Neue Wende im Fall der Protestflut nach Etappe eins
Wie das Mini-Transat seine Unschuld aufs Spiel setzt

Miniisten im Disput über Moral und Regelwerk – die unendliche Protestgeschichte geht weiter: Fink und Kargl lassen pauschale Zeitgutschriften prüfen

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 22.10.2021
Hoffnungsfroh waren die Mini-Segler am 27. September vor Les Sables-d'Olonne in das 23. Mini-Transat gestartet. Dass diese erste Etappe nach Santa Cruz de La Palma für eine Protestflut sorgen würde, die nun die Mini-Gemeinde spaltet, konnte da noch niemand ahnen Hoffnungsfroh waren die Mini-Segler am 27. September vor Les Sables-d'Olonne in das 23. Mini-Transat gestartet. Dass diese erste Etappe nach Santa Cruz de La Palma für eine Protestflut sorgen würde, die nun die Mini-Gemeinde spaltet, konnte da noch niemand ahnen Hoffnungsfroh waren die Mini-Segler am 27. September vor Les Sables-d'Olonne in das 23. Mini-Transat gestartet. Dass diese erste Etappe nach Santa Cruz de La Palma für eine Protestflut sorgen würde, die nun die Mini-Gemeinde spaltet, konnte da noch niemand ahnen

Minitransat EuroChef / Vincent Olivaud Hoffnungsfroh waren die Mini-Segler am 27. September vor Les Sables-d'Olonne in das 23. Mini-Transat gestartet. Dass diese erste Etappe nach Santa Cruz de La Palma für eine Protestflut sorgen würde, die nun die Mini-Gemeinde spaltet, konnte da noch niemand ahnen

Es kehrt keine Ruhe ein im Etappenhafen Santa Cruz de La Palma: Nachdem eine Jury-Entscheidung infolge der Protestflut nach Etappe eins 18 protestierenden Skippern und ihren Booten eine pauschale 24-Stunden-Gutschrift zugesprochen hat, wehren sich nun Etappensieger Melwin Fink, der Etappen-Zweite Christian Kargl und auch der Schotte Piers Copham. Sie wollen die Entscheidung, die in ihren Auswirkungen vor allem ihre auf See erbrachte Leistung empfindlich bestraft, in dieser pauschalen Höhe nicht kampflos akzeptieren. Nach der Jury-Entscheidung liegt Melwin Fink zwar immer noch auf Platz eins – jedoch nicht mehr mit dem riesigen Vorsprung, den der 19-Jährige auf dem Wasser ersegelt hat. Vor dem auf Platz zwei vorgerückten Hugo Dhallenne ("YC Saint Lunaire") hat Fink nur noch knapp zwei Stunden Vorsprung. Christian Kargl ist sogar auf Platz 13 zurückgefallen. So verrät es die Ergebnisliste bei Yellowbrick, aber nicht die auf der Homepage des Mini-Transats, die am Freitagnachmittag immer noch die ursprünglichen Ergebnisse anzeigte.

Minitransat EuroChef 2021/ Vincent Olivaud Nach der jüngsten Jury-Entscheidung von Platz 2 auf Platz 13 zurückgefallen: der Österreicher Christian Kargl. Er lässt aktuell sein Ergebnis noch einmal überprüfen

Der Deutsche und der Österreicher waren auf der ersten Etappe von Les Sables-d'Olonne nach Santa Cruz de La Palma nicht der "Empfehlung" der Wettfahrtleitung gefolgt, einen Schutzhafen aufzusuchen. An dieser "Empfehlung", die von den Skippern und Skipperinnen ganz unterschiedlich als "Ersuchen", "dringender Rat" bis hin zur "Anordnung" verstanden und interpretiert wurde, entzündeten sich in der Folge die zunehmend heftigen Diskussionen. Fakt ist: Einen offiziellen Rennabbruch hat es nicht gegeben. Jedoch pocht die Mehrheit der Mini-Segler, die nach der Warnung der Wettfahrtleitung vor dem herannahenden Sturm und der damit verbundenen "Empfehlung" zum Aufsuchen eines Schutzhafens gefolgt waren, auf das Recht der Majorität und den Korpsgeist in der Mini-Klasse. Viele sahen sich benachteiligt, weil sie – für ganz unterschiedlich lange Zeiten – einen Schutzhafen aufgesucht und ihren Kurs erst danach wieder fortgesetzt hatten.

