Auf der Teststrecke

Sind Fahrsicherheitstrainings sinnvoll?

Lars Bolle, Felix Keßler am 11.07.2018

Fahrsicherheitstrainings mit Trailer

Beim Fahren mit Trailer sind  physikalische Gesetzmäßigkeiten besonders zu beachten. Ein Fahrsicherheitstraining schärft die Sinne und erhöht das Verständnis für das gesteigerte Gefahrenpotenzial. Wir waren mit einem Profi auf der Übungstrecke:

Fahrsicherheitstraining Trailer VW ADAC

Bei nasser Fahrbahn verringert sich die Bodenhaftung der Reifen, der Bremsweg wird länger

"Das war wieder keine richtige Bremsung!" Zum dritten Mal hintereinander schüttelt Bernhard Tiemann den Kopf. Was? Was will er denn doch? Noch mehr Druck, und das Pedal verbiegt! Jedenfalls scheint es so. Doch der Fahrsicherheitstrainer des ADAC ist unerbittlich: "Du musst richtig reinhämmern!"
Aber das muss man sich erst einmal trauen – schließlich hängt da nicht nur ein Trailer hinten dran, sondern auch ein Boot. Was, wenn sich etwas löst, der Anhänger ausbricht? Schon bei 30 Kilometern in der Stunde verzögert das Gespann beeindruckend, die Gurte werden straff gezogen, der Körper ruckt deutlich nach vorn. Wie Tiemann erklärt, kann diese Verzögerung sogar bei so geringer Geschwindigkeit höher sein, als wenn man schneller unterwegs ist.

In dem Moment, wo das Bremspedal vibriert und die Gummis über den Asphalt ruckeln, wird klar, dass Boot und Ladung bei diesen enormen Verzögerungskräften leicht zu Geschossen werden könnten. Damit hat sich ein gehöriger Respekt entwickelt, als es zu den Tests mit 40, 50 und 60 Kilometern pro Stunde geht. Am beeindruckendsten dabei ist, wie stark sich der Bremsweg verlängert, vor allem wegen des ungebremsten Anhängers. Von Ausbrechen oder Schlingern jedoch keine Spur: "Moderne Fahrassistenten wie das ESP erkennen auch, wenn ein Trailer angehängt wurde", so Tiemann, "und reagieren entsprechend."

Schlingergefahr bestehe vor allem bei sehr hohen Anhängelasten und Seitenwind, wie etwa mit Wohnanhängern, oder bei Berg­abfahrten. Ursache sei fast immer zu hohe Geschwindigkeit. Dagegen helfe nur Bremsen, die Geschwindigkeit zu verringern. Auf keinen Fall solle man auf der Autobahn beim Schlingern beschleunigen, das sei ein hartnäckig immer wieder verbreiteter, aber lebensgefährlicher Tipp.
Auf der Kurvenbahn zeigt Tiemann dann, dass es selbst ein Trailer mit weniger als 750 Kilogramm schafft, einen Allrad-Passat beim Bremsen mit dem Heck herumzudrücken. Solche Experimente sind freilich nur etwas für ausgebildete Profis; der Grat bis zum Umkippen des Hängers ist zu schmal für Normalfahrer. Doch auch ohne Stunt-Einlagen ist das Fahrsicherheitstraining beeindruckend genug hinsichtlich der erhöhten Kräfte, die wirken.

Jedem Gespannfahrer ist solch ein Training stark zu empfehlen – und unbedingt mit dem eigenen Trailer.

Wie sich der Bremsweg bei steigender Geschwindigkeit verlängert

Fahrsicherheitstraining Trailer VW ADAC 2018 BSc_IMG_9505

Bei 30 Km/h ist es nur eine halbe Wagenlänge bis zum Stillstand

Vollbremsung mit ungebremstem Trailer: In dem Moment, in dem die Vorderräder des Pkw den gelben Zylinder erreichen, tritt der Fahrer das Bremspedal durch. Wichtig: Nicht langsam die Bremskraft aufbauen, sondern mit einem kräftigen Stoß, dann den Druck auf das Pedal bis zum Stillstand aufrecht erhalten.

Dazu ist auch eine entsprechende Sitzposition nötig, das rechte Bein darf bei vollem Druck nicht ganz gestreckt sein. Wie die Bilder zeigen, vervierfacht sich der Bremsweg bei doppelter Geschwindigkeit.

Fahrsicherheitstraining Trailer VW ADAC Bremsweg 30kmh

Ganz anders sieht es schon bei doppelter Geschwindigkeit (60 Km/h) aus: Der Bremsweg hat sich vervierfacht

Zudem erhöht er sich gegenüber dem Fahren ohne Anhänger wegen der zusätzlich schiebenden Anhängerlast, erst recht, wenn der Trailer un­gebremst ist. So kann ein ungebremster Anhänger mit 750 Kilogramm das Zugfahrzeug deutlich mehr schieben als ein wesentlich schwererer, gebremster Trailer. Auch wenn es nicht vorgeschrieben sein sollte, ist gebremst ein leichter Trailer sicherer.

Wird bei Kurvenfahrten die Zentrifugalkraft unterschätzt, kann ein Anhänger ein gefährliches Eigenleben entwickeln:

Zentrifugalkraft Trailer

Die Zentrifugalkraft lässt den Trailer in Kurven nach außen ziehen

Denn wie beim Bremsweg gilt auch hinsichtlich der Zentrifugalkraft: doppelte Geschwindigkeit, vier­fache Kraft. Vor allem tief liegende Pkw mögen eine etwas zu forsch angefahrene Kurve noch verzeihen, bei Bootsanhängern sieht das anders aus; je höher der Schwerpunkt des Bootes auf dem Anhänger, desto eher kann es gefährlich werden.

Schon etwas zu viel Geschwindigkeit in einer Kurve oder Autobahnausfahrt, und der Trailer kann kippen. Dagegen ist der Fahrer so gut wie machtlos. Hebt der Anhänger erst einmal ein Rad, ist es meist zu spät. Mögliche Gegenmaßnahmen sind Gegenlenken, wobei dies in Kurven meist unmöglich ist, ohne, in einer Linkskurve, von der Fahrbahn abzukommen oder, in einer Rechtskurve, in den Gegenverkehr zu geraten.

Auf jeden Fall hilft eine Verringerung der Geschwindigkeit und damit der Zentrifugalkraft. Mit einem gebremsten Trailer mag das noch gelingen, ein ungebremster Trailer schiebt jedoch mit seiner vollen Masse gegen die im Winkel stehende Anhängerkupplung, was zum Ausbrechen des Hecks führen kann. Das Zugfahrzeug wird dann in die Kurve geschoben, also in den Gegenverkehr oder von der Fahrbahn. Deshalb Kurven immer höchstens mit der an­gegebenen Höchstgeschwindigkeit anfahren, lieber vorher den Speed noch etwas reduzieren.

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Lars Bolle, Felix Keßler am 11.07.2018

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