News
"Maiden" jenseits des Tiefpunkts

Die Härte des HSH Norbank blue race zeigt sich in der dritten Woche. YACHT-Redakteur Matthias Beilken über Regattasegeln ohne Ort, Sicht, Groß und Strom

  • Jochen Rieker
 • Publiziert am 04.07.2007

HSH Nordbank/N. Krauss Vom Pech verfolgt. Maiden kämpft mit Stromproblemen uns Segelschäden

Im Klassement wie auch geographisch weit hinten zu sein, ist an sich schon Belastung genug. Auf dem Ex-Whitbread-Racer "Maiden" kommen noch ein paar Härteproben dazu. Bericht aus dem Irgendwo südwestlich von Fair Isle

Wären doch alle Tage wie dieser! Rund 250 Meilen vor Fair Isle, bei
leichtem Wind aus Nordost und etwas Sonne, kehren die Lebensgeister
zurück, die wir übers Wochenende verloren haben.

Denn seit wir in den "50ern des Nordatlantiks" herumschippern, das GPS also Nordbreiten mit einer "5" vorne auswirft, zeigt sich die See hier von der Seite, wie wir sie erwartet haben: Diese Seite ist grau, nass, weit und kalt.

Das Sturmtief, das den Nordatlantik seit Abzug des Azorenhochs dominierte, hat uns zwar nicht richtig erwischt, aber sämtliche Zeichen deuteten doch auf nie enden wollendes Sauwetter. Dazu kam noch zeitweiser Totalausfall des Stroms, der uns in die Zeit Erskine Childers ("Das Rätsel der Sandbank") zurückversetzt hat: Sogar das einzig feste
Einbau-GPS mit Tochteranzeige im Cockpit haben wir teilweise
abgeschaltet, nur noch der Magnetkompass drehte in seinem Gehäuse.

Dass wir nicht in dem Luxus schwelgten, Wetterdaten zu empfangen oder E-Mails zu verschicken, brauche ich nicht zu erwähnen. Außerdem fahren wir mit unserem Grossegel nach wie vor auf der Verliererseite: Zwar hält die Kopfreparatur noch (in stundenlanger Näharbeit mussten jedoch diverse Rutscher neu angenäht werden). Das Achterliek schlägt jedoch bei engen Schotwinkeln herzzerreißend, wir fürchten Selbstzerstörung.

Von daher ist es bei Bedingungen, die das dritte Reff erfordern würden, eigentlich nicht mehr zu gebrauchen. Der stärkste Wind, den wir zuletzt abbekommen haben, mag "nur" 35 Knoten betragen haben. Die haben wir aber mit geborgenem Großsegel geborgen überstanden und mit Genua IV. Skipper Hilmer hat notiert, dass uns das Debakel mit dem Groß bereits über 30 Stunden seiner Einsatzzeit gekostet hat.

Das mit "nur" 35 Knoten sagt sich so einfach. Denn hier oben, bei
Regen und einer prognostizierten Restdauer von vier Tagenfühlt sich das wie eine ziemliche Packung an. Wachen kommen und gehen, alle frieren, alles tropft von Kondenswasser und alle sind genervt, weil der komfortabelste Platz an Bord von "Maiden" der auf dem Boden im MIittelgang zwischen Pantry und Navi ist — wenn auch mit freiem Blick auf den vollen Mülleimer. Ungemütlich.

Außerdem sind nasse Nachfahrten einfacher zu ertragen, wenn die Distanz zur nächsten Kursmarke nicht 800 Meilen beträgt. Da ist es gut,
jemanden in der Crew zu haben, der lacht. In unserem Fall ist das
Wachführerin Cora, einzige Frau an Bord. Wenn ihr silbernes Lachen nicht
mehr erklingt, ist wirklich etwas faul. Bisher erklang es zum Glück noch immer.

Irgendjemand von unseren Kollegen ("Grey Goose", d. Red.) ist zwischen den Hebriden und dem Schottischen Festland drchgegangen. Hut ab - wir wissen zwar nicht, wer es war, aber sind uns sicher, dass jetzt jedermann weiß, wo die Äußeren Hebriden liegen. Wir hatten diesen Schritt auch mal in kurz Erwägung gezogen aber als Harakiri zu den Akten gelegt.

Den Sieg von "Outsider" haben wir (dank neu produzierten Stroms) ebenso mitbekommen wie den Ausfall on "Parsifal III". Schade: Das Rennen verliert damit einen seiner prominentesten Teilnehmer - und eines der am besten vorbereiteten Yachten. Und natürlich haben wir heute auch das Ergebnis des America's Cups mitbekommen. Auch, dass das
Tracking-Syste des HSH Nordbank Blue Race "Maiden" zwischendurch auf Platz eins gerechnet hat, geschuldet einer fehlerhaften Position,
die irgendwo zwischen Ostsee und Kölner Dom lag.

Land darf hier eigentlich keines sein, Land gibt´s erst morgen. Dennoch
sehen wir schottische Inseln - es sind Luftspiegelungen. Wir bilden uns
zumindest ein, dass es Luftspiegelungen sind. In Wahrheit sind es
"Nautische Sockeltäuschungen". Diesen Fantasiebegriff haben wir vor
Jahren geprägt, als uns ein ähnliches Phänomen genarrt hat.

Dennoch ahnen wir Landnähe. Endlich. Am ehesten erahnen wir es an den Piepmätzen, die hier herumfliegen. Zwar haben wir eigentlich während der gesamten Überfahrt Seevögel gesehen. Aber die Vögel von hier sind anders, nicht nur, wir vermuten, dass sie britische Pässe unterm
Gefieder verbergen. Auch, weil es schlanke Basstölpel und kleine entanartige Papagientaucher sind, die ja irgendwo Kolonien haben müssen.

Die Sehnsucht nach Land ist derqrt groß, dass wir uns bereits vor Stunden eingeredet haben, theoretisch da zu sein: Denn beim ÜBerquern der Rockallbank nahm die Tiefe unterm Kiel rapide von rund 6000 auf 110 Meter ab, außerdem ist hier britisches Hoheitsgewässer. Wenn das Theorie-Land auch unterm Boot war, Land war es doch! Das nächste Land
wird aber echt: Fair Isle. Bei Sonne.

HINWEIS: Das Update zum aktuellen Rennverlauf beim HSH Nordbank blue race folgt in Kürze. Spannung verspricht der Kampf um den 3. Zieleinlauf. "Grey Goose" hat in der Nacht stark Boden verloren auf die superschnelle "Rambler".


Lesen Sie die YACHT. Einfach digital in der YACHT-App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag

Themen: AtlantikHSH Nordbank Blue RaceMaidenRegatta

Anzeige