Geschichte

Wie die Boote fliegen lernten

Felix Keßler, Jochen Rieker, Michael Good, Lars Bolle am 13.09.2018

Wie die Boote fliegen lernten

Der Hype rund um Foils und "fliegende" Segelboote ist gerade erst richtig losgebrochen. Dabei hat die Tragflügel-Technologie, die den meisten Seglern heute noch fremd, wenn nicht sogar abgedreht erscheint, eine erstaunlich lange Entwicklungsgeschichte hinter sich. Bereits 1861, also vor mehr als 150 Jahren, baut der Engländer Thomas William Moy zwei fixe Tragflügel unter eine Schaluppe, die er von einem Pferdegespann entlang eines Kanals ziehen lässt. Überlieferungen zufolge wird der Rumpf dabei komplett aus dem Wasser gehoben.

Dieser bahnbrechenden Erfindung folgt anschließend eine ganze Reihe von motorisierten Experimentalfahrzeugen, nicht selten mit militärischem Hintergrund. Auf dem Kontinent gilt Enrico Forlani als einer der Pioniere. Der italienische Konstrukteur entwickelt 1906 das erste autonom fahrende Tragflügelboot. Auf dem Lago Maggiore erreicht es, von einem Motor angetrieben, eine Höchst­geschwindigkeit von 38 Knoten. Das Gefährt inspiriert in der Folge den US-Erfinder Alexander Graham Bell zum Bau seiner "HD-4", die 1919 einen neuen Weltrekord aufstellt, der mehr als ein Jahrzehnt Bestand haben sollte: 61,6 Knoten.

Der erste bekannte Einsatz von Hydrofoils auf Segelbooten geht auf das Jahr 1938 zurück. Die Amerikaner Robert Gilruth und Bill Carl bauen sich einen kleinen, 3,65 Meter langen Katamaran mit einer großen V-förmigen Tragfläche an einer Kon­struktion unter Wasser. Das Boot kann bereits bei nur fünf Knoten Wind abheben und erreicht eine Geschwindigkeit von immerhin zwölf Knoten – damals eine Sensation. Mit dem Versuchsträger "Monitor" geht Gordon Baker noch einen Schritt weiter. An der Entwicklung der Konstruktion beteiligt sich sogar die US-Navy. Der Einrumpfer verfügt über seitlich angebaute Leiter-Foils. Später, vom herkömmlichen Rigg auf zwei starre Flügelsegel umgerüstet, setzt die "Monitor" mit 30,4 Knoten eine Rekordmarke für segelgetriebene Wasserfahrzeuge, die selbst heute noch achtbar erscheint.

Fotostrecke: Boote, die Foil-Geschichte schrieben

Eine bedeutende Rolle in der Entwicklung von Foils für Segelboote nimmt der Franzose Éric Tabarly ein. Er baut 1976 einen Tornado-Rumpf zu einem kleinen Trimaran um und konstruiert Tragflächen für die Seitenschwimmer sowie für das Ruder. Tabarly experimentiert akribisch mit verschiedenen Foils, Profiltiefen und Einstellungen und überträgt seine Er­fahrungen danach auf die Konstruktion des ersten wirklichen Hochsee-Foilers, den Trimaran "Paul Ricard". 1980 pulverisiert Tabarly damit den Trans­atlantik-Rekord des Schoners "Atlantic" aus dem Jahr 1905. Die "Paul Ricard" benötigt für die Strecke nur zehn Tage und fünf Stunden.

Einen ähnlichen Anteil an der Weiterentwicklung wie Tabarly hat sein Landsmann Alain Thébault mit dem Tri-Foiler "Hydroptère". Basierend auf dem Konzept von "Paul Ricard", wird der 2005 gebaute Trimaran mehrmals stark modifiziert und die Technologie weiter verfeinert. "Hydroptère" setzt 2009 zwei Bestmarken: 51,36 Knoten im Schnitt über 500 Meter und 50,17 Knoten über die Seemeile. Dazu knacken die Speed-Freaks aus Frankreich erstmals überhaupt auch die schier unglaubliche Marke von 100 Kilometern pro Stunde. Damit ist "Hydroptère" das schnellste Segelboot der Welt überhaupt.

Allerdings haben die Bestmarken der Franzosen nicht lange Bestand. Nach einem Jahrzehnt unermüdlicher Forschungs- und Entwicklungsarbeit gelingt dem Australier Paul Larson mit der "Sail­rocket 2" im November 2011 ein neuer Weltrekord, der bis heute ungebrochen ist. Das ausschließlich für Speed-Rekorde konstruierte asymmetrische angelegte Segelgerät erreicht in Namibia über die 500-Meter-Strecke eine halsbrecherische Geschwindigkeit von 65,45 Knoten; in der Spitze sind es sogar 68,01 Knoten. Unter Idealbedingungen hält Larson auch mehr als 70 Knoten für möglich. Bedenkt man, wie früh und wie stürmisch sich das Potenzial der Rekordjäger auf Tragflügeln entfaltete, so dauerte der Transfer der Technik in den Serienbau vergleichsweise lange. Vorreiter war die International-Moth-Klasse. Nach einigen Prototypen, die Ende der Neunziger in Australien entstanden, offerierten Fastacraft und später Bladerider die ersten Motten auf Foils. Sie waren zunächst umstritten, lösten aber schon bald nach ihrer Markteinführung einen regelrechten Boom aus – und gelten als Wegbereiter des aktuellen Foil-Trends. 

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