Regatta-News
Global Challenge auf der fünften Etappe

Die Amateur-Segler sind auf dem Weg von Kapstadt nach Boston

  • Mathias Müller
 • Publiziert am 09.05.2005

On Edition The Photographers Start zur fünften Etappe unter dem Tafelberg

Nach gut drei Wochen Aufenthalt in Kapstadt, Südafrika, sind die zwölf Crews der Amateur-Weltumsegelung Global Challenge 2004/05 am Sonntagmittag vergangener Woche zur fünften Etappe von Kapstadt nach Boston gestartet.

Bei fast bedecktem Himmel und einer leichten Brise verließen die zwölf baugleichen 72-Fuß-Stahlyachten das Viktoria&Albert Dock. Diese fünfte der insgesamt sieben Etappen ist die längste Wegstrecke der Weltumsegelung in Ost-West-Richtung, also vornehmlich gegen Wind und Wellen. Die 6775 Seemeilen lange Etappe diagonal über den Atlantik wird etwa 34 bis 38 Tage dauern.

Bei dieser Spinnaker-Etappe werden viele Yachten versuchen, ihren noch sehr knappen Punktevorsprung auszubauen. Denn die beiden letzten Etappen, von Boston nach La Rochelle und von La Rochelle nach Portsmouth, werden sehr eng werden. Knapp in Führung liegt in der Gesamtwertung mit 50 Punkten Vorsprung derzeit die Yacht "BP Explorer" mit dem in England lebenden Thüringer Holger Bindel. Den zweiten Platz mit 48 Punkten hält die Yacht "Spirit of Sark" mit dem Rheinländer Jürgen Dieris. Sie haben auch die letzte und schwerste Ozean-Etappe von Sydney nach Kapstadt gewonnen. Jedoch nur zwei Punkte dahinter, mit 46 Punkten, liegt die Yacht "BG Spirit". Die "Me To You" mit der Bremerhavenerin Birgit Obermüller startet von Platz 7 mit 36 Punkten in die laufende Etappe.

Nach einem ruhigen und recht windstillen Start vor dem Tafelberg frischte der Wind gleich in der ersten Nacht auf und erreichte 25 Knoten, in Böen bis 30 Knoten. "Es war eine spannende Nacht" berichtete Skipper David Melville von "BP Explorer". "Wir konnten sehen, wie einige Yachten erhebliche Probleme bekamen. Deren Decksbeleuchtungen gingen plötzlich an und man sah zerfetzte Spinnaker, die sich um den Mast wickelten." Auch "SAIC la Jolla" konnte eine solche Aktion einer anderen Yacht sehen, wie Skipper Eero Lethinen berichtete: "Die Decksbeleuchtung ging an, und wir sahen deren Spinnaker in der Luft, jedoch nicht in einem Stück. Sie verloren schnell an Tempo, aber glücklicherweise hat die dahinter segelnde Yacht den Suchscheinwerfer auf sie gehalten, sodass wir uns das Spektakel lange anschauen und genießen konnten." (Kann man hier etwas Schadenfreude heraushören??)

Nach 36 Stunden lagen die zwölf Yachten trotz allem noch dicht zusammen. Die ersten fünf Yachten trennten nur sieben Seemeilen. Die nächsten sechs Yachten befanden sich zwischen zehn und vierzehn Meilen dahinter. In Führung lag derzeit überraschenderweise "Team Stelmar". Aber nur zwei Seemeilen entfernt segelten "Spirit of Sark" (mit Jürgen Dieris) und "BP Explorer" (mit Holger Bindel). Birgit Obermüller auf der "Me To You" war zu diesem Zeitpunkt 14 Seemeilen hinter der führenden Yacht auf Platz neun.

Die beiden deutschen Teilnehmer Holger Bindel und Birgit Obermüller bekamen während des dreiwöchigen Aufenthaltes in Kapstadt Besuch von ihren Eltern aus Deutschland. Bei gemeinsamen Ausflügen besuchten sie auch die Yacht "Shosholoza", die südafrikanische America’s-Cup-Yacht mit dem mehrfachen deutschen Weltumsegler Tim Kröger aus Hamburg. Tim Kröger, der alle Global-Challenge-Regatten aufmerksam verfolgt hat, ließ es sich nicht nehmen, seine Weltumsegler-Kollegen über die "Shosholoza" zu führen und bat auf diesem Wege, alle Beobachter und Interessierten der Global Challenge zu grüßen. Rainer Seifert

Von Bord der "Me To You" berichtet Birgit Obermüller exklusiv für YACHT-Online:

privat Birgit Obermüller berichtet von Bord der "Me To You"

Wir sind schon eine Woche unterwegs auf dem Südatlantik und haben super "downwind sailing". Sonne, Wind und Temperaturen sind klasse und völlig anders als auf der vorherigen Etappe von Sydney nach Kapstadt. Das hier ist jetzt fast schon "easy sailing" und soll auch noch ein bis zwei Wochen anhalten. Allerdings hatten wir am Starttag ziemlich Pech, und keiner wusste so recht, was eigentlich vor sich ging.

