Olympia-Ausscheidung
Angriff mit allen Mitteln

Während Robert Stanjek und Frithjof Kleen ihre Olympiafahrkarte lösten, setzen die 470er-Damen den Nationenstartplatz aufs Spiel

  • Tatjana Pokorny
 • Publiziert am 16.12.2011

Richard Langdon/Ocean Images Start der 470er-Frauen. Wer in diesem dichten Feld behindert wird, hat keine Chance

In der Segelwelt werden momentan die Manöver der 470er-Damen im Kampf um die Olympiateilnahme heiß diskutiert. Nach mäßigem Auftakt und schwindenden Chancen, das Olympiaticket mit dem besseren Ergebnis zu sichern, sieht es so aus, als hätten die in der laufenden Olympiaausscheidung mit zwei Punkten Vorsprung führenden Kathrin Kadelbach und Friederike Belcher ihre Taktik geändert. Das Duo „umklammert“ seine direkten Gegnerinnen seit drei Wettfahrten schon am Start und sorgt dafür, dass Lutz/Beucke nicht in Fahrt kommen und in der Ergebnisliste Stück für Stück nach unten sacken. In den letzten drei Wettfahrten fielen Lutz/Beucke auf diesem Weg von Platz elf auf Platz 20 zurück, konnten sich nicht schnell genug aus der Umklammerung ihrer Rivalinnen befreien, um sich noch auf einen vorderen Platz zurückzukämpfen.

Das Ziel ist klar: Nur, wenn Kadelbach/Belcher verhindern, dass Lutz/Beucke sich bei der Weltmeisterschaft das Ticket sichern, das für sie aus eigener Kraft kaum mehr erreichbar ist, könnten sie sich bei der WM 2012 eine Last-Minute-Chance im Kampf um die Olympiafahrkarte erarbeiten. Denn: Kann keine der beiden Mannschaften jetzt bei der WM alle Qualifikationskriterien erfüllen, beginnt die Ausscheidung bei der WM 2012 noch einmal bei Null. Und daran dürften dann sogar wieder alle deutschen 470er Frauenteams teilnehmen.

Ocean Images Tina Lutz und Susann Beucke im 470er

Der Risikofaktor: Mit dieser taktischen Variante wahren Kadelbach/Belcher zwar ihre eigenen Chancen, gefährden aber die Sicherung des Nationenstartplatzes. 14 Nationenstartplätze für die Olympischen Spiele werden am Ende der Titelkämpfe in Perth vergeben, fünf bleiben für die WM 2012. Beim Stand Freitagabend wäre Deutschland in Perth zunächst leer ausgegangen, denn Lutz/Beucke waren zu dem Zeitpunkt nur noch 15. In der Nationenwertung.

Die vielleicht moralisch fragwürdige Taktik ist durch das Reglement gedeckt – Kadelbach/Belcher bewegen sich im Rahmen des Erlaubten, soweit das bislang absehbar ist, kämpfen auf ihre Weise um den Traum von der Olympiateilnahme. Die Teamleitung des Deutschen Segler-Verbandes (DSV) hat sich die Rennen vor Ort angesehen, will sie aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht kommentieren, sondern zunächst mit Hilfe von Videobändern analysieren. Die 470er-Wettfahrten 9 und 10 sind für Samstag angesetzt, das Medaillenrennen läuft am Sonntag.

Ganz anders präsentiere sich da die deutschen Starbootsegler. Vor 357 Tagen erst haben Robert Stanjek und Frithjof Kleen einen Tag vor Heiligabend 2010 beschlossen, gemeinsam um die Olympiafahrkarte im Starboot zu kämpfen. Jetzt sind sie am Ziel. Am 14. Tag der Weltmeisterschaft lösten die beiden Berliner ihr Ticket. „Das ist der schönste Augenblick meines Lebens“, sagte Vorschoter Kleen, „aber wir wollen trotzdem fokussiert bleiben und morgen eine Medaille angreifen.“

Nach eindrucksvoller WM-Serie liegt das Duo vor dem Medaillenrennen am Samstag auf Platz drei. Die Ausgangslage ist gut: Die Goldmedaille haben zwar Doppel-Olympiasieger Robert Scheidt und Bruno Prada mit 35 Punkten so gut wie sicher. Danach aber wird es eng. Auf die zweitplatzierten Amerikaner Mark Mendelblatt und Brian Fatih haben Stanjek/Kleen nur zwei Punkte Rückstand. Vor dem viertplatzierten Weltmeister Fredrik Loof und Max Slaminen allerdings auch nur drei Punkte Vorsprung.

Für Kleen kommt die Lage einem Deja-vu gleich: 2009 belegte er bei der Starboot-Weltmeisterschaft – damals noch mit Alex Schlonski - punktgleich mit den Bronzemedaillengewinnern Platz vier. Dieses Mal will Kleen mit Robert Stanjek die Gunst der Stunde und die Motivation durch die Qualifikation für die Olympischen Spiele nutzen und die WM-Medaille holen.

Neben Stanjek/Kleen qualifizierten sich auch Johannes Polgar und Markus Koy mit Rang fünf in der letzten Wettfahrt als Neunte für das Medaillenrennen und machte damit den herausragenden Auftritt der deutschen Starbootflotte bei diesen Titelkämpfen perfekt. Kleen hatte zuvor den fairen Umgang aller deutschen Starbootsegler während der nationalen Ausscheidungsserie gelobt: „Ich war überrascht, wie fair das ablief. Es gab Situationen draußen auf dem Kurs, wo sich Jojo durchaus auf uns hätte drauflegen können. Hat er aber nicht. Auch das hat sicher dazu beigetragen, dass wir hier als Team stark waren.“ Zum wieder einmal besten deutschen Klassenergebnis trugen auch die Lübecker Johannes Barbendererde/Timo Jacobs (15.) und die Rostocker Alexander Schlonski/Matthias Bohn (19.) bei, die nach verpatztem Auftakt im Schlussspurt noch in die Top 20 segelten.

Mehr Freude hatten am Freitag die jungen Berliner 49er-Segler Erik Heil und Thomas Ploeßel. Kess, frisch und unbelastet segelten sie mit den Rängen 5, 15 und 6 auf Platz sechs im Gesamtklassement mitten hinein in die Weltspitze, während die in der Olympiaausscheidung führenden Tobias Schadewaldt und Hannes Baumann Federn lassen mussten und auf Platz elf abrutschten. Drei Wettfahrten vor dem 49er-Medaillenrennen am Sonntag haben damit sogar zwei DSV-Teams die Chance, unter die Top Ten zu segeln. Das Olympiaticket könnten Heil/Ploeßel den Kielern Schadewaldt/Baumann aber nur noch abjagen, wenn die sich weitere enorme Aussetzer leisten würden und Heil/Ploeßel gleichzeitig in die Top Drei vorstießen. Tobias Schadewaldt und Hannes Baumann hatten nach zwei von drei Ausscheidungsregatten vor WM-Start einen soliden 20-Punkte-Vorsprung auf Heil/Ploeßel.


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Themen: FremantleOlympische SpielePerth

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