Vendée Globe
"Unser Boot wird radikal anders!"

Boris Herrmann erklärt im exklusiven Interview zum Neubau seines Open 60, dass er komplett andere Wege gehen will als die Konkurrenz. Er pokert hoch

  • Andreas Fritsch
 • Publiziert am 11.01.2022
Boris Herrmann in der Rumpfschale seines neuen Bootes Boris Herrmann in der Rumpfschale seines neuen Bootes Boris Herrmann in der Rumpfschale seines neuen Bootes

Ricardo Pinto/Team Malizia Boris Herrmann in der Rumpfschale seines neuen Bootes

Eigentlich sollte es ein gemeinsamer Besuch mit Boris in der Multiplast-Werft in Vannes werden, wo sein neues Boot entsteht, doch Corona macht dem Anfang Dezember einen Strich durch die Rechnung. Das Team will die Außenkontakte wegen der Omikron-Variante minimieren, zu groß ist das Risiko, dass der Besuch das Virus einschleppt und so das ganze Bauteam in Quarantäne zwingen würde. Stattdessen gibt es ein langes Interview zum Stand der Bauarbeiten.

Vor der letzten Vendée Globe sagtest du einmal, es wäre ein Traum, ein eigenes Boot zu bauen, weil es ganz auf deine Bedürfnisse zugeschnitten sein könnte. Nun ist es endlich so weit. Was wird das neueBoot denn maßgeblich unterscheiden von der alten „Seaexplorer“?

Vor allem die Form des Rumpfs. Wir wollten ein Boot mit sehr viel Rocker (Kielsprung; Anm. d. Red.). Dass also die Bugsektion stark nach vorn ansteigt, und dasselbe, wenn auch moderater, im Heck. Ich habe mir darüber mit Ryan (Breymaier; Anm. d. Red.) viele Gedanken gemacht. Wir hatten beim Barcelona World Race 2010, das wir zusammen mit der alten „Neutrogena“ gesegelt sind, damals ein Design, das viel Rocker hatte. Das ging sehr, sehr gut durch den hohen Seegang in den schnellen Reaching-Bedingungen des Southern Ocean, weil das Boot selten den Bug tief in die Welle bohrte. Man konnte lange pushen. Dahin wollen wir mit dem neuen Boot wieder zurück.

Drücken die Foils den Bug nicht nach oben und erlauben es auf diese Weise, schneller über den Seegang zu gehen?

Das ist nicht immer so. Werden Seegang und Wind zu stark, vor allem, wenn man sehr tiefe Downwind-Kurse fährt, was im Southern Ocean der Fall ist, erreicht man da schnell Grenzen. Dort segelt man in einem chaotischen Wellenbild mit viel Gischt und Schaum. Das Boot erreicht mit den Foils dann hohe Geschwindigkeiten und hebt sich hoch aus dem Wasser. Wenn die Foils dann im Seegang aber ein Loch im Wellenbild erwischen, also in der Luft sind, kracht der Rumpf in die See zurück und bremst enorm ab. Das belastet das Boot, Rigg und Segel stark. Das war bei der letzten Vendée mit „Seaexplorer“ oft der Fall. Um das zu verhindern, musste ich die Foils weit einziehen. Das Boot kommt dann aber tiefer in den Seegang und wird langsamer, weil sich der Bug ohne Rocker festfährt. Oft ist man dann gar nicht mehr im Foil-Modus unterwegs, sondern eigentlich in normaler Gleitfahrt, weil die Foils ja auch eine gewisse Geschwindigkeit brauchen, um gut zu funktionieren. Wenn der Rumpf mehr Rocker hat, kann ich dann schneller fahren. Die Idee ist eigentlich simpel: Statt mit vielen Be- und Entschleunigungen, sagen wir von 13 auf 36 Knoten, die auch viel Zeit brauchen, fährt man dann 18 bis 28 Knoten. Statt eines Durchschnitts von 18, 19 Knoten, wie ich ihn mit „Seaexplorer“ oft erreicht habe, sind dann vielleicht 22 Knoten möglich. Das wäre ein riesiger Fortschritt, der den entscheidenden Unterschied macht.

Entwickeln andere Teams auch in diese Richtung?

Bislang nicht, dass wir wüssten. Das Sam-Manuard-Design „L’Occitane“ von Armel Tripon ging etwas in die Richtung, aber wir sind viel extremer. Unser Boot hat bei einer Rumpflänge von 18,23 Metern nur eine 14 Meter lange Wasserlinie. Der Bug ragt 1,1 Meter über diese hinauf.

Hat das auch Nachteile?

Ja, es gibt Bedingungen, in denen das Boot in den VPPs (berechnete Geschwindigkeiten, Anm. d. Red.) auf dem Papier dann sogar langsamer als meine alte „Seaexplorer“ ist! Unsere Idee mit dem ausgeprägten Rocker war auch tatsächlich ein Punkt, der manche Designer abgeschreckt hat. Wir haben mit praktisch allen gesprochen, Guillaume Verdier zum Beispiel war das zu extrem. VPLP hat unseren Ansatz am ehesten verstanden, und wir hatten mit denen beim Nachrüsten der Foils eine sehr gute Zusammenarbeit. Deshalb sind die nun die Design-Partner des neuen Bootes. Aber grundsätzlich gilt, das Boot muss zwei Modes haben: voll auf die Foils zugeschnitten bei fast allen Segelbedingungen – außer im Southern-Ocean-Downwind mit viel Wind.

Die ausführliche Geschichte zum Bau ist nachzulesen in der YACHT Nr. 2/2022. Das Heft ist im DK-Shop erhältlich. Oder Sie laden sich den Test direkt über den Link unten herunter.


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Themen: Boris HerrmannKonstruktionOpen 60

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