Portimão Global Ocean Race
Logbuch der Kap-Hoorn-Rundung

Das deutsche Schiff "Beluga Racer" passierte gestern Mittag die legendäre Landmarke. Ein Bericht von Bord.

  • Johannes Erdmann
 • Publiziert am 20.03.2009

www.beluga-racer.com Boris Herrmann und Felix Oehme vor dem legendären Kap Hoorn

Ein Meilenstein in ihrer jungen Seglerkarriere liegt hinter ihnen: Gut neun Stunden nach der führenden "Desafio Cabo de Hornos" erreichten Boris Herrmann und Felix Oehme das Kap und nehmen nun Kurs auf Brasilien.

In seinem persönlichen Logbuch berichtet Skipper Boris Herrmann von dem emotionalen Moment, als die "Beluga Racer" vom Pazifik in den Atlantik wechselte:

Mittwoch, 18. März 2009

15 Uhr: Felipe schickt eine Mail und warnt vor den Felsen "Islas Il Defonso", die südlicher als auf der Seekarte lägen. Er sollte es wissen.

16:00: Regattaleiter Josh Hall schickt eine Sturmwarnung mit der Empfehlung, den südamerikanischen Kontinentalschelf wegen des Seegangs zu umfahren. Wir entscheiden uns dagegen, da wir hoffen, vor dem ärgsten Wind schon vorbei zu sein, Umwege scheuen und unbedingt ein Foto von uns vorm Hoorn machen wollen. Wir rätseln, wie stark die Strömung in der Le-Maire-Straße sein würde, da fehlen uns verlässliche Infos.

17:00: Ich lese eine "Zeit"-Reportage über den Krieg in Gaza und bin sehr berührt. Versuche kurz, gedanklich unser Leben mit der Wirklichkeit der Menschen dort ins Verhältnis zu setzen. Ihnen muss unser Abenteuer entweder sinnlos oder paradiesisch, in jedem Fall sehr fremd vorkommen.

20:00: Wir gratulieren Felipe schon mal am Telefon. Er ist uns sechs Stunden voraus und warnt uns vor 50 Knoten Wind, die kommen sollen.

21:31: Radarechoverstärker erkennt erstes Signal seit Neuseeland. Vermutlich ein Marineschiff. Denn das Land ist noch 30 Seemeilen entfernt und der nächste Leuchtturm im Norden sogar 50. Windstärke fünf. Genua und ein hastig eingebundenes Reff im Groß. War gerade am Pastakochen. Noch al dente gelungen. Mit Bolognese-Sauce aus dem Glas, Parmesan und etwas Pfeffer ein Hochgenuss für uns. Ein Albatros zieht nah hinter uns seine Bögen. Entweder ist er auch hungrig oder neugierig. Es wird halbstündig ruppiger. Draußen ist es grau in grau mit Nieselregen. Unter Deck bleibt es bei angenehmen 17 Grad Celsius. Ohne kleine Heizung wäre es unter 10.

21:45: Der Wind dreht chaotisch wie auf der Alster um 20 Grad hin und her. Korrigiere den Kurs von innen mit der Bluetooth-Fernbedienung für unseren Autopiloten. Bei Änderungen größer als fünf Grad gehe ich raus und trimme die Segel nach.

21:50: 993 Hektopascal Luftdruck — tief.

22:05: Iridium-SMS von Freund Sebastian: "Nach dem Kap den Anker loswerfen!" Ein treuer Motivator.

22:40: Felix kommt aus seiner Koje gekrochen und wird auf den neusten Stand gebracht.

23:04: Es riecht nach dieselhaltigen Abgasen. Ein anderes Schiff in der Nähe???? Schnell Radar! Noch Nebel, Sicht nur ca. 2 sm.

23:20: Der Kontinentalschelf ist erreicht: 140 Meter Wassertiefe auf dem Echolot. Die See wird ruhiger. Ich klettere aus dem Spritzschutz des Cockpits hervor auf das Kajütdach und halte Ausschau.

23:30: LAAAAAAAAAND IN SICHT!!! Das erste Mal in unserem Leben sehen wir Chile. Eine gezackte Bergkette mit weiß zwischen Zackenlinie und dunklen Wolken. Schnee? Wir genießen die wunderschöne Aussicht auf das Bergpanorama mit frischem Kaffee und Milch, wie üblich mit Akkuschrauberhilfe aufgeschäumt. Was für ein Glücksgefühl! Davon eine Fotosession.

