Olympia
"Buzios wäre das perfekte Revier"

Bronzemedaillengewinner Lars Grael spricht über Rios verdrecktes Olympiarevier, eine historische Isaf-Fehlentscheidung und die Kieler Woche

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 15.07.2014

SSL2014 Lars Grael im Einsatz bei der Starboot-WM 2014 auf dem Gardasee

Der Brasilianer Lars Grael, 50, hat 1988 und 1996 olympische Bronzemedaillen im Tornado gewonnen. Der Bruder von Doppelolympiasieger und Volvo-Ocean-Race-Sieger Torben Grael verlor bei einer schweren Kollision mit einem Motorboot 1998 ein Bein, setzte seine Segelkarriere aber anschließend im Starboot erfolgreich fort, bis die Kielbootklasse aus dem olympischen Programm gestrichen wurde. Heute ist der politisch aktive Lars Grael immer noch ein Top-Segler und gleichzeitig einflussreicher Funktionär in verschiedenen Verbänden.

YACHT: Herr Grael, wie schmutzig ist das Olympiarevier vor Rio wirklich?

Lars Grael: Es ist verdreckt. Und es gibt kein dauerhaftes Programm zu seiner Verbesserung.

Man hört von Tierkadavern, Möbelstücken und Müllbergen, die im Olympiarevier treiben. Ist es so schlimm, dass die Gesundheit der Segler gefährdet ist?

Es ist nicht so schlimm, wie es in einigen Presseartikeln berichtet wird. Aber viel schlimmer als von den nationalen Behörden eingeräumt.

Wer trägt für den Zustand und eine mögliche Verbesserung die Verantwortung?

Das ist das Problem. Wenn etwas nicht funktioniert, ist die Suche nach den Verantwortlichen schwierig. Rios Bürgermeister hat erst vor kurzem öffentlich erklärt, dass der Säuberungsplan für die Guanabara-Bucht (Red.: das Olympiarevier) gescheitert ist. Für die Region Rio de Janeiro ist das öffentliche Unternehmen CEDAE verantwortlich. Sie haben die Bucht für sauber erklärt und eine Besserung bis 2016 in Aussicht gestellt. Das Umweltministerium Rios hat das Revier der Guanabara-Bucht als "im internationalen Vergleich überdurchschnittlich" beschrieben. Beide versuchen es mit Gegenpropaganda, um die öffentliche Meinung zu erschüttern. Wie schade!

Kann man Olympiasegler in diese Bucht schicken?

Sie ist natürlich segelbar. Wir segeln dort jede Woche, und es war das Revier der Starboot-Weltmeisterschaft 2010 und der Snipe-Weltmeisterschaft 2013. Bislang gab es keine Berichte über gesundheitliche Folgeschäden.

Wer könnte Druck für effektivere Säuberungsmaßnahmen ausüben?

Das läge in der Verantwortung des Welt-Seglerverbandes Isaf via IOC und dem Organisationskomitee für Rio 2016. Brasilien hat gerade die Fußball-WM ausgerichtet und das aufgrund intensiver Planungen und Kontrollen durch die Fifa insgesamt erfolgreich getan. Die Isaf aber übernimmt diese Rolle für den Segelsport bei den nächsten Olympischen Spielen bislang nicht. Ich hoffe, dass die Isaf nach der Test-Regatta im August aktiver wird.

Was empfehlen Sie potenziellen Olympiastartern für 2016?

So viel Training wie möglich im Olympiarevier! Die Guanabara-Bucht ist ein sehr schwieriges Segelrevier, eine große Herausforderung – kompliziert aufgrund der Winddreher, Strömungen und Gezeiten. Es ist ein wunderschönes Revier, das im August herrliche Temperaturen hat. Auf der anderen Seite ist die Wasserqualität ekelhaft. Der umhertreibende Müll kann ein großes Problem für die Teilnehmer werden.

Gab es keine Alternativen?

Korrekt wäre es seitens der Isaf gewesen, das Segeln in weiser Voraussicht nach Buzios etwa 150 Kilometer östlich von Rio zu verlegen. Dort herrschen herrliche Windbedingungen, das Wasser ist sauber. Buzios wäre das perfekte Revier. Doch es hat zu lange gedauert, bis alle die Situation kapiert hatten. Jetzt wird ein Revierwechsel immer schwieriger.

Welche Rolle wird der Segelsport während der Olympischen Spiele 2016 in Brasilien spielen?

Sie hätte inklusive Starboot größer sein können. Viele im Welt-Seglerverband hatten Probleme, diese Realität zu verstehen, die in Brasilien sehr besonders ist. Nun ist die Entscheidung gefallen. Außerdem bietet Rio keinen Olympiahafen auf olympischem Niveau. Dem Segelsport wird anschließend kein Vermächtnis hinterlassen. Dennoch wird der Segelsport in Brasilien großgeschrieben. Wenn sich der Präsident eines Landes in den Kampf um eine Olympiaklasse (Red.: das Starboot) einmischt, dann ist das mehr wert als eine Medaillenchance. Es bedeutet einen öffentlichen Appell, die Spiele als Fest unserer Helden wie Torben Grael mit seinen fünf olympischen Medaillen zu begreifen.

