Olympia-Ausscheidung
"Für mich wäre mehr drin gewesen"

Simon Grotelüschen verpasst im Medalrace der Laser durch eine Kollision die mögliche Medaille, qualifiziert sich aber für Olympia

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 18.12.2011

Paul Kane Simon Grotelüschen kurz nach einer Wende

Deutschlands Olympiasegler beenden die vorolympische Saison mit einer Silbermedaille durch die Berliner Starbootsegler Robert Stanjek und Frithjof Kleen und Platz vier des Lübecker Laserseglers Simon Grotelüschen Die Bilanz von DSV-Sportdirektorin Nadine Stegenwalner fiel in Perth vorsichtig optimistisch aus: „Mit Stanjek/Kleen und Simon Grotelüschen haben wir zwei großartige Leistungsträger, die ihr Können auf den Punkt abrufen konnten. Unser Ziel, in England zwei Medaillen zu gewinnen, ist immer noch sehr ambitioniert, aber nicht unrealistisch.“

Deutschlands erfolgreichster Olympiasegler Jochen Schümann sagte: „Robert, Frithjof und Simon haben großartige Leistungen gebracht und waren ein echter Lichtblick. Entscheidend – auch für den olympischen Erfolg – ist die Möglichkeit, sein Leistungsvermögen dann abzurufen, wenn es gefragt ist.“

Richard Langdon/Ocean Images Simon Grotelüschen kämpft im Laser

Fast hätte die deutsche Segelnationalmannschaft sogar zwei Medaillen aus Australien mitgebracht, doch Simon Grotelüschen verpasste am Finaltag den Sprung aufs Podium im letzten WM-Rennen bei perfekten Windbedingungen um 15 bis 20 Knoten knapp. Gleich zu Beginn des Medaillenrennens kam es zur Kollision zwischen dem Österreicher Andreas Geritzer und Simon Grotelüschen, der dadurch wertvollen Boden einbüßte und das Ziel erst als Siebter erreichte.

„Andreas hat sich nach dem Rennen bei mir entschuldigt. Bei ihm hatte sich eine Schot verknotet. Für mich wäre heute mehr drin gewesen und ich wäre auch mal dran gewesen“, sagte Grotelüschen, der jedoch keinen Antrag auf Wiedergutmachung stellen konnte, weil bei der Kollision weder sein Boot noch er selbst Schaden davongetragen hatten. Der 25-Jährige freute sich nach der ersten Enttäuschung über die verpasste Medaille dennoch über seine Olympiaqualifikation: „Das ist mein schönstes Weihnachtsgeschenk. Ein anderes brauche ich nicht. Jetzt freue ich mich riesig auf Weihnachten mit meiner Familie in Lübeck.“

Beste deutsche Mannschaft in Down Under waren Robert Stanjek und Frithjof Kleen, die im Starboot zu Silber segelten und bei den Olympischen Spielen 2012 zum erweiterten Favoritenkreis zählen. „Wir wollen in England um eine Medaille kämpfen“, sagte Steuermann Stanjek. Das Duo wird über Weihnachten eine Segelpause einlegen und sich dann in Kooperation mit seiner internationalen Trainingsgruppe intensiv auf die olympische Regatta vorbereiten. „Unser Konzept des gemeinsamen Trainings hat sich bewährt. Wir werden auch 2012 mit den Teams von Mateusz Kusznierewicz, Diego Negri und Robert Scheidt arbeiten“, sagte Kleen.

Es gab aber auch Enttäuschungen: Insgesamt erreichten die deutschen Segler in nur zwei Disziplinen das Medaillenfinale der jeweils zehn besten Teams. RS:X-Surfer Toni Wilhelm (15.) und die Kieler 49er-Crew Tobias Schadewaldt und Hannes Baumann (13.) haben zwar ihre Olympiafahrkarten gelöst, waren aber nach gutem Auftakt mit schwachen Finalleistungen aus den Top Ten herausgefallen.