Donnerstag, 19. März 2009

Mitternacht: Die Sicht ist nach Norden hin klar. Deutlich sind die schneebedeckten Gipfel zu erkennen. Weiter westlich und östlich verschwindet die Bergkette in Dunst und Nebel. Fahles, geheimnisvolles Licht, wie bei einem Unwetter. Ein Hauch Rosa über der Bergkette. Bläuliches Licht voraus. Tiefgrau hinter uns. Mehr Albatrosse als in den Wochen zuvor. Kleine Sturmvögel. Es riecht geradzu nach Land. Noch 90 sm oder hochgerechnete neun Stunden bis Kap Hoorn. Wahrscheinlich runden wir es leider im Dunkeln.

1:00: Großsegel ganz ausreffen, anluven, Wind dreht spitzer. Jetzt 60 Grad zum wahren Wind. Wasser ablassen aus hinterem Ballasttank. Wind geht runter auf 13 bis 14 Knoten. Stockfinstere Nacht. Kein Land oder Leuchtfeuer zu sehen. Einige heftige Bolzschläge beim Gegenansegeln über Wellenrücken. Radiointerview für halb fünf nachts geplant.

2:00: Lichter eines Schiffes achteraus.

3:40: Die vor Kap Hoorn gelagerten Felsen scheinen tatsächlich etwa vier Seemeilen weiter südlich als in der Seekarte verzeichnet. Noch eine Mütze Schlaf für den Skipper.

4:20: Neues Positionsupdate. Eine Meile auf Felipe geholt. Abstand 78 sm und schnellstes Schiff.

4:25: Erstes Reff wieder rein.

4:30: Felix und NDR-Moderatorin Jaqueline Heemann quatschen über Kap Hoorn und wie lange seine letzte Rasur zurückliegt.

5:30: Erstes Reff wieder raus.

6:30: Erstes Reff wieder rein. Autopilot leitet eine Wende ein. System wird neu gestartet. Was ist da los?

6:40: Erneuter Ausfall des Autopiloten.

6:44: Dritter Ausfall des Autopiloten. "Rudder-Drive not responding." Wir schalten den Reservepiloten ein. Funktioniert. Wir kämpfen uns Meile für Meile heran.

10:10: Genua rein, Kutterfock geht hoch.

10:15: Leuchtturm Kap Hoorn in Sicht.

10:20: Neuer Positionsreport: 80 sm hinter Felipe und Jose. Dunkelheit, Regen. Schemenhaft Land im Norden zu sehen, böiger Wind. Morgenröte steuerbord voraus. Wir essen jeder einen Apfel.

10:40: Die Umrisse von Kap Hoorn sind im Dunkeln zu erkennen. Wir starren gebannt. Der Wind dreht uns auf die Nase. Wir luven an, holen die Segel dicht. Es ist böig, aber die See flach in dem ablandigen Wind. Es wird langsam heller.

11:00: Wir haben Kap Hoorn querab und starten eine kleine Fotosession, dann Video. Notizen auf einem Backskistendeckel, den wir in die Fotos halten, die erst noch zu dunkel werden. Ich muss den großen Blitz holen und die Kamera mit einem Müllsack vor dem Regen schützen.

11:30: Jetzt ist Zeit für uns! Ein guter Schluck Whisky geht in Luv ins Meer. "Aberfeldy", 12 Jahre alter Single Malt Scotch Whisky. Felix filmt, ich schütte und jubel dem Kap zu. Vorher umgekehrt.

11:40: Endlich Ruhe. Wir machen jeder eine Dose Becks Bier auf. Der Felsen liegt schon etwas achteraus, aber vor und nach der Kap-Passage sind auch Land und Felsen zu sehen. Es sieht aus wie bei den Lofoten in Norwegen. Grau ziehen die Schauerböen die Fjorde entlang. Es sieht umwerfend aus. Wir freuen uns richtig in uns hinein. Das Telefon klingelt ständig, aber das muss einen kleinen Moment warten. Wir schlängeln uns in nur 100 Meter Abstand an den Felsen entlang. Es wirkt fast mild hier — wahrscheinlich ist uns warm, weil wir so aufgeregt sind. Der Whisky und das Bier auf leeren Magen heben die Stimmung. Nach fast vier Wochen endlich Land ist grandios. Die Landschaft ist spektakulär. Es ist wie eine Ankunft im Etappenhafen, nur schöner, denn es geht noch weiter und wir müssen nicht an Land. Class-40-Star Giovanni Soldini rät per Mail, durch die Le-Maire-Straße zu gehen. Wir gehen so hoch wie möglich an den Wind, um Nordostkurs zu laufen.

14:00: Der Olymp der Hochseesegler liegt hinter und 300 Fotos vor uns. Wir sind sehr glücklich und zufrieden. Diese Momente nimmt uns niemand mehr.


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Themen: Beluga RacerBoris Herrmannfelix oehmeKap HoornPortimão

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