Regatta-News
Global-Challenge-Flotte auf dem Weg nach Kapstadt

Birgit Obermüller schildert den Kampf im Indischen Ozean

  • Mathias Müller
 • Publiziert am 08.03.2005

challenge business Volle Aktion auf den 72-Fuß-Stahlyachten

Rund eine Woche nach dem Start der vierten Etappe der Amateur-Regatta von Sydney nach Kapstadt liefern sich die zwölf baugleichen 72-Fuß-Stahlyachten einen harten Positionskampf. Bis Kapstadt liegen jedoch noch gut 4800 Seemeilen vor den Crews.

Derzeit behauptet die "BP Explorer" mit dem Thüringer Holger Bindel an Bord die Führung. Nur vier Seemeilen zurück liegt die "Imagine it. Done". An vierter Position liegt die "Me to you" mit der Bremerhavenerin Birgit Obermüller.

Sie schildert situationsnah eine Nachtwache, wie sie für Amateur-Segler wohl anstrengender nicht sein kann:

Ich komme gerade von der "Nightwatch from hell", der Höllennachtwache. Und solange die Erinnerung noch frisch ist, will ich versuchen, unsere Situation hier im Southern Ocean darzustellen.

Wir hatten Wache von 22 bis 2 Uhr, und da der Wind konstant zwischen 45 und 53 Knoten war, entschlossen wir uns, das Großsegel runter zu nehmen und nur mit Yankee Nr. 3 und Stormstay weiterzusegeln. Wir waren nur sieben Personen an Deck, und somit blieben drei für den Mast, um das Segel runterzuziehen: Mark, unser größter und stärkster, Robbo, unser Wachführer, und ich selbst. Wir drei kämpften verbissen, holten Rutscher um Rutscher herunter, Mark zog, und Robbo und ich wechselten uns ab mit Festhalten. Die ganze Zeit wurden wir von Böen gebeutelt, und die Wellen klatschten auf uns ein, und immer wieder bestand die Gefahr, den Halt am Mast zu verlieren. Der Wind nahm auf 50 Knoten zu!

privat Birgit Obermüller berichtet von der "Me to you"

Ich weiß nicht, wie lange ich festhielt, meine Hände wurden trotz der Handschuhe zu Eiszapfen, und bald spürte ich nur noch Schmerz, aber ich betete mein Credo "Ich kann es schaffen, ich werde es schaffen, wir werden es schaffen" vor mich hin, um ja nicht loszulassen und unsere ganzen Bemühungen zunichte zu machen. Nach bestimmt 20 Minuten mussten wir dann aber doch aufgeben. Es war einfach mit drei Leuten nicht zu schaffen. Wir mussten das Groß wieder hochziehen. Mir liefen inzwischen vor Schmerz die Tränen runter, und Mark war nicht viel besser dran. Völlig am Ende, fielen wir ins Cockpit und schafften es erst nach mehrmaliger Aufforderung unter Deck.

Dort konnten wir uns kaum gegenseitig helfen, sondern nur abwarten, bis wir wieder Gefühl in Arme und Hände bekamen. Mir ging’s nach einiger Zeit wieder gut, die Hände tauten auf, und meine Arme waren nicht zu schlimm dran, aber Mark hat sich wohl die Muskeln im Schulterbereich gezerrt.
Ich beschloss dann, erst mal Tee zu kochen. Und alles schien sich zu beruhigen. Dann passierte das nächste Unheil, ein Brecher traf uns breitseits, und eine Box mit Getränkepulver ergoss sich über die Salonsitze — eine Riesensauerei, die ich in den nächsten eineinhalb Stunden wegputzte. Zumindest wurde mir warm dabei, aber meine Laune war auf den Tiefpunkt gesunken.

Eine halbe Stunde vor Wachende wurden wir alle nach oben gerufen für eine Wende. Da sah ich das einzige Highlight des Abends: Polarlichter. Wunderschön. Aber es blieb überhaupt keine Zeit zum Bewundern, und dabei hab ich noch nie welche gesehen. Eine Megawelle traf uns und schleuderte Kevin, ein anderes Crewmitglied, aus dem Cockpit auf die "low side" nach unten aufs Seitendeck an der Großschot vorbei. Ich hatte nur den Schrei "wave" gehört und mich instinktiv geduckt und nach irgendwas gegriffen, um Halt zu haben, aber Kevin wurde über mich geschleudert. Zum Glück waren wir alle angeleint. Wir holten ihn gleich wieder zurück und setzten ihn ins Cockpit. Er scheint sich sein Bein verstaucht zu haben, ist aber sonst okay.

Gut, dann also die Wende, die trotz der nun 40 Knoten Wind ganz gut klappte. Ich gehe normalerweise immer zum Segeltrimm ans Stag, aber diesmal robbte ich nur rund drei Meter in die Richtung und erhaschte einen kurzen Blick auf die Segel, als mich schon zwei Wellen wieder zurückspülten. Ich beschloss, dass dies ein hirnrissiges Unterfangen war und versuchte, die Segel vom Snakepit aus zu trimmen, das ist der Bereich hinter dem Mast und eigentlich der sicherste. Aber vor lauter Gischt sah ich kaum die Segel geschweige die Trimmfäden. Gab nach einigen Versuchen auf. Wir holten die Segel so dicht wie möglich und kümmerten uns dann um Kevin.

Wir halfen ihm unter Deck, und nachdem unser Arzt einen Blick auf ihn geworfen hatte, entließ er ihn in seine Hängekoje. Zum Glück war unsere Wache dann zu Ende. Noch mehr Action hätte ich nicht ertragen können. Und wir haben schon genug angeschlagene Crewmitglieder für einen Tag. Mir geht’s bis auf ein paar blaue Flecke gut. Ich werde auch alles dransetzen, damit das so bleibt. Mit Seekrankheit habe ich ja zum Glück nicht zu kämpfen. Mir reichen permanent kalte Hände und Füße. Ich bin jetzt völlig alle und freue mich auf meinen warmen Schlafsack und meine Koje. Und hoffentlich ein wenig weniger Wind in den nächsten zwölf Stunden, damit wir mal ein wenig Luft holen können.

Viele Grüße von der "Me to you" irgendwo westlich von Australien im Southern Ocean sendet Birgit Obermüller


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Themen: amateurGlobal ChallengeRegatta

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