Route du Rhum 2014
Demolition Derby auf dem Nordatlantik

Auch am zweiten Tag der Einhandregatta stieg die Zahl der Ausfälle weiter an – Spitzenreiter Loïck Peyron: "höllische Bedingungen"

  • Jochen Rieker
 • Publiziert am 05.11.2014

BPCE/T. Martinez "Banque Populaire VII" dominiert unter Loïck Peyron bisher die Route du Rhum 

Von den 91 am Sonntag gestarteten Solo-Skippern hatten gestern bereits 15 aufgegeben, die meisten wegen technischer Probleme aufgrund des stürmischen Auftakts im Englischen Kanal und in der Biskaya, darunter inzwischen auch Vincent Riou auf dem Imoca Open 60 "PRB". Mehrere Boote waren oder sind noch in Nothäfen wegen Reparaturen.

Und jetzt zieht für den Großteil der Flotte das nächste Sturmtief von Westen heran. Es wird erneut sehr schwere Bedingungen mit sich bringen, zumal es den direkten Weg ins Ziel auf Guadeloupe versperrt. Währenddessen hat sich die Situation für die großen Tris der Ultime-Klasse deutlich verbessert. Auf Süd-/Südwestkurs segelnd, umfahren sie das Tief und profitieren vom warmen Nordostpassat und der inzwischen ruhigeren See. Doch auch Spitzenreiter Loïck Peyron auf "Banque Populaire VII" stecken die Strapazen der beiden ersten Tage noch in den Gliedern.

Loïck Peyron – beim Einnicken fast gekentert

Gestern sprach der sonst stets humorvolle und durch nichts zu erschütternde Bretone mit einigem Schaudern vom brutalen Auftakt dieser zehnten Route du Rhum. "Die Bedingungen waren geradezu höllisch." Vor allem die extrem ruppige See mit fünf bis sechs Meter hohen, teils brechenden Wellen machte ihm und allen anderen zu schaffen. "Das Boot arbeitete sehr, sehr stark. Und obwohl es breit ist und dadurch relativ stabil segelt, hätte ich es fast aufs Dach gelegt, als ich am Steuer einmal kurz eingenickt bin. Das hat mir einige graue Haare eingebracht!"

Der 54-jährige baute in der Nacht zu Mittwoch seinen Vorsprung auf Yann Guichard und dessen "Spindrift 2" weiter aus. Er lag heute früh fast 90 Meilen in Front und scheint auch mit dem inzwischen leichteren, vor allem aber weniger böigen Wind gut zurechtzukommen.

Dabei ist Loïck Peyron's "Banque Populaire VII" gegenüber seinem weit größeren Verfolger zumindest theoretisch unterlegen. Das beweist einmal mehr die Klasse des Skippers, der sich schon wenige Stunden nach dem Start die Führung erkämpft hatte und seither keine Schwäche zeigte. Unter vollem Groß und Gennaker loggt er weiterhin konstant zwischen 20 und 25 Knoten. Madeira hat er schon gestern Nacht an Backbord gelassen.

Yann Guichard: "Du darfst dir keinen Fehler erlauben"

Route du Rhum Guichard: "Manöver sind ermüdend"

Yann Guichard zeigte sich in einer Meldung von Bord ähnlich beeindruckt wie der Mann vor ihm. "Es ist nicht einfach. Ich bin sehr müde, aber alles andere scheint gut zu gehen. Nach dem Übergang in die Passatzone sieht es jetzt so aus, als stünden uns viele Halsen bevor.”

Segelwechsel kosten auf einem 140-Fuß-Maxi-Trimaran wie "Spindrift 2", der ehemaligen "Banque Populaire V", viel Zeit und Konzentration. "Da darfst du dir keinen Fehler erlauben", sagte Guichard gestern Morgen. "Manöver sind ermüdend  – umso mehr, wenn du kaum Schlaf hattest."