Melwin Fink und Christian Kargl dagegen hatten ihren Kurs zunächst ohne Stopp fortgesetzt, hielten die Bedingungen nach später neu eingetroffenen Wettervorhersagen für segelbar. Beide hatten die Ansagen der Wettfahrtleitung, die sie empfangen und hören konnten, als "Kann" und nicht als "Muss" interpretiert und sich darüber auch verständigt. Beide hatten zum Zeitpunkt ihrer Entscheidung keinen Überblick darüber, dass die gesamte Flotte bis auf den Schotten Piers Copham der "Empfehlung" der Wettfahrtleitung gefolgt war oder folgen würde. Beim Rückblick auf die Entscheidungskette der Beteiligten ist wichtig zu wissen, dass Mini-Segler in ihrer Kommunikation stark eingeschränkt sind und nicht die Informationsmöglichkeiten wie beispielsweise Vendée-Globe-Skipper haben. "Ich habe nicht damit gerechnet, dass so viele stoppen", hatte "SignForCom"-Skipper Melwin Fink nach seinem Zieldurchgang erklärt. Ohne Stopp hatte er das Etappenziel Santa Cruz de La Palma als Erster der Serienbootwertung nach starker und konzentrierter seglerischer Leistung und nur zehn Tagen, 35 Minuten und 37 Sekunden erreicht.

"All Hands On Deck"-Skipper Kargl musste aufgrund leerer Batterien doch noch einen unerwarteten 15-stündigen Stopp einlegen und kreuzte die Ziellinie vor der Kanareninsel gut 19 Stunden nach Melwin Fink als Zweiter. Gut sechseinhalb Stunden nach Kargl war mit Hugo Dhallenne ("YC Saint Lunare") der erste französische Verfolger ins Ziel gekommen. Weil Kargl im Hafen "repariert" hat, wurde er von der Jury explizit aus der Gruppe jener Skipper herausgenommen, die eine 24-Stunden-Gutschrift erhalten haben. In dieser nun bevorteilten Gruppe wurden allerdings von der Jury nicht alle Segler befragt, ob auch sie den Hafenstopp für kleine oder große Reparaturen genutzt haben.

Minitransat EuroChef 2021 / Alexis Courcoux Da durfte er noch jubeln: Etappensieger Melwin Fink bleibt auch nach der jüngsten Jury-Entscheidung vorne. Sein ersegelter Vorsprung ist allerdings auf unter zwei Stunden zusammengeschmolzen

Verlierer des Tauziehens um Moral, Regeln und Gerechtigkeit ist die gesamte Mini-Klasse

Nicht nur der zunächst als starker Etappen-Zehnter gelistete Lennart Burke, der als erfahrener Regattasegler nach dem Zieldurchgang der ersten Etappe sicherheitshalber protestiert hatte, damit eventuelle Entscheidungen nicht an ihm vorbeigehen, beschreibt die Stimmung in der Mini-Klasse nun als "traurig". Mit "mulmigem Gefühl" blickte der "Vorpommern"-Skipper auf die für Samstag geplante Siegerehrung und machte sich Gedanken darüber, wie die Stimmung wohl sein würde. Ob die Preisverleihung wie geplant stattfinden kann, blieb am Freitagnachmittag offen, weil die in aller Welt verstreute fünfköpfige internationale Jury nun erneut per Online-Konferenz zusammenkommen muss, um über die Einsprüche von Fink, Kargl und Piers Copham zu entscheiden. Kargl hat am Freitagvormittag einen Antrag auf Überprüfung seines Resultats eingereicht und wartet auf die Entscheidung. Fink hat einen Antrag auf Wiedereröffnung des Verfahrens eingereicht. Ihm ist vor allem wichtig, dass endlich alle Betroffenen angehört werden. Auch mit ihm ist nicht gesprochen worden.

