Rekordfahrt
"Die Socken hängen schon im Motorraum"

"Maserati" ist im Anflug auf Kap Hoorn. In wenigen Stunden wird die Yacht den Felsen runden. Boris Herrmann beschreibt seine Gefühle dabei

  • Johannes Erdmann
 • Publiziert am 22.01.2013

maserati.soldini.it "Maserati" im Vollwaschgang

An Bord wird es immer kälter, während die italienische Rennyacht immer weiter in die hohen Breiten vordringt. Gestern passierte "Maserati" die Le-Maire-Straße und ist nun im direkten Anflug auf Kap Hoorn. Nur etwa 22 Tage auf See wird das Team um den italienischen Segelstar Giovanni Soldini im Kielwasser haben, wenn es in wenigen Stunden den markanten Felsen rundet. Nach 22 Tagen hatte das Referenzschiff "Aquitaine Innovations" allerdings erst 5000 Seemeilen hinter sich gebracht. "Maserati" ist also gut in der Zeit, um den Rekord für die Strecke New York–San Francisco zu knacken.

Wenige Stunden vor dem Hoorn, bei der Durchfahrt der Le-Maire-Straße, hat Navigator Boris Herrmann seine Gedanken und Erinnerungen an frühere Umrundungen exklusiv für YACHT online aufgeschrieben:

Vor vier Jahren war ich hier mit Felix (Oehme, d. Red.) in der Gegenrichtung unterwegs. Heute haben wir leider kein Glück. Das Wetter wirkt wie an einem schlechten Tag in Kiel. Bindfadennieselregen. Kaum Wind. Ich stehe nach dem Mittagessen und am Ende meiner Wache am Heck und blicke verdrossen in den Nebel. Stelle mir vor, dass jetzt auch die Tirpitzmole aus dem Dunst auftauchen könnte. Kein Blick wie damals auf schneebeckte Berggipfel im Abendrot.

Noch 100 Seemeilen bis zum Hoorn. Wenn es so flau bleibt, hat das zumindest den Vorteil, dass wir es dann mit etwas Glück im Morgenlicht sehen könnten und nicht bei Sonnenaufgang schon vorbeigesegelt sind. Es wäre schon eine große Enttäuschung, den ikonischen Anblick zu verpassen.

Halbzeit und Höhepunkt: Mal sehen, was jetzt mit dem Crew-Spirit passiert. Der Weg nach Hause wird lang. Erstmal bin ich vorsichtig optimistisch, dass wir hier gut rumkommen. Wind um die 23 Knoten aus Westen ist vorhergesagt, sobald wir das Hoorn passiert haben. Ich rechne erstmal mit nicht mehr als 30 Knoten. Der Wind wird durch die Anden kanalisiert und verstärkt. Mittwoch bekommen wir es nochmal mit einer Kaltfront zu tun, und Böen können dann sicher auch 40 Knoten erreichen. In wenigen Tagen sind wir dann um die Südwestecke von Chile herum und segeln hoffentlich raumschots entlang der chilenischen Küste.

Alles ist gut so weit an Bord. Entspannt, aber stets etwas müde. Wenig Zeit zum Schreiben. Weniger intensives Erleben der Umwelt, da mehr Fokus auf unserem eigenen Bordleben, dieser kleinen Dorfinsel inmitten des weiten Meeres.

Wenig schnelles Segeln in den letzten Tagen, daher eine gewisse Schwere auf der Mannschaft, nicht diese fröhliche Energie der ersten zwei Wochen. Die Mannschaft hat sich gefunden, oder jeder hat sich selbst gefunden. Irgendwie ist doch jeder für sich allein. Die Bänder der Loyalität sind dünn, wir sind eine Zweckgemeinschaft. Wenn die anderen gegenseitig schlecht übereinander reden, rüttelt das manchmal an meiner Stimmung. Albatrosse sind mit uns, aber noch ohne ihre majestätische Eleganz, die sie erst in der großen Dünung des Südmeeres entfalten.

Gestern zwischen den Falklandinseln war alles voll von ihnen. Man könnte denken, es seien Möwenschwärme. Freue mich heimlich auf den Anblick der Anden, hänge bei dem Gedanken meine Socken in den Motorraum, wickle meine Jacke zum Kopfkissen zusammen und klettere in meine, die mittlere, obere Rohrkoje. Ziehe an der Schnur, um den Winkel einzustellen und hoffe, dass mich in den kommenden drei Stunden nichts wieder aus dem Schlafsack treibt. Routine. Kurz bleiben die Augen noch geöffnet. Ein abwesender Blick entlang des Kajütdaches. Die Augen fallen zu. Es ist elf Uhr nachts in Deutschland und nachmittag hier in Argentinien. Frieden. Leichtes Wassergluckern am Rumpf. Will nichts anderes in diesem Moment. Weiß, dass die harten Tage wiederkommen. Mag das Wiegen. Wärme zieht in meine Hände und in meine Füße.


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Themen: Boris HerrmannGiovanni SoldiniKap HoornMaserati

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