Regatta-News
Global Challenge im Indischen Ozean

Birgit Obermüller berichtet von Bord

  • Mathias Müller
 • Publiziert am 14.03.2005

privat

Auf der Etappe von Sydney nach Kapstadt segeln die zwölf Yachten der Amateurregatta Global Challenge derzeit im Indischen Ozean. Für viele Akteure eine harte Prüfung.

"Wir segeln am Rande der Erschöpfung", erzählt ein Crewmitglied der zwölf 72-Fuß-Stahlyachten der Amateurweltumsegelung Global Challenge 2004/05. Zwei Wochen nach dem Start in Sydney haben alle 216 zukünftigen Weltumsegler die ungeheure Kraft und Ausdauer des südlichen Indischen Ozeans ausgiebig kennen gelernt. Aber sie haben noch nicht mal die Hälfte der gut 35 bis 41 Tage dauernden schwersten Etappe der Regatta hinter sich.

Als die Yachten vor zehn Tagen von Sydney kommend südlich von Hobart in den Indischen Ozean abgebogen sind, glaubten die Crews noch, dass es nicht viel schlimmer werden kann. Mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 40 Knoten, in Böen sogar mehr, und langen und hohen Wellen kämpften sie um die besten Positionen. "Sony VAIO" wählte die südlichste Route, da dort der Wind stärker ist. Auch "Me To You" mit der Bremerhavenerin Birgit Obermüller wählte eine südliche Route und ging am 6. und 7. März mehrfach in Führung. Doch dann übernahmen "BP Explorer" mit dem Thüringer Holger Bindel und "Imagine IT. Done" mit der einzigen weiblichen Skipperin Dee Caffari abwechselnd die Führung. Ihre etwas konservative nördliche Route hatte sich ausgezahlt. Seit dem 8. März aber behauptet "BP Explorer" seine Führung knapp vor "Imagine IT. Done". "Me To You" mit ihrer sehr südlichen Route sind derzeit auf Platz neun bzw. zehn mit gut 70 Seemeilen Rückstand abgerutscht. "Spirit of Sark" mit dem Rheinländer Jürgen Dieris hält sich im Mittelfeld auf, knapp 50 Seemeilen hinter der Spitze, und hofft auf ihre Chance.

In den letzten Tagen ist der Wind nie unter 25 Knoten gewesen. Meistens waren es um die 40 Knoten und immer häufiger kurzfristig und in Böen sogar bis zu 55 Knoten. Eine normale Yacht hätte bei diesem Wetter keine Chance. Die zwölf baugleichen Global-Challenge-Yachten sind speziell für diese Regatta konstruiert worden. Die fast 23 Meter langen Stahlyachten wiegen 42 Tonnen. Das ist in etwa das 2,5-fache einer nur vier Meter kürzeren Volvo-Ocean-Race-Yacht (60 Fuß) wie die "illbruck". Da die Challenge-Regatta aber, im Gegensatz zu allen anderen Weltumsegelungsregatten, von Ost nach West und somit gegen Wind und Wellen führt, müssen die Schiffe auch viel stabiler sein. Die Crews berichten von Wellenhöhen von im Schnitt 20 Metern, das entspricht einem sechsstöckigen Hochhaus. Etwa jede zehnte Welle ist eine so genannte "Freak-Wave", die deutlich höher ist und auch bricht. Wenn sie auf die Yachten knallen, werden diese für wenige Sekunden zu U-Booten. Nicht angeleinte Crews hätten keinerlei Chance, sich an Bord zu halten.
Trotz dieser unglaublichen Wind- und Wellenverhältnisse müssen die Crews alle paar Stunden aufs Vordeck, um die Segel zu wechseln. "Die Arbeit auf dem Vordeck ist ein schierer Kampf ums Überleben", berichtet ein Crewmitglied. "Du stehst vor dem Vorstag mit dem Rücken in Fahrtrichtung, um das Segel mit den Stagreitern am Vorstag zu befestigen, und plötzlich reitet die Yacht eine 25 Meter hohe Welle hoch und fällt, nachdem die Welle unter der Yacht durch ist, 25 Meter im freien Fall nach unten. Du spürst die Schwerelosigkeit, hebst mit den Füßen ab und klammerst dich an Vorstag und Segel fest. Wenn die 42 Tonnen dann aufschlagen, landest du sehr unsanft wieder auf der Yacht und Tonnen von Wasser überrollen das Vordeck bis zum Heck. Du bist unter Wasser, hältst die Luft für wenige Sekunden an, dein Körper wird gegen das Vorstag gepresst und du wartest, bis die Yacht wieder auftaucht. Danach arbeitest du noch schneller, denn die nächste große Welle kommt bestimmt."