Alle olympischen Qualifikationshürden genommen haben auch die Berliner 470er-Seglerinnen Kathrin Kadelbach/Friederike Belcher (28.), Laser-Radial-Steuerfrau Franziska Goltz (39.), die Kieler Surferin Moana Delle (14.) und die bayerische 470er-Crew Ferdinand Gerz/Patrick Follmann (15.). Unsicher blieb vorerst, ob die Klasse Finn-Dinghy überhaupt besetzt wird. Silke Hahlbrocks Hamburger Matchrace-Team wird im Februar bei der letzten Qualifikationsregatta vor Miami um eines der verbliebenen drei Olympiatickets kämpfen.

Richard Langdon/Ocean Images Katrin Kadelbach und Friederike Belcher

Für heiße Diskussionen in der deutschen Segelwelt sorgt auch über das WM-Ende hinaus das Duell der 470er-Damen: Nachdem die in der nationalen Olympiaausscheidung bis zum WM-Start knapp führenden Kathrin Kadelbach und Friederike Belcher die Weltmeisterschaft mit einem Frühstart und zwei 25. Rängen eröffnet hatten, sorgten sie mit veränderter Taktik für ein umstrittenes Szenario. Statt die kaum mehr erreichbare Qualifikation aus eigener Kraft anzustreben, nahmen sie ihre jüngeren Rivalinnen Tina Lutz und Susann Beucke in der zweiten Hälfte der Serie in „Manndeckung“. Die auf diesem Weg immer weiter zurückfallenden Lutz/Beucke konnten zwar am Ende mit Platz 20 den Nationenstartplatz bei den Olympischen Spielen für Deutschland und damit für Kadelbach/Belcher sichern, unterlagen aber in der internen Olympiaausscheidung Kadelbach/Belcher mit einem Zähler Rückstand.

DSV-Sportdirektorin Nadine Stegewalner sagte: „Das war nicht schön, aber legitim. Wir hätten uns natürlich lieber ein Duell nach dem Vorbild der überaus fair agierenden Laser- oder Starbootsegler gewünscht, aber Kathrin Kadelbach und Friederike Belcher haben im Rahmen des internationalen Reglements agiert – so hat es auch die internationale Jury in Perth nach einem eingereichten Protest entschieden.“ Kadelbachs Trainerin Ulrike Schümann, die bei den Olympischen Spielen 2008 Platz vier belegt hatte, sagte: „Kathrin und Friederike haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Olympiafahrkarte gesichert. Es war vielleicht kein schöner, aber ein professioneller Weg.“

Kadelbach selbst nahm ebenfalls Stellung: „Die Regeln sind eindeutig. Wir haben vorher nicht nur mit dem Bundestrainer, sondern auch mit dem offiziellen Regelberater des DSV gesprochen. Wir haben lange und hart für unser Ziel gekämpft und unsere Chance hier genutzt. Den Punktevorsprung, der uns das ermöglicht hat, haben wir uns vorher in Weymouth und Kiel erarbeitet. Ich verstehe, dass man zu unserer Taktik eine andere Meinung haben kann, doch irgendwann muss akzeptiert werden, dass es ein legitimer Weg war. Freuen können wir uns aber nicht. Nicht, weil wir am Weg zweifeln, den wir gegangen sind, sondern weil es das Umfeld hier nicht erlaubt.“ Kein Verständnis für die Anti-Taktik hatte naturgemäß Tina Lutz, die sich auf der Homepage des Bayerischen Segler-Verbandes Luft machte: „Eines habe ich bei dieser WM gelernt: Man kann seine Ziele auch auf unsportliche und unfaire Weise ersegeln – so will ich nie im Leben segeln!“

Mit der Silbermedaille und dem vierten Platz haben die deutschen Segler Platz zehn in der Nationenwertung belegt. Erfolgreichstes Land waren bei den zweiwöchigen Titelkämpfen vor Perth und Fremantle die australischen Gastgeber mit drei Goldmedaillen. Die Niederlande belegten mit zwei Gold- und einer Silbermedaille Platz zwei. Großbritannien ersegelte zwar wie gewohnt die meisten Medaillen (1 x Gold, 4 x Silber, 1 x Bronze), musste aber sieben Monate vor Beginn der Olympischen Spiele im eigenen Land Federn lassen.


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Themen: FremantleOlympische SpielePerth

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