Portimão Global Ocean Race
Noch mal Hochspannung auf den letzten Meilen

Die favorisierten Deutschen haben in 24 Stunden mehr als 50 Seemeilen verloren. Wird es zum Schluss noch eng?

  • Jochen Rieker
 • Publiziert am 11.01.2009

Beluga Offshore Sailing "Beluga Racer": 80 Meilen vorn, aber reicht das?

Es ist ein Rennen im Rennen. Eigentlich das einzige Rennen überhaupt nach zwei Ausfällen auf der Etappe von Kapstadt nach Wellington: "Beluga Racer" gegen "Desafio Cabo de Hornos". Deutschland gegen Chile. Weniger als 100 Meilen trennen beide Teams nach vier Wochen auf See.

Es ist ein stressiges Wochenende in der Tasmanischen See gewesen. Vor allem für Boris Herrmann und Felix Oehme. Die beiden Jungstars der Class 40, die bereits die erste Etappe gewannen, lagen Sonnabend noch mit fast 140 Seemeilen in Führung. Ein eigentlich komfortables Polster.

Doch dann mussten sie zusehen, wie ihre Widersacher aus Chile, die schon das Finish vor Kapstadt spannend gemacht hatten, Meile und Meile an sie heranfuhren:

PGOR "Desafio Cabo de Hornos": massiv aufgeholt, aber taktisch schlechter positioniert

136,4 sm
131,2 sm
124,1 sm
121,0 sm
114,2 sm
105,4 sm
98,5 sm
89,1 sm
83,1 sm

So schmolz ihre Führung mit jeder Positionsmeldung wie das Eis der Elbe in der Sonne. Alle drei Stunden fehlten zwischen 3 und fast 10 Seemeilen. Ein Psychothriller für die beiden Deutschen.

Vor fünf Tagen war es Felipe Cubillos und Jose Munoz genauso ergangen. Da zogen Boris und Felix ihnen unaufhaltsam davon. Jetzt das gleiche Spiel mit vertauschten Rollen. Die Gejagten werden zu Jägern. Entsprechend martialisch formulierten die Chilenen auch ihre Attacke: "Falls es in den Geschichtsbüchern noch nichts Entsprechendes gibt, wird dies die 'Schlacht der Tasmanischen See'", schrieb Cubillos.

Und er fuhr fort: "Das ist unmöglich, werden Sie denken. Und ja, da stimme ich Ihnen sogar zu. Es wird schwierig … Aber ich bevorzuge, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen." Das hat er offenbar getan, wie die GPS-Plots von Sonntag beweisen. Dank etwas frischerem Wind loggten die Chilenen permanent 2, manchmal sogar fast 3 Knoten höhere Geschwindigkeiten als die Deutschen auf "Beluga Racer". Das wird an deren Nerven gezerrt haben.

PGOR Race Tracker von Sonntagabend: Wer kommt schneller um das Hoch herum?

Entscheidend aber ist die Frage: Was passiert in den verbleibenden vier Tagen, auf den letzten 750 Seemeilen bis Wellington?

Viel spricht derzeit dafür, dass Boris und Felix ihren Vorsprung bis ins Ziel retten, womöglich sogar noch ausbauen können. Das sind die Faktoren für den Erfolg:

1. Taktisch bessere Position im Süden

Die Crew der "Beluga" wird, wenn sich das Hoch zwischen Tasmanien und Neuseeland entsprechend der Prognose verlagert und allmählich auflöst, von Montag früh MEZ an mit besserem Wind rechnen können und zudem mit etwas besserem Einfallswinkel. Das könnte reichen, um den Sack zuzumachen und "Desafio" abzustreifen.

Boris und Felix werden zunächst mit 15, dann 10 Knoten Wind aus WSW, später SSW nah an die SW-Spitze Neuseelands segeln, wo dann wieder frischerer Wind einsetzen sollte. Unterdessen könnten die Chilenen auf ihrem Ost-Kurs "verhungern", wo es Montag auf 5 Knoten abflaut.

2. Seglerisch höheres Potenzial

Im gesamten Rennen, das beide Crews bereits fast halb um die Erde geführt hat, waren die Jollensegler aus Deutschland ihren härtesten Konkurrenten nahezu immer leicht überlegen.

Solange nicht Bruch oder grobe taktische Schnitzer die Situation einseitig verändern, sollten sich Boris und Felix das Heft nicht mehr aus der Hand nehmen lassen.

Ihre Akilaria 40 ist ein anerkannt schnelles Boot, das nicht zuletzt am Wind sehr hohes Potenzial hat. Allerdings gilt das auch für die von Guillaume Verdier konstruierte "Desafio", ein Schwesterschiff des Class-40-Altmeisters Giovanni Soldini.

Vermutlich werden die nächsten 48 Stunden die Vorentscheidung bringen, wer als Erster in Wellington einläuft. Wenn, und es ist kein kleines Wenn, es überhaupt Zweifel gibt am Sieg der Deutschen.


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Themen: Boris HerrmannClass 40KapstadtOehmePortimãoSouthern OceanWellington

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