Mini-Transat 2021 – der Blog
Ausgebremst: So geht Regatta-Training im Homeoffice

Das Boot war bereit, die Saison straff durchgeplant – und dann kam alles anders. Lina Rixgens über die Vorbereitungen aufs Mini-Transat in Corona-Zeiten

  • Kristina Müller
 • Publiziert am 14.04.2020
Beschäftigung für die Segel-Zwangspause: Lina  Rixgens fertigt Soft-Padeyes für ihr Regattaboot Beschäftigung für die Segel-Zwangspause: Lina  Rixgens fertigt Soft-Padeyes für ihr Regattaboot Beschäftigung für die Segel-Zwangspause: Lina  Rixgens fertigt Soft-Padeyes für ihr Regattaboot

Team Rixgens Beschäftigung für die Segel-Zwangspause: Lina  Rixgens fertigt Soft-Padeyes für ihr Regattaboot

Derzeit bereiten sich so viele deutsche Segler auf das nächste Mini-Transat vor wie noch nie: Sie wollen bei der legendären Einhandregatta von Frankreich in die Karibik im Herbst 2021 an den Start gehen . Dann werden wieder 80 Solisten in 6,50 Meter kurzen Hochseebooten versuchen, den Atlantik zu bezwingen.

Dabei ist auch die Kölnerin Lina Rixgens, 25, die 2017 als erste deutsche Seglerin überhaupt das Rennen beendete (Porträt in YACHT 21/2016) . Vier Jahre nach ihrer Ozean-Premiere im Mini will die Medizinstudentin nun 2021 erneut durchstarten, diesmal in einer Scow, einer Wevo 6.50.

blondsign by Eike Schurr Hat das Mini-Transat 2021 fest im Blick: Lina Rixgens

Auf YACHT online berichtet sie über die Vorbereitung auf das Offshore-Abenteuer und die Herausforderungen einer Mini-Transat-Kampagne, bei der die Skipper weitaus mehr als nur Segler sind: In Eigenregie organisieren und finanzieren sie ihr Projekt und trainieren für die Teilnahme am Mini-Transat, bei dem schon viele Profisegler ihre ersten Offshore-Meilen sammelten.

Im ersten Teil hat Rixgens von der Übernahme ihres nackten, neuen Bootes und der Mammutaufgabe berichtet, es in einen segelklaren Zustand zu bringen. Im zweiten Teil ging es im Sommer 2019 endlich erstmals aufs Wasser. Doch die eigentliche Trainingsaison sollte genau jetzt beginnen, schließlich vergeht die Zeit bis zum Regattastart in eineinhalb Jahren rasend schnell. Über die Enttäuschung, nun urplötzlich durch die Corona-Pandemie ausgebremst zu werden und über ihre Strategie, das Training aufs Trockene zu verlagern, schreibt die Seglerin und angehende Medizinerin in ihrem dritten Blogbeitrag.

Mitte März war ich im Rahmen meines Medizinstudiums dabei, ein Praktikum am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin an den Hamburger Landungsbrücken abzuleisten. Erst waren es immer weniger Patienten, die in die Ambulanz kamen, dann wurde ich nach Hause geschickt, um kein unnötiges Infektionsrisiko einzugehen. Für einen kurzen Moment kam mir der Gedanke, dass ich nun ja viel mehr Zeit zum Segeln haben würde als gedacht. Schließlich lag mein Boot segelfertig am Steg und Shorthanded-Segeln ist ja wohl wirklich mit einem minimalen Infektionsrisiko verbunden.

Team Rixgens Einsames Boot im Strander Hafen: Lina Rxigens' Mini 6.50

Auch als am nächsten Tag die Information kam, dass Touristen nicht mehr in Schleswig-Holstein einreisen dürften, wagte ich noch darüber nachzudenken, weiter zu trainieren. Als Tourismus mit Badestopp und Bier am Steg kann man das Training auf einem Mini schließlich auch nicht bezeichnen. Doch spätestens mit dem Schließen aller Kieler Häfen war klar, dass ich mein Boot bei schönstem Segelwetter würde am Steg lassen müssen.

Trainieren in den eigenen vier Wänden

Home-Office also auch für mich. Was kann man als Segler zu Hause schon groß tun? Erst einmal steht noch so einiges auf dem Zettel. Die angefangenen Solarpanelhalterungen endlich fertig laminieren, etliche Soft-Padeyes herstellen um die frisch eingetroffenen Leesegel irgendwann nach Aufhebung der Verbote anzubringen, Bestandsaufnahme der Bordapotheke machen und mal den Werkzeugkoffer gehörig ausmisten.

Team Rixgens Wieder ein Punkt von der endlos langen To-do-Liste abgehakt: Die Halterung für das Solarpaneel ist fertig

Sport wird in der Vorbereitung einer solchen Kampagne natürlich auch groß geschrieben und manchmal war es schwer, sich neben dem anstrengenden Studium die Zeit dafür zu nehmen. Jeden Tag geht es nun entweder joggender Weise nach draußen oder aufs Ruderergometer. Auch zum Kraftsport motiviere ich mich jetzt in den eigenen vier Wänden.

