Regatta-News
Ellen MacArthur: Illegal nach Regel 5 KVH?

Unter den Pressestimmen und Jubel-Mails findet sich auch das älteste Argument aller Zeiten

  • Matthias Beilken
 • Publiziert am 18.02.2005

Es musste ja so kommen. Die ganze Segelwelt bejubelt ihre neue, erst 28-jährige Heldin, und auch ein großer Teil der Nichtsegler bewundert Ellen MacArthur. Lediglich Ken Appelby, ein ehemaliger Kapitän der englischen Handelsmarine, kann nicht an sich halten und kramt das uralte Argument hervor, dass Einhandsegeln nicht den internationalen Regeln entspräche:

Auf "B&Q" sei der permanente Ausguck, wie ihn die Regeln fordern, nicht gewährleistet gewesen.

An dem Argument an sich lässt sich nicht rütteln - leider. Ein Ausflug in den Dschungel international gültiger Vorschriften belegt das. Die Kollisionsverhütungsregeln (KVR) schreiben vor, dass "auf jedem Fahrzeug jederzeit Ausguck gegangen werden muss". Kein Zweifel: Yachten, die nur von einer Person gesegelt werden, erfüllen die Forderung nicht, sie können sie nicht erfüllen. Da die Einhandsegler jedoch dort ihren Sport treiben, wo Handelsschiffe üblicherweise nicht verkehren und da - ebenfalls gemäß der Kollisionsverhütungsregeln - Motorfahrzeuge auf hoher See Seglern ausweichen müssen, wird diese Regel ignoriert. An ihre Stelle tritt ein gewisses Laisser-faire-Prinzip, denn die öffentliche Wirkung von sportlichen Einhandprojekten ist, zurzeit für jedermann gut sichtbar, viel zu groß. Die Regel 5 der Kollisionverhütungsregeln ist außerdem nicht für sich auf hoher See begegnende Trimarane und Dampfer gemacht worden.

Der Journalist Christian Février aus Frankreich machte per E-Mail-Rundbrief klar, dass diese Regel in den siebziger Jahren geschaffen wurde, weil sich damals Kollisionen am helllichten Tag häuften - zwischen Frachtschiffen.

Auch in Deutschland hatte diese Regel Konsequenzen. So galt das Einhandsegeln noch bis in die achtziger Jahre hinein als schlichtweg unseemännisch. Sowohl der Deutsche Segler-Verband (DSV) als auch Vereine, Verbände und ihnen nahe stehende Organe vertraten diese Meinung. Die Regel war ein Politikum - und ist es zum Teil heute noch, wie die Bemerkung des ehemaligen Handelsschiffskapitäns belegt.

Nicht zuletzt aufgrund dieses ewigen Arguments hat der Deutsche Wilfried Erdmann 1983 den Schlimbach-Preis, hierzulande die höchste Auszeichnung für seglerische Leistungen, nicht bekommen. Er hatte die Welt mit seiner "Kathena nui" nonstop umsegelt. Etwas, was vor ihm nur ganz wenige Segler überhaupt geschafft hatten (es gab noch keine Vendée Globe Challenge). Doch weil er einhand unterwegs gewesen war, verwehrten die Juroren ihm die Auszeichnung. Der größte Teil der deutschen Seglergemeinde murrte damals gewaltig. Der Ärger hat also Geschichte. Gut informierte Segler und Journalisten wie den Franzosen Christian Février bringen solche Argumente auf die Palme - auch wenn sie unwiderlegbar sind.

Unwiderlegbar ist leider auch eine Tatsache, die Février, der sich quasi als Hüter moderner Rekorde versteht, im E-Mail-Verteiler Scuttlebutt veröffentlicht: Der "Atlantikrekord", den sowohl Ellen MacArtur als auch Francis Joyon mit ihren riesigen Trimaranen brechen wollen, existiert so nicht mehr. Grund: Als der Franzose Laurent Bourgnon 1994 mit dem 60-Fuß-Tri "Primagaz" in etwas mehr als sieben Tagen von New York nach England segelte, gab es nur eine Kategorie: Das Boot musste einhand gesegelt werden. Das World Sailing Speed Record Council (WSSRC) unterscheidet heute jedoch nach Länge. Misst das Boot weniger als 60 Fuß, endet die eine Kategorie, in der Bourgnons seinen Rekord gefahren hat. Oberhalb davon beginnt die neue. Die Boote von MacArthur und Joyon fallen eindeutig beide in die neue Kategorie. Um Bourgnon in derselben Klasse zu schlagen, müssten sich die Asse also jeweils Orma-60-Trimarane mieten.

Auf der international renommierten Seite "Sailing Anarchy" findet sich die Glückwunsch-Mail eines Lesers, der aber zugleich moniert, dass seine Einbauküche von "B&Q" seit Wochen überfällig sei. Sowohl "B&Q" als auch "Castorama" (so heißt der Tri in allen französischsprachigen Meldungen, in Castorama-Blau sind die Backbordseiten der Rümpfe gestaltet) sind Bau- oder Einrichtungsmärkte, die von der Holding Kingfisher verwaltet werden.


Lesen Sie die YACHT. Einfach digital in der YACHT-App (iTunes und Google Play) oder bestellen Sie es im Shop als Abo oder Einzelheft:

iTunes Store Google Play Store Delius Klasing Verlag

Themen: B&QEinhandEllenMacArthurRegelRekord

Anzeige