Kamen wir noch als Zweite oder Dritte über die Startlinie, so ließ uns der Wind kurz danach völlig im Stich. Es herrschte ziemliches Chaos, alle Boote waren dicht beisammen und wir (ich) bekamen den Spinnaker einfach nicht zum Fliegen, eine andere Yacht, ich glaube "Save the Children" bugsierte uns in ihren Windschatten und stahl uns das bisschen Wind, das da war.

Als wir uns nach einem kompletten Winddreher schließlich auch für Vorsegel entschlossen und den schlappen Spinnaker einholten, waren die meisten Yachten bereits an uns vorbeigezogen, und wir fanden uns an elfter Position wieder. Aber wir schraubten uns in den nächsten zwei Stunden wieder bis ins Mittelfeld vor. Als es gerade begann, gut zu laufen, zerriss der Promo-Spinnaker. Ohne Vorwarnung, fernab des Windlimits riss ein "Clew" (Ansatzpunkt der Schot) ab und die Nähte bis zum "Head". Wir waren alle geschockt, hatten wir diesen "kite" doch bisher immer geschont und im ganzen Rennen erst um die zwei Stunden gefahren.

Relativ geistesgegenwärtig konnten wir alle Teile bergen, die Vorsegel hochziehen und den Flanker (Spinnaker für hohe Windstärken) aufziehen. Wir verloren nur zwei oder drei Plätze und kamen ziemlich schnell wieder in Fahrt. Unsere Segelflicker-Experten Bungle und Nic machten sich gleich an die Reparatur, der Saloon verwandelte sich zum wiederholten Mal in eine Segelwerkstatt, und wir begannen das Wachsystem.

Meine Wache hatte zuerst vier Stunden frei, aber der Friede währte nur kurz, und bald wurden wir mit "all hands on deck" nach oben gerufen, um die Reste des zweiten Spinnakers zu bergen! Ich dachte schon, wir hätten das meiste davon über die Reling verloren, aber alles fand sich im Cockpit wieder. Noch ein riesiger Dämpfer für unsere Stimmung. Der Promo wurde kurzerhand in die Tasche gestopft und nun mit vereinten Kräften fünf Tage lang in einem Nonstop-Nähmarathon mit permanent drei bis vier Leuten der Flanker repariert.

Der Kraftakt und die zerstochenen Finger haben sich jedoch gelohnt, seit Samstagfrüh fliegt der Flanker wieder und bringt uns nach vorne. So ein Ereignis hat auch sein Gutes: Anstelle die Köpfe hängen zu lassen, haben wir alle an einem Strang gezogen bzw. genäht — ist gut für den Teamgeist. Der "Nähsaloon" mit dem großen Tisch, sonst für die Mahlzeiten genutzt, wurde auch sozialer Treffpunkt. Was wir im Southern Ocean so vermisst hatten, nämlich entspannte Konversation, ohne dass einem permanent die Wellen und der Wind ins Gesicht peitschten oder wir vor Müdigkeit nur noch schlafen wollten, kaum noch ein Buch lasen und auch nicht zu netten Gesprächsrunden im Saloon aufgelegt waren, das können wir jetzt nachholen. Und mit Musik geht sowieso alles besser. Die kam auf der vergangenen Etappe ebenfalls viel zu kurz. Auch die konzentrierte Arbeit an Deck zahlt sich aus, denn wir befinden uns mit in der Führungsgruppe. Das müssen wir jetzt nur noch über die kommenden vier Wochen aufrecht erhalten, dann könnte endlich wieder ein Platz auf dem Treppchen für uns rausspringen.

Ich muss sagen, dass ich von den momentanen Segelbedingungen begeistert bin. Nur noch 20 Minuten vor Wachbeginn geweckt zu werden und in Shorts und T-Shirt an Deck zu springen ist herrlich. Und Spinnaker-Segeln hat für mich seinen ganz besonderen Reiz und macht sehr viel Spaß. So weit von hier aus dem Südatlantik. Viele Grüße von der "Me To You", Birgit Obermüller


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Themen: Etappe 5FünfGlobal ChallengeRegatta

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