SSL Lars Graels Bruder zählt neben Robert Scheidt zu den berühmtesten Seglern weltweit und zu den Sporthelden seines Landes: Torben Grael (l.) gewann bei Olympia zwei Goldmedaillen, stand insgesamt fünfmal auf olympischen Podesten und siegte im Volvo Ocean Race

Fraglia Vela Malcesine Hätte in seinem Heimatrevier gerne Starboot-Gold gewonnen, stieg nach dem olympischen Starboot-Aus in den Laser zurück und gewann auf Anhieb die Weltmeisterschaft im Oman: Segelstar Robert Scheidt aus Brasilien

Wie groß ist das Bedauern in Brasilien über die Streichung des Starboots aus dem olympischen Programm – ausgerechnet für die Heimspiele aussichtsreicher brasilianischer Medaillenkandidaten?

Die Streichung ist ganz sicher ein historischer Fehler! Mehr als 50 Prozent aller Segler weltweit segeln auf Kielbooten. Die Olympischen Spiele sollten die Realität des Segelsports zeigen. Die Isaf hat den falschen Kurs gewählt. Das Starboot ist weltweit populär und berühmt und bietet Segler, die jeder kennt. Es ist nicht nur eine Frage der Medaillenchancen für Brasilien. Das Starboot bietet Tradition und Prominenz seit 1932. Viele Disziplinen-Entscheidungen der Isaf sind für Segler sehr schwer nachzuvollziehen. Wie soll es da erst der Öffentlichkeit gehen? Wie lange werden die aktuellen Klassen olympisch sein? Kitesurfen ist wundervoll, und ich stimme zu, dass es ein olympischer Testsport sein sollte. Allerdings nicht unter dem Dach des Segelsports. Gesegelt wird mit Segeln! Gekited wird mit Kites! Bogenschießen ist dem Schießen näher als Kitesurfing dem Segelsport. Trotzdem sind es zwei unterschiedliche Sportarten. Das Gleiche gilt für Tischtennis und Tennis. Oder Taekwondo und Judo, Kanusport und Rudern, Fußball und Rugby und weitere Disziplinen. Sie sind sich ähnlich, aber unterschiedliche Sportarten mit unterschiedlichen internationalen Verbänden.

SSL Traditionell stark im Starboot: Brasiliens Segelstars

Wie geht es mit dem Starboot weiter?

Es gibt ein Leben außerhalb der Olympischen Spiele! Wie die Kieler Woche hat auch die Starbootklasse eine Jahrhundert-Tradition. Sie repräsentiert immer noch das höchste Niveau von OneDesign-Kielbooten. Bei der Weltmeisterschaft am Gardasee waren wir 90 Boote aus unterschiedlichsten Nationen, darunter sechs ehemalige Weltmeister. Und nun sind mit Robert Stanjek und Frider Kleen noch zwei deutsche dazugekommen! Wir haben Qualität und Quantität. Einige Kielboote wie die Etchells und die J 24s haben jahrzehntelang überlebt, ohne jemals olympisch gewesen zu sein. Die Drachenklasse ist immer noch ein großartiges Beispiel für eine sehr aktive ehemalige Olympiaklasse.

Sie haben nach Ihrem Unfall weiter auf Weltniveau Starboot gesegelt und engagieren sich in verschiedenen Verbänden …

… ja, ich bin Präsident der Internationalen Starboot-Klassenvereinigung ISCYRA, Kommodore des Brasilianischen Seesegel-Verbandes ABVO, Technischer Direktor der Vereinigung Brasilianischer Segelvereine CBC, unterstütze das Grael Projekt und halte überall in Brasilien Vorträge im Motivationsbereich.

Wir haben in Deutschland gerade eine Kieler Woche erlebt, die an Land mit starken Partnern und eindrucksvollem Programm glänzte und ein sehr schönes sportliches Segelrevier bietet, doch seit dem Ausscheiden aus dem Sailing World Cup an dramatisch schwindenden Teilnehmerzahlen im olympischen Bereich krankt …

Aus meiner Sicht hat die Isaf auch hier den falschen Kurs eingeschlagen. Die Zeit wird darüber Aufschluss geben. Die Kieler Woche hat Tradition, Ruhm, Geschichte, Stolz und wird diese Jahre der Mittelmäßigkeit überleben. Die Kieler Woche ist und bleibt das Wimbledon des Segelsports!

Sie selbst segeln in verschiedensten Klassen, küstennah und auf See. Was bedeutet der Segelsport für Ihr Leben?

Leidenschaft, Tradition, Herausforderung, Vergnügen – Leben!


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Themen: BuziosKieler WocheLars GraelOlympiaRio de JaneiroRobert StanjekStarboot

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