Minitransat
Erster deutscher Mini-Segler im Ziel

Der Münchner Chris Lükermann hat seine Minitransat-Premiere abgeschlossen und die Ziellinie vor Guadeloupe überquert. Sein erstes Interview

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 19.11.2015

Jacques Vapillon/Minitransat Iles de Guadeloupe 2015 Als erster deutscher Skipper im Ziel: Chris Lükermann und "CA Technologies"

Chris Lükermann und sein Pogo 2 namens "CA Technologies" sind im Ziel. Um kurz nach Mitternacht hatte der Münchner die Ziellinie vor Guadeloupe nach 18 Tagen, 9 Stunden, 15 Minuten und 57 Sekunden auf See als 30. der Serienflotte gekreuzt. Das Mitglied der Segelkameradschaft Wappen von Bremen war nach einem Südatlantik-Törn mit der "Bank von Bremen" auf die Idee gekommen, es auch einmal einhand zu probieren. Dafür hat er sich im bretonischen Revier vor Lorient und im Rahmen französischer Mini-Regatten intensiv vorbereitet. Sein Ziel hatte er sich bescheiden gesteckt: "Ich will ankommen." Lükermann hatte sich und sein Boot mit der Nummer 732 vor dem Start "irgendwo im hinteren Drittel" eingeordnet – so kam es auch. Aber nur, weil Lükermann gleich zum Auftakt der zweiten Etappe mit Bruch zu kämpfen hatte, von dem er erst jetzt an Land berichten konnte. Ohne diese Rückschläge hätte er deutlich weiter vorn landen können als gedacht.

Jacques Vapillon/Minitransat Iles de Gouadeloupe Chris Lükermann unter Deck auf seiner Pogo 2

Im ersten Interview nach der Ankunft erzählt Chris Lükermann, wie es ihm beim zweiteiligen Einhandtörn von Douarnenez via Lanzarote in die Karibik ergangen ist.

Es war heiß, lang, frustrierend und eine Herausforderung. Frustrierend war es, weil mein Code 5, mein Sturm-Spi am ersten Tag kaputtgegangen ist. Und am nächsten Tag dann auch noch der große Spinnaker – DAS Segel im Minitransat! Die Bedingungen waren wirklich rau, doch die Boote segelten trotzdem mit 15 Knoten Geschwindigkeit, ich allerdings nur mit neun Knoten. So haben sie mich alle nach und nach überholt. Es war wirklich frustrierend, wenn ich über Funk die Zwischenstände hörte und dass alle mich überholten. Also habe ich mir gesagt, dass ich mir diese Ergebnisse einfach nicht mehr anhöre. Nach dem sechsten Tag hatte ich keine Ahnung mehr, auf welchem Platz ich segelte. Da ging es mir wieder gut.

Worin genau bestand die Herausforderung?

Die Herausforderung war der Ozean im Zusammenspiel mit dem Boot. Was würden wir nun tun? Es ging einfach alles kaputt! Du bist da draußen allein. Du weißt nicht, wie du das alles bewerkstelligen sollst. Natürlich hatte ich schon vorher ähnliche Situationen erlebt, während der Rennen in Frankreich, während einer langen Etappe, vielleicht über 1000 Seemeilen. Doch da gibt es Bahnmarken, an der alle wieder zusammenkommen. Und du siehst die Boote. Du siehst, wie du im Feld liegst. Das gibt es so auf dem Atlantik nicht. Und das über Wochen. Du siehst niemanden. Du sprichst mit niemandem. Das ist eine Herausforderung.

Wie kamen Sie mit dem Alleinsein zurecht?

Das war ganz lustig, denn ich habe mich nicht einsam gefühlt. Du kannst zwar nicht mit Menschen sprechen, aber du fühlst dich nicht allein. Du kannst ja Audiobücher hören. Wenn ich in die Kamera spreche, dann spreche ich immer von "wir" und meine damit mich und mein Boot. Also habe ich mich da draußen nie allein gefühlt. Es war nicht so schlimm. Manchmal wünscht du dir aber schon, dass das Rennen kürzer wäre. Drei Tage nach dem Start habe ich den nächsten Wegepunkt ins GPS eingegeben. Das war Guadeloupe. Da wurden dann etwa 2000 Seemeilen oder so angezeigt. Du segelst in leichten Winden und sagst dir, okay, dann gehen wir das an. Dann rechnst du ein bisschen und sagst dir, okay, das wird dann wohl 15 Tage dauern.

