Bordbuch der "Meltemi"
Aussicht: schweres Sturmtief

YACHT-Chefredakteur Jochen Rieker berichtet von Bord der "Meltemi"

  • Jochen Rieker
 • Publiziert am 26.06.2003

Position 48 Grad 37 N, 037 Grad 05 W, Wind WNW 6 bis 7 Bft., Welle 2 bis 3 Meter, Kurs 90 Grad, Fahrt über Grund 8 bis 12 kn, Groß, Genua 4. Wieder so ein schwieriger Tag, bestimmt von Entscheidungen, die einfach nie passen, egal welche man trifft.

Gestern abend kam per E-Mail die Wetterlage von Dr. Meeno Schrader aus Kiel, dem erfahrensten und international renommiertesten deutschen Wetterrouter. Sie war nicht gerade erbaulich.

Meeno, den Crews auf dem Atlantik, die er berät, längst ein Freund und wichtiger Wegbegleiter geworden, sagt für Freitag ein schweres Sturmtief voraus, das sich mitten in unseren Großkreiskurs legen wird. Es bringt Böen mit bis zu 50 Knoten, das ist Windstärke 10. Bleiben wir auf unserem Kurs, verlieren wir keine Meilen, laufen aber Gefahr, Schiff oder Rigg zu beschädigen. Segeln wir konservativer, müssen wir einen Umweg von mehreren Hundert Seemeilen in Kauf nehmen, vermeiden dafür aber das Schlimmste.

Harald Saurma, Eigner und Skipper der Meltemi, entschied sich am Ende für die sicherere Option. "Da draußen macht es keinen Sinn, wegen ein, zwei Plätzen, die wir vielleicht gut machen könnten, Bruch zu riskieren." Der erste Sturm am vergangenen Wochenende mit "nur" 9 Windstärken hatte allen gezeigt, wie schmal der Grat zwischen schnellem Vorwärtskommen und schnellem Aus ist.

Schon in der Nacht frischte der Wind auf und wehte in Böen mit gut 7 Beaufort. Um von unserer relativ weit westlich gelegenen Position wegzukommen, setzten wir die kleine, schwere Genua 4 und refften das Groß durch. Dann halsten wir auf den neuen Kurs von 90 Grad Ost.

Manöver bei Wind und in der Nacht erfordern immer mehr Zeit und mehr Mann an Deck als sonst. Zwei bis drei Crewmitglieder sind auf dem Vorschiff, um die Genua zu setzen und die alte zu bergen. Mindestens drei Mann im Cockpit fahren Schoten und Fallen, einer steuert. Im Idealfall finden Segelwechsel mit dem Wachwechsel statt, sodass nicht eigens jemand aus der Koje geholt werden muss. So war es heute Nacht.

Mit gerefftem Groß und Genua 4 fuhren wir dann bis zum Morgen, obwohl zwischenzeitlich auch mehr Segelfläche möglich gewesen wäre. Aber dies ist eine Langstreckenregatta, die nicht wegen 5 Quadratmeter mehr oder weniger entschieden wird. Gerade jetzt, da die Kräfte in den lang erscheinenden, hundskalten Nachtwachen schwinden, gilt es Maß zu halten und nicht vorzeitig die letzten Reserven aufzubrauchen. Noch immer haben wir gut die Hälfte des Wegs vor uns! Das vergisst oder verdrängt man zu leicht.

Unsere beiden Profis an Bord, die schon ein Whitbread (EF Education) und ein Volvo Ocean Race (Amer Sports Too) hinter sich haben, machen konsequent vor, wie man bei Kräften bleibt. Kaum hat ihre Freiwache begonnen, essen Anna Drougge und Bridget Suckling schon. Und danach geht es direkt und ohne Umwege in die Koje. Unsere Wacheinteilung (je vier Stunden zu viert an Deck, dann 4 Stunden wachfrei) erlaubt jedem theoretisch 12 Stunden Erholung pro Tag. Doch allein Essen, Kochen, An- und Ausziehen kosten 3 bis 4 Stunden. Bleiben 8 bis 9 Stunden Schlaf, die aber nicht am Stück und selten sehr tief, weil das Boot ständig in Bewegung ist. Entsprechend laut und bewegt geht es unter Deck zu.

Für Freitag müssen wir mit so schweren Bedingungen rechnen, dass möglicher Weise gar nicht an Schlaf zu denken ist. Deshalb muss ich jetzt Schluss machen, die Koje ruft.


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Themen: BordbuchDCNACMeltemi

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