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Versicherungsrecht

Vorsicht, Kleingedrucktes!

Um Kaskoansprüche abzuwehren, sind manche Versicher schnell mit dem Argument der Seeuntüchtigkeit bei der Hand. Das aber zieht nicht immer

Dr. Heyko Wychodil am 06.03.2013

Kommt der Mast von oben und will dann die Versicherung nicht zahlen, ist der Ärger groß

Der Fall: Bei böigem Ostwind – zirka 5 Beaufort – ist Michael Sanders einen Moment zu lange mit seinem im Cockpit ins- tallierten GPS-Gerät beschäftigt. Es kommt zu einer folgenschweren Patenthalse. Dabei bricht der Alu-Mast knapp unter dem Baumbeschlag fast rechtwinklig durch.Noch bevor Sanders das Großsegel bergen kann, knickt der Mast nach Backbord weg.

Vor wenigen Minuten hatte er die Bullentalje setzen wollen, dann aber doch erst Position und Kurs geprüft. Jetzt war es zu spät! Nach der Ankunft im Heimathafen meldet der Skipper den Vorfall sofort seiner Kaskoversicherung. Er befürchtet den Einwand grober Fahrlässigkeit und erklärt der Wahrheit entsprechend, seine Frau habe seekrank am Niedergang gesessen, sodass er im Cockpit auf sich allein gestellt und etwas überfordert gewesen sei. Nur deshalb habe er sich mit der Navigation beschäftigt, bevor die Bullentalje gesetzt gewesen sei.

Nach einigen Tagen teilt die Versicherung schriftlich mit, eine grobe Fahrlässigkeit werde tatsächlich nicht an- genommen. Es sei aber zum Zeitpunkt des Mastbruchs von einer Seeuntüchtigkeit des Schiffs auszugehen, da ein Serienschiff dieser Größe und Bauart Wendemanöver bei böigem Wind der Stärke 5 problemlos aushalten müsse. Von außergewöhnlichen Wetterverhältnissen könne auch keine Rede sein.

Eine so genannte Allgefahrendeckung sei zudem nicht vereinbart. Die Versicherung sei deshalb nach den vereinbarten Ausschlussgründen leistungsfrei. Eigner Sanders ist schockiert: "Der gebrochene Mast war nur knapp drei Jahre alt! Wozu hat man denn eine Kaskoversicherung?"

DAZU RECHTSANWALT DR. HEYKO WYCHODIL

Eigner Michael Sanders ist im Recht. Er kann von seiner Kaskoversicherung die Übernahme der Reparaturkosten verlangen, auch wenn in seinem Versicherungsvertrag keine Allgefahrendeckung vereinbart ist. Grundsätzlich gilt zwar der Rechtsgedanke, dass die Kaskoversicherung leistungsfrei ist, wenn das Schiff zum Zeitpunkt des Schadenseintritts seeuntüchtig gewesen ist. Zumal die Seeuntüchtigkeit im Rahmen der zugrunde gelegten Versicherungsbedingungenals Ausschlussgrund definiert war.

Seeuntüchtigkeit bedeutet die von vornherein bestehende Unfähigkeit der Yacht, den gewöhnlichen unvermeidbaren Gefahren der See standzuhalten. Entsprechende Ausschlussklauseln finden sich regelmaßig in Kaskoversicherungsverträgen. Eine Seeuntüchtigkeit kann zum Beispiel vorliegen, wenn ein Konstruktions- oder Materialfehler einen Schaden, etwa Mastbruch, zur Folge hat. Oder wenn das Schiff aufgrund normaler Abnutzungsmängel nicht mehr in der Lage ist, den Belastungen der See standzuhalten. Solche Abnutzungsmängel können auftreten, wenn beispielsweise das stehende Gut 15 Jahre lang nicht gewartet wor- den ist.

Es stellt sich daher die Frage, ob Sanders’ Schiff schon deshalb als seeuntüchtig angesehen werden muss, weil der Mast eine Patenthalse nicht schadlos überstanden hat. Wäre der Mast bei einer normalen Wende oder Halse gebrochen, würde dies dafür sprechen, dass das Schiff beziehungsweise der Mast unfähig gewesen ist, den gewöhnlichen Gefahren auf See zu trotzen. Eine Hochseeyacht muss bestimmungsgemäß unter Segeln wenden und halsen können, ohne dass der Mast von oben kommt. Insoweit hat die Versicherung Recht.

Faire Versicherungen decken das Risiko von Konstruktionsfehlern ab

Der Einwand einer angeblichen Seeuntüchtigkeit wird allerdings häufig als Pauschalargument zur Abwehr von Ansprüchen missbraucht. Anders sieht es nämlich gerade bei der Patenthalse aus. Die führt aufgrund des unkontrollierten Durchschwingens des Großbaums zu einer außergewöhnlich starken Belastung des Riggs. Unterstützt durch Seegang können die berechneten Belastungsgrenzen des Masts überschritten werden. Die Versicherung macht es sich also zu leicht, wenn sie sich schlicht auf die Vermutung der Seeuntüchtigkeit beruft. Denn im vorliegenden Fall hat ein äußeres Ereignis den Mastbruch verursacht.

Daher: Immer wenn die eigene Kaskoversicherung den Einwand einer angeblichen Seeuntüchtigkeit des Schiffs erhebt, muss der Versicherungsnehmer zunächst die Mitwirkung eines äußeren Ereignisses beweisen. Die Versicherung muss dann im Gegenzug ihrerseits das Vorliegen eines Ausnahmetatbestands wie Konstruktions-
oder Materialfehler beweisen. Dieser Nachweis wird nur über ein Sachverständigen-Gutachten zu führen sein.

Sofern der Sachverständige einen Konstruktions- oder Materialfehler nicht bestätigt, ist die Kaskoversicherung zur Leistung verpflichtet. Falls der Versicherung hingegen der Nachweis gelingt, dass ein Konstruktionsfehler auch nur eine von mehreren Ursachen für das Materialversagen war, entfällt ihre Leistungspflicht vollständig.

Da die Ausnahmetatbestände in Kaskoversicherungsverträgen unterschiedlich formuliert sind, empfiehlt sich eine genaue Prüfung des "Kleingedruckten". Es gibt Versicherungen, die auch das Risiko von Konstruktions-, Fabrikations- und Materialfehlern einschließen.

erschienen in YACHT 18/2004

Dr. Heyko Wychodil am 06.03.2013

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