Bei den Open 60 dominiert François Gabart auf "Macif" in ähnlicher Weise wie Peyron bei den großen Tris. Seine Führung auf Jérémie Beyou auf "Maȋtre Coq" betrug heute Morgen zwar nur 36 Seemeilen; Marc Guillemot auf "Safran" liegt als Drittplatzierter 42 Meilen zurück. Doch bisher segelt Gabart wie schon bei seinem Vendée-Globe-Sieg ein makelloses Rennen und scheint mit dem Druck der Verfolger ebenso gut klarzukommen wie mit der Schwerwetterfront zu Beginn.

François Gabart: "Physisch ist es ziemlich hart"

Aber auch aus seinen Worten spricht der große Respekt vor den Naturgewalten, denen die Flotte ausgesetzt war. "Ich war weniger vom Wind überrascht als vielmehr vom Seegang. Da musste man wirklich aufpassen, dass man nicht zu sehr über die Wellen schoss", sagte er. "Physisch ist es ziemlich hart, aber ich mag den herausfordernden Teil des Ganzen." Auch an Bord von "Macif" gab es bereits Bruch. Die Trommel der Rollanlage für die kleine Fock sei in der Nacht "explodiert", berichtet Gabart. "Es hat mich viel Zeit gekostet, das zu reparieren."

Während die Route du Rhum an der Spitze bisher wenig Abwechslung bietet, wenn man von prominenten Aufgaben wie "Sodebo" gleich in der ersten Nacht und "PRB" gestern Nachmittag absieht, tut sich auf den Rängen durchaus Überraschendes.

Bei den "Ultime"-Tris begeistert Sébastien Josse auf "Edmond de Rothschild". Er liegt mit dem sehr anspruchsvoll zu segelnden Mod 70 an Position drei, hinter der doppelt so großen "Spindrift 2" und deutlich vor den beiden anderen Booten gleicher Bauart, "Oman Sail" und "Paprec Recyclage". Insbesondere angesichts des harschen Wetters in den ersten beiden Tagen ist dies eine absolute Ausnahmeleistung.

Gitana/Y. Zedda Seb Josse ist Schnellster auf den Mod 70 und kann fast mit den größten Tris mithalten

Auch Francis Joyon, der Altmeister auf seiner schon etwas betagteren "Idec", überzeugt. Nach eher verhaltenem Start war er gestern stets einer der Schnellsten und rangelt inzwischen mit Lionel Lemonchois auf "Prince de Bretagne" um Platz 5.

Reichlich Spannung bietet im Übrigen die Class 40. Der lange führende Sébastien Rogues auf "GDF Suez" unterbrach sein Rennen gestern kurzzeitig, um Pierre Antoine bis zur Abbergung durch einen Hubschrauber zu assistieren. Dieser musste seinen durch Blitzschlag schwer havarierten 50-Fuß-Tri "Olmix" aufgeben. Rogues ist derzeit nur noch Siebter, erhält aber von der Rennleitung aller Voraussicht nach noch eine Zeitgutschrift. An der Spitze des extrem engen Class-40-Feldes liegt Kito de Pavant – nur etwa 80 Meilen hinter den Nachzüglern der Imoca- und Multi-50-Klasse; der ebenfalls favorisierte Spanier Alex Pella ist Fünfter, die Britin Miranda Merron als bisher schnellste Frau der Route du Rhum Neunte.

Jetzt in der neuen YACHT 23/2014: Großes Interview mit Loïck Peyron über seinen Wechsel vom Uralt-Tri "Happy" auf den Maxi-Tri "Banque Populaire VII": Warum er zuerst nein zu dem Angebot sagte, was ihn dann doch reizte und worin er die größte Herausforderung sieht, ein derart riesiges und leistungsstarkes Boot allein zu segeln. Jetzt am Kiosk!


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Themen: EinhandregattaFrancis JoyonFrançois GabartLoïck PeyronRoute du Rhum 2014Sébastien RoguesTransatlantikYann Guichard

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