Neben dem starken Wind haben die Crews auch vermehrt mit der Kälte zu kämpfen. Von Tag zu Tag wird es deutlich kälter. Dazu kommt die Nässe und seit wenigen Tagen auch Schnee- und Hagelschauer. "Eine Gischt mit 40 Knoten ins Gesicht zu bekommen ist schrecklich, aber Hagel mit 40 Knoten ist, als wenn dich jemand mit Stecknadeln aus einem Luftgewehr beschießt", berichtet ein Crewmitglied. Ein anderer schreibt: "Es ist so grausam, aus der warmen Koje zu steigen, in die kalte und nasse Segelbekleidung zu wechseln und an Deck sofort vom eisigen Wind und Wasser empfangen zu werden. Trotz Hightech-Kleidung sind die Zehenspitzen und Finger innerhalb weniger Minuten fast erfroren." Derzeit werden die Rudergänger und Segeltrimmer nach spätesten 15 Minuten in der nassen Kälte ausgewechselt.

"Jede Aktion an Deck, und sei sie noch so einfach, bringt uns an die Grenzen der körperlichen und seelischen Belastbarkeit", schreibt ein weiteres Crewmitgied in den täglichen E-Mails von Bord. Auch unter Deck ist das Leben eine Herausforderung. Das An- und Ausziehen, aber auch der Toilettengang sind akrobatische Übungen. Selbst das Essen bei konstanten 30 Grad Schräglage ist schwierig. Dazu kommt, dass die Yacht durch die Wellen stampft und alle paar Minuten von einer Welle fällt und dann an Bord für wenige Sekunden Schwerelosigkeit herrscht. Noch schwerer ist das Kochen. Die Crews verbrennen aufgrund der Kälte und der Anstrengungen derzeit etwa 5500 bis 6000 Kalorien pro Tag. Das ist in etwa das 2,5-fache eines Büromenschen. Erstaunlicherweise melden keine Yachten Probleme mit Seekrankheit, sondern alle berichten von gutem Appetit.

Zusätzliche Probleme haben derzeit die 17 Crewmitglieder an Bord von "Team Save the Children". Die Heizung ist ausgefallen. In einer nicht ganz ernst gemeinten E-Mail an die Regattaleitung fragte die Crew an, ob sie in der Segelkammer im Vorschiff ein Lagerfeuer anzünden dürfe.
Das vor neun Tagen in Hobart evakuierte Crewmitglied Adrian vom "Team Save the Children" befindet sich derzeit auf dem Wege der Besserung. Er hatte sich, in der Koje liegend, bei schwerer See verletzt. Seine Hüfte wurde dabei ausgekugelt und einige Kochen hatten Absplitterungen. Trotz erheblicher Schmerzen wurde er im Krankenhaus von Hobart nicht operiert, sondern wird derzeit von einem Physiotherapeuten behandelt. In den nächsten Tagen wird er weiter nach Kapstadt fliegen, um dort seine Mannschaft zu begrüßen.
Die Etappe von Sydney nach Kapstadt wird etwa 35 bis 41 Tage dauern. Die ersten Yachten erwartet man ab dem 5. April in Südafrika. Der nächste Wegepunkt wird in rund sechs Tagen erreicht. Um nicht zu weit südlich in eisberggefährdetes Gebiet zu kommen, müssen die Yachten Wegepunkt Bravo nördlich der Kerguelen-Inseln bei 48°S, 70° E nördlich passieren. Derzeit befinden sich die Yachten bei etwa 53°S, 108° E. (Rainer Seifert)

