2.4-mR-Weltmeisterschaft
Heiko Kröger: „Wir haben gemessert um jeden Zentimeter“

Der Kieler ist erneut Weltmeister geworden. Im Interview spricht er über den schweren Titelgewinn und die Chancen einer Olympiateilnahme

  • Lars Bolle
 • Publiziert am 01.10.2021
Kröger führt kurz nach der Luvmarke Kröger führt kurz nach der Luvmarke Kröger führt kurz nach der Luvmarke

Pepe Hartmann Kröger führt kurz nach der Luvmarke

Der Kieler Heiko Kröger hat vor Warnemünde den Gold Cup im 2.4 mR gewonnen und dabei zugleich seinen elften Weltmeistertitel in der sogenannten Para-Wertung der behinderten Segler eingefahren. Der Gold Cup war mit 32 Startern die Top-Veranstaltung der Klasse in diesem Jahr, durfte jedoch nicht als offene Weltmeisterschaft gewertet werden. Sonst wäre es Krögers zweiter WM-Titel gewesen.

Es war ein knapper Ausgang. Elf Wettfahrten wurden gesegelt, nach einem missglückten Auftakt mit den Plätzen 4 und 13 segelte Kröger anschließend nur noch erste und zweite Wettfahrtplatzierungen, wechselte sich damit bis auf eine Ausnahme mit der Britin Megan Pascoe ab, die mit sieben Punkten Rückstand Zweite wurde.

Bilder der 2.4 mR Weltmeisterschaft

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Die 2.4-mR-Weltmeisterschaft vor Warnemünde

Herr Kröger, die Ergebnisliste sieht bei Weitem nicht wie ein Selbstläufer für Sie aus.

Das Revier vor Warnemünde ist ja bekannt super, es war tolles Segeln. Megan ist als zweifache Weltmeisterin eine echte Bank. Wir beiden haben hart gemessert um jeden Zentimeter, Wendeduelle, Halsenduelle, alles vom Feinsten. Das hat richtig Spaß gemacht. Wir haben zeitweise auch keine anderen Teilnehmer zwischen uns gebracht, segelten vor dem Feld. Da genügte es, vor dem Wind eine Welle mehr mitzunehmen und zwei Meter vor dem anderen zu sein, die dann gereicht haben. Auf der Kreuz hat sich dann auch nichts mehr verändert, weil wir da synchron segelten, alles andere, Ausbrechen, ergab keinen Sinn. Es war die ganze Zeit Hochspannung und der Versuch, bloß keinen Fehler zu machen.

Der 2.4 mR ist eine Einheitsklasse, Pascoe segelte aber mit einem modifizierten Boot. Können Sie das erklären?

Das Boot ist eigentlich eine Konstruktionsklasse innerhalb recht enger Regeln. Der Weltseglerverband World Sailing hat diese für die Para-Wettbewerbe noch strikter festgelegt, ein Boot wie meines, ein Norlin Mark III, unverändert als Einheitsklasse. Pascoe hat das gleiche Boot, nur mit einen um 2,7 Zentimeter tieferen Kiel und fünf Kilogramm mehr Bleiballast. Das entspricht den Regeln der Konstruktionsklasse, aber nicht denen der Para-Wertung. In einer reinen Veranstaltung mit Behinderten dürfte sie damit nicht segeln, in einer offenen Wertung schon. Aber diese Kielmodifikation klingt rein physikalisch auch nur nach einem Vorteil. Deshalb machen das auch einige. Es ist aber nicht schneller. Wir sind etliche Minuten lang bei unterschiedlichen Bedingungen parallel gesegelt, da war kein Vorteil zu sehen. Der Konstrukteur Peter Norlin hat es einmal ganz treffend gesagt: 'Ja, der Kiel dürfte tiefer sein, aber wenn ich der Meinung wäre, das wäre schneller, hätte ich es gemacht.' Das, was man beim aufrichtenden Moment gewinnt, verliert man wieder wegen des Mehrgewichtes, das man als Volumen durchs Wasser schiebt. Gerade die Meter-Boote reagieren sehr empfindlich auf Veränderungen bei der Verdrängung.

Wenn man sich die klare Dominanz von Ihnen beiden ansieht, könnte man meinen, der Rest des Feldes konnte nichts.

