veränderungen, etwa bei den Foils, fast unmöglich, oder?

Ich denke, man kann vieles verbessern. Auch die Foils. Sie werden also Veränderungen vornehmen. Ob das reicht, müssen wir sehen.

Gibt es Entscheidungen Ihrerseits, die Sie für diesen America's Cup getroffen haben und bedauern?

Ich empfinde kein sehr großes Bedauern. Für die Zukunft würde ich vermutlich die Boote so ändern, dass auch in Winden von 25 Knoten gesegelt werden kann. Ich denke nicht, dass man da schon Rennen absagen sollte. Nähme man die aktuellen Boote, müssten sie zu diesem Zweck ein kleineres Rigg bekommen. Außerdem performen diese Boote bei sehr leichten Winden auch nicht besonders toll, da sehen sie nicht so gut aus. Vielleicht könnte man ihnen dafür einen Leichtwind-Gennaker oder etwas ähnliches geben. Außerdem hätten wir in einer idealen Welt mehr Teams aus mehr Ländern. Allerdings müssen es wettbewerbsfähige Teams mit wettbewerbsfähigen Booten sein. Wir haben ja am vergangenen Wochenende gesehen: Ist ein Team nicht wettbewerbsfähig, dann ist das nicht gut. Davon abgesehen glaube ich, dass unser Gesamtpaket für den 35. America's Cup ganz gut ist.

Für ähnlich gute Boote müsste man das Regelkorsett theoretisch noch enger schnüren?

Das würde ich denken, ja. Andererseits segeln wir jetzt die erste Auflage mit den neuen Booten. Da könnte es sich schon bei der nächsten Auflage in die richtige Richtung bewegen.

In Teil 2 des Interviews huldigt Russell Coutts morgen Neuseelands neuem Segelstar Peter Burling. Er erzählt, dass er mit seinem einstigen Intimfeind Ernesto Bertarelli heiter diniert hat. Coutts schwärmt von der innovativen Kiwi-Kultur und seiner neuen Leidenschaft.

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Themen: America's CupEmirates Team New ZealandOracle Team USARussell Coutts


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