Olympia-Ausscheidung
Nationenticket und Endkampfchance

Deutschlands beste Segler kämpfen ab Samstag in Australien um die Teilnahme an den Olympischen Spielen 2012. Chancen, Modus und Termine

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 02.12.2011

STG Die besten deutschen Segler in den olympischen Disziplinen

Kurz vor Weihnachten steigt auf der anderen Seite der Erde das große Finale der vorolympischen Segelsaison. Vom 3. bis 18. Dezember kämpfen die deutschen Segler bei der Weltmeisterschaft der olympischen Klassen vor Perth und Fremantle an der westaustralischen Küste um maximal 16 Olympiafahrkarten. 34 von insgesamt 39 deutschen Startern dürfen sich noch Hoffnungen machen.

Mit rund 1100 Teilnehmern aus 80 Ländern und 5000 Helfern blicken die australischen Gastgeber der größten jemals in ihrem Land veranstalteten Segelregatta entgegen. Als Sportereignis wird die Weltmeisterschaft etwa dreimal so groß sein wie der im gleichen Revier 1987 ausgetragene 26. America’s Cup.

„Wir erwarten keinen Medaillenregen, doch wer 2012 bei den Olympischen Spielen erfolgreich starten will, der sollte bei der Weltmeisterschaft Leistungen im einstelligen Bereich bringen“, sagte DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner zu den Erwartungen an die Aktiven. Für die heißt es alles oder nichts, stellvertretend bringt es der 21-jährige Lasersegler Philipp Buhl so auf den Punkt: „Vollgas nach vorn, kein Psychoterror, kein Duell, kein Hosenscheißen. Einfach einen großen Entwicklungsschritt machen.“

In Down Under haben die deutschen Segler eine vierfache Herausforderung zu bestehen: den WM-Kampf um Medaillen und Top-Platzierungen, die Qualifikation ihrer Nation für jede der zehn olympischen Disziplinen, die Erfüllung der vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) vorgegebenen Teilnahmebedingungen für die Olympischen Spiele und das Lösen der eigenen Olympiafahrkarte mit dem Sieg in der DSV-Wertung.

Die Nationenqualifikation
Bei den Titelkämpfen werden pro Disziplin 75 Prozent aller Startplätze für die olympische Segelregatta 2012 vergeben. Um die restlichen 25 Prozent wird 2012 bei den Einzelweltmeisterschaften der Klassen bis 1. Juni „last minute“ gerungen. Dieser Zitterpartie möchten die deutschen Segler mit einer frühzeitigen Qualifikation entgehen.

Für die unterschiedlichen Segeldisziplinen bedeuten 75 Prozent sehr unterschiedliche Möglichkeiten. Während für die Duellseglerinnen in der Frauendisziplin Matchrace in Australien nur acht Olympiatickets zu haben sind, werden im Laser 35 Fahrkarten verteilt. Es liegt an den unterschiedlichen Starterzahlen bei den Olympischen Spielen: Im Matchrace segeln 2012 nur ein Dutzend Teams um die Medaillen, im Laser kämpfen dann 48 Steuermänner um Edelmetall.

Der gesicherte Nationenstartplatz ist die Grundvoraussetzung für die Teilnahme einer Mannschaft an den Olympischen Spielen. Darüber hinaus aber müssen die DOSB-Norm erfüllt und die nationale Ausscheidung gewonnen werden. Es ist in der Vergangenheit schon vorgekommen, dass ein Team Deutschland in einer der zehn olympischen Segeldisziplinen für die Olympischen Spiele qualifiziert, ein anderes Team aber die individuelle Fahrkarte löst und diesen Startplatz bekommt.

Die Endkampfchance
Der DOSB erwartet von seinen angehenden Olympiateilnehmern den Nachweis der sogenannten Endkampfchance. Hierzu werden vom Deutschen Segler-Verband alle Teilnehmer an den drei für die deutsche Ausscheidung festgelegten Regatten (die WM ist die dritte und letzte) in einer besonderen Wertung erfasst. Alle deutschen Teilnehmer, die nach Ende der Ausscheidung in dieser DSV-internen Wertung unter den besten zehn Nationen (nicht Einzelstarter) geführt werden, erfüllen die DOSB-Norm.