Von Bord der "Me to you" berichtet die Bremerhavenerin Birgit Obermüller über ihre Erfahrungen bei der härtesten Amateurregatta der Welt.

Nachdem der Start und die erste Woche der vierten Etappe super für uns liefen und wir entweder in Führung oder mit in der Führungsgruppe segelten, bescherte uns der Beginn der zweiten Woche einen harten Dämpfer. Wir segelten als einzige Yacht in ein Windloch und verloren innerhalb von zwölf Stunden über 60 Meilen und sind seither auf Platz zehn. Die leichten Winde hielten zwei Tage lang an, und wir taten uns sehr schwer mit dem Aufholen. Als sich der nächste Sturm ankündigte und dementsprechend der Wind endlich über 15 bis 20 Knoten stieg, konnten wir peu à peu Meilen gutmachen. Aber immer wieder wurde unsere Stimmung auf eine harte Probe gestellt, als schlechte Sechs-Stunden-Ergebnisse reinkamen. Wir haben es immer noch nicht geschafft, uns wesentlich näher an die vor uns liegenden Yachten zu segeln. Mitschuld daran trug der Wind, der uns bis über 55 Grad Süd puschte, somit weg vom Wegepunkt. Die Eiseskälte, die Hände und Füße gefrieren lässt, die Hagel-und Schneeschauer und Windböen bis zu 50 Knoten machen uns das Leben schwer. Aber nach jedem noch so harten Segelwechsel, wo wir mal wieder auf dem Vordeck so richtig durchgebeutelt wurden, nach jedem erkämpften Reff muss ich mir immer wieder sagen, dass es genau diese harten Bedingungen waren, die mich zur Teilnahme an diesem Yachtrennen reizten. Die riesigen Brecher, die einen von den Beinen holen oder durchs Cockpit spülen, der heftige Wind, der jeden Trimm-Versuch erschwert und mich manchmal auf Knien zu den Wanten robben lässt, sind unglaublich beeindruckend. Und wenn dann die Sonne rauskommt und das tiefe Blau zum Strahlen bringt, sind auch die großen Brecher weniger bedrohlich.

Vor vier Nächten wurde der Nachthimmel über 15 Minuten lang von fantastischen Polarlichtern (aurora australis) erleuchtet. Da sind jedes Feuerwerk und jede Lasershow nur halb so schön. Zuerst weiße, dann grünliche Lichtfahnen und -finger waberten und bewegten sich in alle Richtungen. Das Highlight waren Spiralen, die lila Ränder hatten und sich so bewegten, dass man wirklich den Eindruck hatte, sie würden sich drehen. Wir waren uns alle einig, dass für solch ein Schauspiel die 26.000 Pfund doch gut angelegt waren.

Selbst auf meinen Expeditionen in die Arktis und Antarktis hatte ich so was noch nicht gesehen. Jetzt reiten wir erst mal unseren Sturm aus und werden weiterhin alles dransetzen, den Abstand zu den führenden Yachten zu verkleinern. Zum Glück bleiben uns noch gut drei bis vier Wochen und wie schon in früheren Etappen können die Wegepunkte die Karten neu mischen. Mit "Me to You" ist auf jeden Fall noch zu rechnen!

Ich bin bisher noch von Verletzungen verschont geblieben, habe mir nur ein paar blaue Flecke und eine leichte Unterkühlung geholt - aber meine Hände bewegen sich wieder. Viele Grüße, Birgit


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Themen: Global ChallengeRegatta

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