Wetter, Strategie und Routing büffeln

Da Hochseesegeln aber durchaus komplex ist, nutze ich die Zeit um einen weiteren extrem wichtigen Aspekt weiter zu erarbeiten. Das Thema Wetter, Strategie und Routing. So wälze ich Jean-Yves Bernots "Météo et stratégie", schaue mir Wetterkarten an, mache mich mit der Routingsoftware wieder vertraut.

Das alles sind natürlich wichtige Aspekte eines Offshore-Projekts und gerade in der letzten Saison sind diese bei mir oft zu kurz gekommen. Viel zu sehr war ich damit beschäftigt, mein Boot segelfertig zu bekommen und dann die verbleibende Zeit zu nutzen um segeln zu gehen.

Team Rixgens Beschäftigung für immerhin einige Stunden auf dem Trockenen: Padeyes fertigen – als ultraleichte Beschläge fürs Deck

Doch eigentlich hatte ich einen straffen Zeitplan. Vom Krantermin, der mit Ende Februar extra früh angesetzt und im winterlichen Norddeutschland nur schwer zu bekommen war, bis zur Abfahrt nach Frankreich für die erste Regatta blieben mir exakt sieben Wochenenden Zeit zum Trainieren. Unter der Woche Praktisches Jahr im Krankenhaus, am Wochenende Windwinkel für die verschiedenen Gennaker genau testen, Solo-Manöver perfektionieren, Autopilot-Einstellungen herausfinden.

So war der Plan.

Alles auf den Kopf gestellt

Anfang des Jahres war es mir endlich möglich geworden nach Norddeutschland zu ziehen, nah ans Meer. So viele Jahre hatte mich mein Studium in Belgien gehalten, jetzt konnte ich die letzten Monate des Praktischen Jahres in Deutschland ableisten und es trennt mich nur noch eine Autostunde von meinem Boot. Doch mit der Corona-Krise sitze ich nun trotzdem in der Wohnung fest und warte darauf, in einem anderen Krankenhaus wieder eingesetzt zu werden.

Sicher, Sport-Events haben jetzt absolut keine Priorität und werden abgesagt. All das, woran ich neben meinem Studium die letzten Jahre gearbeitet habe, rückt nun in den Hintergrund. Und natürlich kann ich das verstehen und mit meinem medizinischen Wissen auch absolut nachvollziehen. Es ist eine Ausnahmesituation für alle. Ich kann froh sein: Mir und meinen Mitmenschen geht es gut, meine Existenz steht nicht auf dem Spiel. Andere trifft es aktuell deutlich schlimmer.

Team Rixgens Das Segeltraining muss vorerst hinten angestellt werden. Schade, findet auch Einhandskipperin Lina Rixgens

Doch trotzdem bin ich Sportlerin. Ich habe mit meinem neuen Mini drei Saisons im Voraus geplant. Das sind langfristige Überlegungen und zeitlich weitreichende Entscheidungen, die man trifft. Ich habe Verträge mit meinen Sponsoren, habe viel Geld in die Hand genommen. Für dieses Jahr ist als Höhepunkt die Einhand-Regatta "Les Sables – les Açores – les Sables" (kurz SAS) geplant, 2400 Seemeilen im Sommer von Frankreich zu den Azoren und zurück.

Wie geht es weiter?

Wird die Regatta stattfinden? Wird sie etwas nach hinten verschoben werden? Wie soll ich die geforderten 800 sm innerhalb von Classe-Mini-Regatten als Qualifikation dafür segeln wenn alle Regatten, bei denen ich gemeldet und einen Platz ergattert habe, abgesagt werden? Sicher, die Classe Mini wird sich Änderungen und Lockerungen ausdenken, aber wann und welche? Und wenn dieses Jahr gar keine Regatten stattfinden, was passiert dann mit der Mini Transat im Herbst 2021? Bleibt der Termin bestehen oder wird möglicherweise gar alles um ein Jahr verschoben? Viele Fragezeichen und Spekulationen.

Ich bin zwar wirklich gut im spontanen Umplanen geworden, aber mit so vielen unsicheren Faktoren kann man einfach nicht planen. Noch nicht.


Die Skipperin

Lina Rixgens, 25, hat im Opti Segeln gelernt, später erfolgreich Europe-Regatten absolviert. Als Schülerin hat sie bereits zweimal den Atlantik auf einem Zweimastschoner überquert. Dabei entstand ihr Wunsch, Hochsee- mit Regattasegeln zu verbinden, womit sie später auf der „Haspa Hamburg“ begann. 2015 stieg Rixgens ins Mini-Segeln sein. Für die Transat-Vorbereitung zog sie nach La Rochelle und legte zwei Urlaubssemester ein.

Für ihre Teilnahmen beim Mini-Transat 2017 (Platz 49) wurde die Medizinstudentin aus Köln von Trans-Ocean ausgezeichnet. Als erste deutsche Frau beendete sie damals das Solo-Atlantikrennen. 2021 will sie wieder dabei sein und auf einer neuen Wevo 6.5 aus Italien angreifen, einem neuen Mini-Design mit Scow-Bug.

Allein über den Atlantik: Rückblick auf Linas Mini-Transit 2017


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