Segel-Vereinsliga
Anpfiff: die Bundesliga kommt

Der deutsche Segelsport bekommt eine eigene Bundesliga: 17 Gründer-Clubs hoben den neuen Vereinswettbewerb in Hamburg aus der Taufe

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 09.04.2013

Konzeptwerft Bundesliga-Gründungstreffen in Hamburg

Das Diskutieren und Ringen hinter den Kulissen ist vorerst beendet. Am vergangenen Sonntag gründeten 17 deutsche Segel-Clubs in Hamburg die neue Segel-Bundesliga. Ab Juni soll der Vereinswettbewerb hierzulande für frischen Wind im Regattasport sorgen. Noch ist der Titel "Deutsche Segel-Bundesliga" vom Deutschen Segler-Verband zu genehmigen, doch der Antrag dazu soll dem Spitzenverband bereits in den kommenden Tagen zugestellt werden. Glückt das Experiment, könnte das Bundesliga-Modell möglicherweise auch international zum Vorbild taugen und in einigen Jahren – wie im Fußball – einen europäischen oder gar einen weltweiten Wettbewerb nach sich ziehen.

Das Gründungstreffen fand in den Büros der Hamburger Konzeptwerft der Sailing-Team-Germany-Mitbegründer Oliver Schwall und Arne Dost sowie der geschäftsführenden Gesellschafterin und Olympiateilnehmerin Kathrin Adlkofer und Gesellschafter Jochen Schümann in Hamburg statt. Hier wurde auch das Konzept ausgebrütet.

Nun sind die Weichen für das Premierenjahr 2013 gestellt. Ziel ist es, mithilfe der Bundesliga die besten Allround-Segler Deutschlands und die an ihrer Seite erfolgreich operierenden Vereine zu ermitteln. "Es gibt in Deutschland viele gute und hochklassige Regatten", sagt Bundesliga-Projektmanager Benjamin Jeuthe, "es fehlt aber bislang an einer konstanten Serie, die eine Vergleichbarkeit von Leistungen der Segler und ihrer Vereine ermöglicht. Die Segel-Bundesliga kann ermitteln: Wer sind Deutschlands beste Segler, wer die erfolgreichsten Vereine. Denn hinter jedem Segelteam steht ja immer auch ein Club mit seiner Struktur und seiner Stärke."

Im Premierenjahr kämpfen die Clubs in einer Art Testlauf im Rahmen von fünf Bundesliga-Events von Juni bis November auf dem Starnberger See, in der Lübecker Bucht, auf der Hamburger Außenalster, auf dem Bodensee und auf dem Wannsee um Punkte für die neue Bundesliga-Tabelle. Einziges Matchrace-Event soll zunächst die Hamburger Regatta auf der Außenalster sein. Die anderen vier Regatten werden im Fleetrace-Format und in jeweils drei über das Regattawochenende immer wieder wechselnden Gruppen ausgetragen.

Mit der Bundesliga-Idee soll der Segelsport ein für Vereine, Segler und die Fans gut verständliches und vermarktbares Regattaformat erhalten. Doch Segeln ist naturgemäß nicht mit dem großen Bundesliga-Erfolgsmodell Fußball vergleichbar. Der Sport in Wind und Wellen ist komplex. Nicht ein runder, immer gleich geformter Ball, sondern Hunderte verschiedener Klassen und Disziplinen machen Wettfahrten auf dem Wasser zu einem für die Öffentlichkeit oft nur schwer nachvollziehbaren Sport. Es gibt Freizeit-, Fahrten und Regattasegler, Olympiasegler auf der internationalen Weltbühne, Duellsegler im Matchrace, Katamaransegler, Seesegler und viele mehr.

Zu den in der Gründungsphase am schwierigsten zu lösenden Aufgaben zählte deshalb die Wahl der zu segelnden Bootsklassen. Auf welchen Booten können interdisziplinär die Besten ermittelt werden? Vorübergehend wird aus Machbarkeitsgründen im ersten Jahr nur auf J70-Booten gesegelt. Spätestens 2014, eventuell auch schon gegen Ende der Saison 2013, werden je nach Realisierungsmöglichkeiten und finanziellen Mitteln auch andere OneDesign-Klassen eingesetzt. "Der Plan, auf verschiedenen Klassen zu segeln, ist keinesfalls aufgegeben, denn wir wollen die vielseitigsten Vereine und ihre Segler ermitteln und nicht etwa nur Spezialisten herausbilden", verspricht Projektleiter Benjamin Jeuthe.

