Bordbuch der "Meltemi"
Mitten im Tief

YACHT-Chefredakteur Jochen Rieker berichtet von Bord der "Meltemi"

  • Jochen Rieker
 • Publiziert am 27.06.2003

YACHT/J. Rieker Schlechtes Vorzeichen: Fallender Luftdruck auf Bridget Sucklings Regatta-Timer Suunto M9 kündet vom nahenden Sturmtief

Mi 27.6., 14. Tag auf See, 08:31 UTC: Position 51 Grad 06 N, 35 Grad 31 W, Wind W 7 bis 8 Bft., Welle 3 Meter, Kurs 40 Grad, Fahrt über Grund 8 bis 12 kn, Groß zweifach gerefft, Sturmfock

Von ihrem Team-Sponsor beim Volvo Ocean Race 2001/02, der finnischen Amer Group, hat unsere neuseeländische Vorschiffsfrau Bridget Suckling noch eine Armbanduhr, die etwa 38 verschiedene Funktionen hat - die Anzeige der Zeit nicht eingerechnet. Zu den Besonderheiten der Suunto M9 gehört ein Barograph, der Luftdruckveränderungen während der vergangenen Stunden speichert. Heute gleicht die Grafik dem Kursverlauf des Dax seit April 2000 - eine Treppe nach unten, beginnend mit 1016 Millibar, derzeit bei 1002. Tendenz: weiter fallend.

Die Wunderuhr liefert eine Gewissheit, die wir nicht bräuchten. Längst ist das angekündigte Sturmtief über uns, und mit ihm alle Folgeerscheinungen: Starkwind, Regen, hohe See, tief hängende Wolken. Was die Uhr nicht sagt, aber unsere Wetterberater an Land: Das Tief wird uns noch bis Sonnabend in Schach halten - und in Atem.

Gestern nacht um 20 Uhr UTC nahm der Wind das erste Mal bis auf 7 Beaufort zu. Bis dahin waren wir mit ausgebaumter Genua 1 und vollem Groß zügig unterwegs. Eine Böe von achtern und eine schräg dazu laufende See hebelten unsere 42-Fuß Comfortina förmlich aus dem Kurs. Trotz schnellen Gegensteuerns lief das Schiff aus dem Ruder und legte eine ungewollte Halse hin. Statt von Backbord kam der Wind plötzlich von Steuerbord. Weil die Segel aber alle festgelascht waren, und zwar auf der eigentlich richtigen, nun aber falschen Seite, legte sich die "Meltemi" weit über.

Niemand war so recht auf diese Patenthalse vorbereitet gewesen. Deshalb dauerte es einige Minuten, bis wir den Spibaum weg und alle Schoten klariert hatten. Es war eine kleine Vorwarnung auf das, was noch kommen sollte. Skipper Harald Graf Saurma aus Eckernförde wusste das; er hatte kurz zuvor noch einmal die jüngsten Wetterinformationen studiert. Also ließ er die Genua 4 klar machen und zwei Reffs ins Groß binden. Die schwere Genua 1 war noch nicht unten, da orgelte der Wind in Böen bereits mit bis zu 8 Beaufort. Gischt flog übers Vorschiff und begrub die Crew, die das Vorsegel an Deck zerrte, unter sich.

Etwa zeitgleich fielen im Cockpit die Windisntrumente aus, die wichtigste Orientierungshilfe für Segler bei Nacht - wichtiger noch als der Kompass. Sie zeigen Windrichtung und Stärke an und helfen gerade auf raumen und Vorwind-Kursen, ungewollte Halsen zu vermeiden. Bereits zwei Mal in den vergangenen 14 Tagen hatten sich die Silva-Geräte verabschiedet. Jedes Mal hatten wir sie wieder zum Laufen gebracht. Doch an eine Überprüfung der Kabelverbindungen im Masttopp war bei diesen Bedingungen nicht zu denken. Harald, der schon zuvor die Devise ausgegeben hatte, dass im Sturm Sicherheit an erster Stelle stehe, entschied sofort, statt der Genua 4 die Strumfock zu setzen. Das würde uns genügend Reserve geben, sollte der Wind weiter zulegen.

Sieben Mann arbeiteten jetzt fieberhaft an Deck, besser gesagt: fünf Mann und unsere beiden sturmerprobten Hochsee-Profis Anna Drougge und Bridget Suckling. Bis das Schiff klar war, brauchten wir dennoch fast eine Stunde. Aber auch das reichte noch nicht. Weil es in der Dunkelheit ohne Instrumente praktisch unmöglich war, Wind und Welle zu erahnen und einen kontrollierten Kurs zu steuern, halsten wir kurze Zeit später in einer schweren Böe gleich noch einmal ungewollt. Daraufhin bargen wir das Groß ganz, laschten den Baum doppelt fest und "schlichen" mit nur noch 6 bis 7 Knoten Fahrt durch die Nacht.

Am Morgen, als wir wieder die Hand vor Augen sehen konnten, stellten wir fest, dass der Geräteträger an der Steuersäule abgebrochen war - ein Stück verchromten Edelstahls, so stark wie der Auspuff eines getunten VW Golf. Die Großschot muss bei einer der beiden Patenthalsen dort hängen gebliebem sein, oder der Großbaum hat beim Bergen des Segels um sich geschlagen und mit dieser Gewalt die Steuersäule demoliert. Kein ernsthaftes Problem, denn die Funktionsfähigkeit der Radsteuerung ist davon nicht beeinträchtigt - aber eine eindringliche Ermahnung, welche Kräfte bei Sturm frei werden können.

Im Moment segeln wir gut kontrolliert mit zweifach gerefftem Groß und Sturmfock auf einem Kurs nördlich unserer "Ideallinie". So versuchen wir, früher aus dem Tief heraus zu kommen. Trotzdem bleiben die nächsten 24 Stunden spannend. Und Bridget Suckling wird wohl weiterhin jede Stunde einen Blick auf ihre Suunto M9 werfen - nicht der Uhrzeit wegen, sondern um den Druckverlauf zu verfolgen. Ein Ansteigen würden wir wahrscheinlich so ausgelassen bejubeln wie die Aktienhändler in Frankfurt eine nachhaltige Trendwende beim Dax. Offen gestanden hoffen wir sogar, dass es beim Luftdruck schneller nach oben geht als an der Börse.


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Themen: BordbuchDCNACMeltemi

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