Jacques Vapillon/Minitransat Iles de Gouadeloupe Zurück im sicheren Hafen: Chris Lükermann nach der Ankunft in Pointe-à-Pitre auf Gouadeloupe

Wie haben Sie den Zieldurchgang erlebt?

Jacques Vapillon/Minitransat Iles de Gouadeloupe Minitransat: Chris Lükermann

Das war einfach großartig. Ich habe den Yuri-Effekt erlebt. Yuri (Red.: gemeint ist Yuri Firsov mit "Magnum Sport", der aktuell auf dem letzten Platz hinter dem Hamburger Jan Heinze dem Ziel entgegenstrebt). Der hatte eine fantastische Ankunft in Lanzarote. Für mich war es überraschend, dass mich hier zwei Boote hinter der Ziellinie erwarteten. Das war eine Riesenüberraschung. Meine Frau war da. Ich wusste davon vorher nichts. Dann haben sie mich hierher gezogen. Die Dudelsäcke begannen zu spielen, und die ganze Menge applaudierte... Ich glaube, dass ich noch nie einen so unglaublichen Moment erlebt habe. Es war irre gut.

Jacques Vapillon/Minitransat Iles de Gouadeloupe Minitransat: Chris Lükermann

Was bedeutet Ihnen das absolvierte Rennen, das viele andere haben aufgeben müssen?

Einerseits bin ich wirklich glücklich und echt stolz. Aber auf der anderen Seite haben es natürlich auch vor mir schon Hunderte Leute geschafft. Es ist ja nicht gerade eine Landung auf dem Mars. Für mich persönlich ist es aber eine Leistung. Ich habe das geschafft. Als wir gestern das Gate von Saint-François passiert hatten und ich hier stand, zum ersten Mal oben im Mast, habe ich festgestellt, dass da unter mir nicht so viel Boot ist – nur zwei Meter nach vorn. Dann schaust du zurück und stellst fest, wie klein doch dieses Boot ist. Und dann hast du dieses gute Gefühl, etwas geleistet zu haben.

Jacques Vapillon/Minitransat Iles de Gouadeloupe Chris Lükermann und seine "CA Technologies"

Werden Sie wiederkommen und das Rennen noch einmal segeln?

Im Moment würde ich diese Frage mit "nein" beantworten. Aber du lernst bei deinem ersten Minitransat so viel, dass es schade wäre, es nicht noch einmal zu machen.

Was haben Sie gelernt?

Ich habe gelernt, dass ich die falschen Segel dabeihatte. Dass ich das falsche Essen dabeihatte. Dass ich nicht genügend Musik dabeihatte. Das zweite Mal wäre auch deshalb anders, weil ich dieses Mal die ganze Zeit darauf gewartet habe, dass sich dieses "Minitransat-Gefühl" einstellt. Ich fragte mich, wie es sich anfühlen würde. Aber irgendwie hat es sich nie eingestellt. Du hörst die Leute immer über dieses besondere Gefühl reden. Dann segelst du zwei Wochen lang und stellst fest, dass es dieses Gefühl der Routine ist, die du mit deinem Boot entwickelst.

Was haben Sie über sich gelernt?

Da gab es keine große Offenbahrung. Nicht dieses Gefühl "Oh, ich bin ja ein völlig anderer Mensch!". Aber ich habe gelernt, nicht aufzugeben. Während der kürzeren Rennen in Frankreich segelst du ja in Küstennähe. Das kannst du dir selber sagen, dass du ja jederzeit aufhören kannst. Das ist manchmal sehr verlockend. Hier im Minitransat geht das nicht. Der beste Moment während der ersten Etappe war der, in dem sich mein Spi zusammengefaltet hat und ich in den Mast klettern musste. Ich habe den Spi runtergeholt. In der Nacht war ich sehr erschöpft. Aber ich habe mir selbst gesagt, dass ich den Spi sofort wieder hochziehen muss, weil es ja eine Regatta ist. (...) Als mein großer Spinnaker auf der zweiten Etappe explodierte, habe ich ihn runtergenommen und war gar nicht wütend oder sowas. Stattdessen nahm ich eine Nadel und begann ihn zu flicken. Vielleicht ist es das, was ich über mich selbst gelernt habe: Ich bin ein größerer Optimist, als ich dachte.

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Themen: Chris LükermannDominik LenkdouarnenezGouadeloupeGuadeloupeJan HeinzeMinitransat

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