Klar ist schon vor den ausstehenden Jury-Entscheidungen über diese beiden jüngsten Anträge im Protest-Chaos: Verliererin des Tauziehens um Moral, Regeln und Gerechtigkeit ist die gesamte Mini-Klasse, weil eine für alle gerechte Lösung außer Sicht geraten ist. Verursacht durch die Entscheidung der Wettfahrtleitung gegen einen offiziellen Etappen-Abbruch und für die nicht eindeutige "Empfehlung" einen Schutzhafen anzulaufen, sind die unterschiedlichen Reaktionen der Segler und Seglerinnen und der daraus entstandene Disput erst möglich geworden. Zunächst unterschiedliche Publizierungen von Jury und Veranstaltern haben für weitere Verwirrung gesorgt. Dabei haben Fink und Kargl nichts anderes getan als das, wofür sie angetreten sind: eine laufende Seeregatta nach ihrem Ermessen von guter Seemannschaft zu bestreiten und bestmöglich zu Ende zu bringen. Noch einmal anders liegt der Fall des ebenfalls betroffenen Schotten Piers Copham, der als Zwölfter der Protowertung ins Etappenziel gekommen war. Er hatte sich in Folge der "Empfehlung" der Wettfahrtleitung gegen einen Hafen-Stopp entschieden, weil er die Gefahren des Einlaufens in eine kleine Hafeneinfahrt als höher bewertet hatte als die von ihm bevorzugte: draußen auf See zu bleiben. Dort drehte er bei, ließ die Fock backstehen und wetterte den Sturm ab, bevor er seinen Kurs fortsetzte. Gegenüber anderen Miniseglern äußerte er später noch, es sei doch nur ein typischer Segeltag gewesen, wie er in Schottland andauernd vorkäme. Dass Copham für seine seglerische "Stopp-Lösung" auf See von der Gutschrift-Entscheidung der Jury nicht profitieren soll, findet er hart zu akzeptieren.

Minitransat EuroChef 2021 / Alexis Courcoux

"Eigentlich war jeder im Recht"

In den sozialen Netzwerken laufen die Mini-Drähte weiter heiß. Da ist vielfach von "Farce", "Skandal" und "Ungerechtigkeit" die Rede. Lauter Begriffe, mit denen gerade die eng miteinander verwobene Mini-Familie sonst so gar nicht assoziiert wird. Dass die Internationale Jury ihre Entscheidungen aus der Ferne und ohne Interviews mit oder Stellungnahmen aller betroffenen Segler fällen musste, macht den ausufernden Fall nicht besser. Lennart Burke, der freimütig und fair einräumt, er könne alle Segler-Ansichten in diesem Fall nachvollziehen, sagt: "Eigentlich war jeder im Recht. Ich weiß auch nicht, was los ist. Da war so einiges extrem unprofessionell, was passiert ist." Ihn beispielsweise habe die Jury nicht befragt. Auf die Frage, ob die allgemeine 24-Stunden-Gutschrift-Regel für alle Protestierenden eine gerechte Lösung sei, sagte Burke: "So eine allgemeine Lösung, wie sie jetzt festgelegt wurde, ist immer schwierig. Die Boote haben unterschiedlich lange gestoppt. Die ganze Situation ist schade, schade, schade und spaltet die Klasse." Seiner Freundschaft mit Fink und Kargl tue sie aber keinen großen Abbruch: "Zwischen uns ist alles gut." Die drei sprechen nach wie vor miteinander, gehen zusammen essen." Wenn es allerdings um das aktuelle Thema gehe, räumt auch Burke ein, herrsche "schon etwas Zurückhaltung". Eine Woche bleibt allen Verantwortlichen, die Wogen zu glätten und die Flotte mit den bestmöglichen Entscheidungen am 29. Oktober in die zweite Etappe über den Atlantik zu schicken.

Minitransat EuroChef 2021 / Vincent Olivaud Nach wie vor "gut miteinander", obwohl sie die umstrittene Etappe ganz unterschiedlich absolviert haben (v.r.): Lennart Burke, Melwin Fink und Christian Kargl


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Themen: Mini-Transat

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