Der grobe Plan für die Durchführung der Fleetrace-Regatten sieht vor, dass die immer wieder neu zusammengemischten Gruppen mit kurzem Drei-Minuten-Startsystem jeweils drei Wettfahrten hintereinander bestreiten. Die Rennen sollen nicht länger als 15 Minuten dauern und sind schlichte Up&Downs. So wird jede Vereinscrew auch auf jede andere treffen. Vorgesehen ist ein High-Scoring-System ohne Streicher. Die "Spielwochenenden" beginnen am frühen Freitagnachmittag und enden am Sonntagmittag. Finalläufe sind für die vier Fleetrace-Regatten nicht geplant. Es soll allen Vereinsteams bis zum Ende einer Regatta möglich sein, Punkte zu sammeln und in der Bundesliga-Tabelle vorzurücken. Es wird direkte Schiedsrichterentscheidungen auf dem Wasser geben.

Jedes teilnehmende Bundesliga-Team darf unter Leitung eines nominierten Teamchefs mit einem Bundesligakader von maximal 20 Seglerinnen und Seglern operieren. Beschränkungen für die Kadermitglieder gibt es zurzeit noch nicht. Die Segelteams werden bei Regatten von einem verantwortlichen Skipper geführt und dürfen während einer Regatta nicht gewechselt werden, wohl aber von Regatta zu Regatta. So wird es möglich sein, im Matchrace die Duellspezialisten einzusetzen, während im Fleetrace wieder andere Qualitäten gefragt sein werden. Jeder teilnehmende Club hat ein Saison-Meldegeld von 500 Euro zu entrichten. So sollen die im Premierenjahr fünf veranstaltenden Clubs entlastet werden, damit sie die Kosten nicht allein tragen müssen.

Mit der Gründung wurde auch ein Bundesliga-Steering-Comitee gegründe, in dem drei Vereinsvertreter aus dem deutschen Norden, Mitte/Ost und Süd sitzen. Für den Norden wurde Klaus Lahme vom NRV gewählt, Mitte/Ost vertritt Philipp Kadelbach vom Verein Seglerhaus am Wannsee und den Süden Eckart Diesch vom Württembergischen Yacht-Club. Zum fünfköpfigen Gremium zählen auch ein DSV-Wettsegelausschussvertreter und ein Vertreter der Konzeptwerft.

Archiv/NRV Klaus Lahme

Archiv/privat Oliver Kosanke

Archiv/privat Frank Suchanek

Viele Vereine begreifen die Bundesliga-Idee als Chance. "Das Thema ist attraktiv für unsere Vereinskommunikation, versorgt uns mit einem Spannungsbogen über das ganze Jahr und einer sportlichen Herausforderung", sagt Klaus Lahme, Sportdirektor des NRV. Auch Oliver Kosanke, Präsident des Mühlenberger Segel-Clubs an der Elbe, erklärt: "Aus unserer Sicht ist die Bundesliga eine super Idee! Sie bietet gerade dem Nachwuchs, der noch nicht an Olympia schnuppert, die Chance, in guten Feldern wertvolle Erfahrung zu sammeln und in verschiedenen Bootsklassen und Disziplinen einmal über den Tellerrand hinauszublicken. Wir wollen unseren Kader jung gestalten und ein paar alte Hasen hineinmischen. Mittelfristiges Ziel ist für uns die Ausrichtung einer Bundesliga-Regatta im kommenden Jahr." Frank Suchanek, erster Vorsitzender im Segelklub Bayer Uerdingen, stimmt zu: "Auch wir wollen mit einem Team dabei sein und würden selbst gern im zweiten Jahr eine Matchrace-Regatta ausrichten."

Ein Fürsprecher der neuen Segel-Liga ist auch Jochen Schümann – aus mehreren Gründen. Der dreimalige Olympiasieger ist Gesellschafter der Konzeptwerft und damit Mitinitiator. Doch auch als Sportler und sogar als potenzieller Bundesliga-Starter gefällt dem 58-Jährigen die Vorstellung eines interdisziplinären Clubwettkampfes auf Bundesebene: "Das große positive Echo der Vereine bestätigt die Idee. Wir verstehen uns als Ideengeber und Dienstleister für vorhandene Interessen." Schümann beschreibt die Segel-Bundesliga als "Synonym, das jeder versteht". Der Berliner sagt: "Der Wettbewerb zwischen deutschen Vereinen sorgt für Motivation innerhalb der Vereine. Eine Liga kann sehr spannend sein. Im Fußball wirbelt beispielsweise einer wie Bayer-Stürmer Stefan Kießling die Liga auch ohne Platz in der Nationalmannschaft durcheinander." Der zweimalige America’s-Cup-Sieger erwägt sogar eigene Starts: "Es kann gut sein, dass ich mit meinen früheren Olympiacrews auch einmal teilnehme und versuche, meinen Beitrag für unseren Yachtclub Berlin-Grünau zu leisten."


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