Die nationale Ausscheidung
Während die Nationenqualifikation und die Erfüllung der DOSB-Norm für die Mehrheit der deutschen Segler machbar erscheint, sorgt das Finale der dreiteiligen nationalen Ausscheidung für Hochspannung. Im Starboot kämpfen vier Teams fast Kopf an Kopf um nur eine Olympiafahrkarte: Die Berliner Robert Stanjek/Frithjof Kleen liegen mit 19 Punkten knapp vor den Rostockern Alex Schlonski/Matthias Bohn (18 Punkte), den Hamburgern Johannes Polgar/Markus Koy (17 Punkte) und den Lübeckern Johannes Babendererde/Timo Jacobs (13 Punkte). Experten erwarten einen heftigen Schlagabtausch und hoffen, dass der fair bleibt. Die beteiligten Segler sind entsprechend vorbereitet. „Wir haben mental unsere Hausaufgaben gemacht“, sagt Robert Stanjek, „doch wer beginnt, sich auf den nationalen Vierkampf zu konzentrieren, wird keine Chance haben, in dem Weltklassefeld in die Top 10 zu fahren.“ Die Kampfansagen an die Konkurrenten sind gemacht. Der Zweitplatzierte Alex Schlonski sagt: „Unsere Ausgangslage ist gut. Wir können es als beste Deutsche bei der WM aus eigener Kraft schaffen und müssen nicht auf bestimmte Ergebniskonstellationen hoffen.“ Der Drittplatzierte Johannes Polgar kontert: „Wenn wir gesund und unverletzt bleiben, haben wir großartige Chancen, unser Ziel zu erreichen. Die Trainingsergebnisse haben uns viel Selbstvertrauen gegeben.“ Und auch die Viertplatzierten haben noch nicht aufgegeben. „Wir genießen die Rolle des Jägers“, sagt Timo Jacobs. „Wenn die anderen Fehler machen, werden wir die nutzen.“

Das ausgeklügelte DSV-Punktesystem dieser nationalen Ausscheidung eröffnet auch den Verfolgern Chancen: 30 Punkte gibt es für WM-Gold, 27 für Silber, 23 für Bronze. Platz vier wird mit 17 Zählern belohnt. Danach gibt es für jeden weiteren Platz einen Punkt weniger. Die Podiumsplätze wurden mit besonders hoher Punktzahl versehen, um die Qualifikanten zu Höchstleistungen anzutreiben und sie davon abzuhalten, sich im Mittelfeld nur gegenseitig zu belauern oder zu bekriegen und Deutschland damit eine mäßige WM-Bilanz zu bescheren.

In der Laserklasse könnte es zur Fortsetzung des Duells zwischen dem in der Ausscheidung mit sechs Punkten führenden Simon Grotelüschen und seinem Jäger Philipp Buhl kommen. Bei den 470er-Frauen liegen Kathrin Kadelbach/Friederike Belcher (Berlin/Hamburg) und Tina Lutz/Susann Beucke (Bergen/Kiel) nur zwei Punkte auseinander. National ungefährdet starten nur die RS:X-Surfer Toni Wilhelm (Dogern) und Moana Delle (Kiel) sowie Silke Hahlbrocks Matchrace-Team in die Weltmeisterschaft. Hahlbrock erwarten jedoch die schwersten Rahmenbedingungen. Die Hamburgerin muss in die Top 8 segeln, wenn sie ihre Olympiafahrkarte frühzeitig sichern und im kommenden Jahr nicht bangen will. Ihr Team eröffnet die Titelkämpfe – je nach Auslosung und Gruppenzugehörigkeit – am Samstag oder Sonntag als erstes DSV-Team.

Die Termine für die Medalraces:
11. Dezember: Laser Radial, 470er Männer, RS:X Frauen, Finn-Dinghy
16. Dezember: Matchrace Frauen
17. Dezember: Star
18. Dezember: 470er Frauen, 49er, RS:X Männer, Laser


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Themen: EndkampfchanceFremantleNationenticketOlympische SpielePerth

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