Technik-Spezial

Unterwegs mit Doppelruder: Das müssen Sie wissen

Zwei Ruderblätter sind weit verbreitet und auch auf immer kleineren Yachten zu finden. Was sind die Vor- und Nachteile? Und was müssen Eigner wissen?

Felix Keßler, Lars Bolle, Alex Worms am 22.11.2018
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YACHT/N. Günter

Früher waren Doppelruder fast ausschließlich auf bestimmten Regattayachten oder anderen Spezialkonstruktionen zu sehen, mittlerweile sind sie auch in der Serienproduktion anzutreffen. Von sportlichen Kleinyachten wie Seascape oder SQ 25 über Einstiegs-Fahrtenyachten wie Dufour 310 oder Elan 350 bis zu Flaggschiffen wie Bavaria Cuiser 56 reicht die Palette. Zwei Ruderblätter können deutliche Vorteile gegenüber einem haben – und gewaltige Nachteile. Ihr Einsatz hängt von vielen Faktoren ab. Sie erfordern ein etwas anderes Verständnis der Segelphysik und Umdenken bei der Bedienung der Yacht, sei es auf See oder im Hafen.

Zu den Vorreitern von Doppelruder­an­lagen gehören die Hochsee-Boliden der Open-60-Klasse. Das sind Raumschots-Gleiter mit flachen, breiten Heckformen. Je breiter das Heck wird, desto eher ist ein Doppelruder im Vorteil. Das gilt auch für Fahrtenyachten. Auch sie haben heute enorm breite Heckpartien, jedoch eher aus dem Grund, viel Lebens- und Wohnraum an und unter Deck zu schaffen, statt der Yacht beim Gleiten zu helfen. Und so hat auch die Entscheidung für ein Doppelruder bei Fahrtenyachten etwas andere Gründe als im Regattabereich.


Die Physik hinter den beiden Rudermodellen

Je nach Krängung verändern sich Winkel und Fläche, mit denen ein Ruder durch das Wasser gleitet. Hier liegen die beiden Kernprobleme, die man kennen muss, wenn man Aussagen über Vor- und Nachteile der Rudersysteme treffen will.

Zunächst die Betrachtung des Amwindkurses: Ein Ruder ist generell am effek­tivsten, je weiter achtern es sich am Rumpf befindet; unter anderem das Kurshaltevermögen verbessert sich dann. Je breiter eine Yacht jedoch ist, vor allem achtern, desto mehr vertrimmt sie bei Krängung. Durch die flache Spantform hebt sich die Luvseite aus dem Wasser, zugleich fällt, vereinfacht ausgedrückt, die Yacht auf die Nase. Das Vertrimmen geht mit starker Luvgierigkeit einher, auf die der Steuermann mit deutlichem Ruderausschlag reagieren muss. Um das ­Ruderblatt herum entstehen dabei große Druckunterschiede. Das Vertrimmen auf die Nase hat zugleich den Effekt, dass das Heck nach oben aushebelt. Dabei kann ein mittschiffs installiertes Einzelruder im oberen Bereich – je weiter achtern es sich befindet, desto eher – aus dem Wasser tauchen.

Dadurch fehlt, salopp ausgedrückt, der Deckel auf dem System. Der Unterdruck am Ruder kann einen Ausgleich finden, indem er von oben Luft heransaugt. Es kommt zum Strömungsabriss und Kontrollverlust.

Eine Alternative ist ein entsprechend großes und vor allem tief gehendes Ruderblatt. Auf diese Variante greifen heute die meisten Konstrukteure zurück. Was zunächst erstaunlich erscheint, gibt es doch eine scheinbar wesentlich bessere Möglichkeit: das Doppelruder. Es hebelt nicht aus, im Gegenteil, es wird umso wirksamer, je weiter die Yacht krängt, da es dann komplett eintaucht. Boote mit Doppelruder sind so auch bei starker Schräglage, wenn andere Yachten bereits Sonnenschüsse produzieren, normalerweise immer noch sehr gut auf Kurs zu halten. Der enorme Kontrollgewinn durch ein Doppelruder ist so ausgeprägt, dass man sich unwillkürlich fragt, warum nicht alle modernen, breiten Fahrtenyachten so ausgestattet sind. "Ein Doppelruder bedeutet auch doppelt so viele Möglichkeiten, etwas verkehrt zu machen", sagt Mat­thias Bröker, Konstrukteur bei Judel/Vrolijk & Co in Bremerhaven.

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Felix Keßler, Lars Bolle, Alex Worms am 22.11.2018

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