Doch, doch, wir waren schon alle dicht beieinander, aber Megan und ich waren eben 50 bis 60 Meter vor dem Feld, das sind ja nun auch nicht Welten...

...bei einer Länge von 4,18 Metern schon.

Joah, nein. Die Konkurrenz gerade im offenen Sektor war ganz gut, es waren ein paar Skandinavier dabei, die auch schon Weltmeister waren. Und im Para-Sektor war Antonio Squizzato (ITA) schon mal Vierter der offenen WM, und Fia Fjelddahl (SWE) war schon Dritte. Wir haben schon ein gutes Feld gehabt, besser als bei der Kieler Woche (wo Kröger seinen zwölften Sieg einfuhr, d. Red.).

War es also ein normales Meisterschaftsfeld oder doch ein Corona-Feld?

Ein Corona-Feld, ganz klar. Bei Weltmeisterschaften, die offene und die Para, sollten eigentlich im Sommer in Norwegen stattfinden. Das wurde aber wegen Corona im Mai abgesagt. Dann blieb nicht mehr viel Zeit. World Sailing hat dann weltweit nach einem Termin für die Para-WM gesucht, nicht für die offene WM. Hintergrund ist die erneute Bewerbung für die Paralympics. Voriges Jahr sind schon beide WMs ausgefallen, wir brauchen aber für die Bewerbung so viele internationale Veranstaltungen wie möglich. Der Wunsch von World Sailing war ein Austragungsort irgendwo in Europa, damit ihn so viele wie möglich mit dem Trailer erreichen können. Die Klassenvereinigung hat dann geholfen, World Sailing mit Kiel und Warnemünde zusammengebracht, World Sailing hat sich dann für Warnemünde entschieden. Weil es aber zeitlich so knapp war, konnten es viele nicht mehr bis zum Start schaffen, gerade aus Übersee. Australier konnten gar nicht kommen, weil sie nicht aus dem Land rausdürfen, auch der Bootstransport per Container hätte nicht mehr geklappt, was derzeit auf den Weltmeeren los ist, wissen wir alle. Wir hätten sogar noch Charterboote für Segler aus dem Ausland gehabt, aber die Reisebeschränkungen und die Kurzfristigkeit hat vielen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Sie haben die Bewerbung der 2.4 mR zur Wiedereinsetzung als Paralympische Segeldisziplin für die Paralympics 2028 angesprochen. Was ist Ihre Rolle dabei?

Ich bin vor wenigen Wochen in die Athletenkommission von World Sailing gewählt worden. Dort hinein werden aktive oder ehemals aktive Athleten gewählt, und die Kommission hat eine eigene Stimme. Ich bin für den Para-Bereich mit zuständig.

Wie ist der Stand der Bewerbung? Hat das Para-Segeln eine Chance, 2028 wieder paralympisch zu werden?

Wir haben eine reelle Chance. Die Kriterien, die wir vom Internationalen Paralympischen Komitee vorgegeben bekommen, haben wir übererfüllt. Wir wissen rein informell, dass auch das Internationale Olympische Komitee sehr an der 2.4-mR-Klasse interessiert ist, als eine Art inklusiven Sports. Ich habe für unsere Klasse auch eine Bewerbung für die Olympischen Spiele eingereicht, und man hat sich nicht totgelacht. Es wird vielleicht doch irgendwann einmal dazu kommen, dass man in diesem Bereich bei den Olympischen Spielen etwas tun wird. Der Nachteil des Segelns ist dabei aber immer, dass es für den Veranstalter teuer ist. Wir verkaufen keine Tickets, die Organisation ist aufwändig, die Jounalisten müssen meist mehrere hundert Kilometer an den Veranstaltungsort gefahren werden und verpassen in der Zeit andere Wettkämpfe. Segeln ist in dieser Hinsicht eine Problemsportart.

Sie sind 55 Jahre alt, 2028 wären Sie 62. Würden wir Sie dann noch an der Startlinie sehen?

Ich fühle mich derzeit sehr fit. Wegen der ganzen Regatten und dem Drumherum habe ich gerade noch einmal fünf Kilogramm abgenommen. Und es sind ja noch sieben Jahre, da habe ich noch viel Zeit zum Trainieren.

Ergebnisse


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Themen: 2.4mRHeiko Kröger

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