Senatspreis

Nervös wie bei der ersten Tanzstunde

Wie Lars Bolle den Sieg beim Senatspreis 2017 auf der Elbe mit seinem 20er-Jollenkreuzer "Bollywood" erlebte

Lars Bolle am 14.12.2017
Schönste Segelerlebnisse
Lars Bolle

Start an der Ausfahrt unserer Nebenelbe, es geht bei Südostwind elbauf. Angeblich wird man mit dem Älterwerden ja abgeklärter. Beim Regattastart funktioniert das bei mir nicht, ich bin aufgeregt wie bei der ersten Tanzstunde. Dazu noch im ersten Start, keine Chance also, sich bei den anderen etwas abzugucken. Und welche Tonnen wo und wie zu runden sind, sollten wir wohl auch wissen.

Eigentlich wollte ich gar nicht mitsegeln. Dieser Samstag war für das Absegeln des AYC reserviert. Schön nach Finkenwerder schippern, eine Nacht auf dem Boot schlafen. Es wäre die erste und einzige in diesem Jahr gewesen, die Matratzen haben nie ihren Lagerplatz im Arbeitszimmer verlassen. Am nächsten Morgen dann ohne Hatz zurück.

Planung ersetzt den Zufall durch Irrtum, hat wohl Einstein einmal gesagt. Am Sonntag spielt Töchterchen Handball-Heimspiel, Mama möchte dabei sein. Tidenkalender: Vor acht Uhr am Liegeplatz, sonst drei Stunden später. Zu spät fürs Spiel. Zu früh für uns, wir wollen ja nicht um sechs Uhr aufstehen. Wir sagen das Ansegeln ab, melden uns nur für die Abendparty an. Bahn frei! Einen Tag vorher melde ich nach. Vor allem, weil die Prognose mit leichtem bis mittlerem Wind perfekt scheint. Und weil Kollege Jozef, Aushilfe in der Fotoredaktion, schon ein paar Tage vorher, bei ersten Gedankenspielen über eine Teilnahme, sofort zugesagt hatte. Segeln kann er so lala, egal, muss reichen. Am Abend lässt sich dann noch Kollege Andreas breitschlagen. Er hat in der Saison einige Male J 70 trainiert und den Mediacup auf der Alster gewonnen, ist außerdem schon zwei-, dreimal mit mir die Mittwochsregatta gesegelt. Er kennt das Boot und kann vor allem sehr gut mit dem Gennaker umgehen.

Ein taktischer Plan wäre jetzt Gold wert – mal überlegen: Schiebestrom, also bloß nicht zu früh an die Linie, sonst drückt er uns drüber. Rechte Seite ist klar bevorteilt, also eigentlich Start rechts. Dort wären wir aber auch dichter unter den Bäumen am Ufer und in deren Abdeckung, der Wind kommt schräg über den Deich. Links, weiter im Fahrwasser, ist mehr Wind. Außerdem auch mehr Strom, von hinten, was nach dem Start wieder gut sein sollte. Und bei dieser Linienlage werden sich wohl viele verleiten lassen, rechts zu starten, was zu einem Pulk führen müsste. Da auch schnellere Schiffe als wir in diesem Start sind, besteht in einer solchen Ballung die Gefahr, früh überlaufen zu werden und sich nicht freisegeln zu können. Daraus resultiert meist auch, dass sich die Boote in solch einem Pulk gegenseitig hochluven, immer mehr rein in die Abdeckung des Ufers. Und noch ein Aspekt scheint nicht unwichtig zu sein. Der erste Schlag bis zur Tonne kurz hinter unserem Hafen ist ein knapper Anlieger. Wenn wir uns freiwenden müssten, wäre jeder Meter nach rechts, zum Ufer, direkt verschenkt. Fazit: Ein Start aus der Mitte. Raushalten aus dem Pulk rechts, drinbleiben in Wind und Strom. Zugleich aber auf Tuchfühlung bleiben, das Risiko minimieren, nicht mehr auf Feldbewegungen reagieren zu können, also nicht ganz links starten. Und vor allem gut wegkommen, sofort mit vollem Speed, auf keinen Fall überlaufen lassen.

Die Uhr tickt runter. Spätestens zwei Minuten vor dem Schuss bin ich kaum noch ansprechbar. "Soll die Genua schon raus?" fragt Andreas. "Ich sag’s schon". Die weitere Kommunikation beschränkt sich auf die Frage nach der verbleibenden Zeit, auf drei Worte. "Wie viel noch?"
"Genua raus! Alles dicht! Schnell segeln!" Noch 30 Sekunden. "Sind wir nicht etwas früh?", fragt Andreas vorsichtig. Shit, er hat recht! Schiebestrom, wann lerne ich das endlich? Ich reiße die Kiste nach unten. "Genua auf!"
Egal jetzt, alles oder nichts. "Genua dicht, raus, Gewicht!"
Wir schießen über die Linie, der kurze Abfaller hat nochmal richtig Speed gebracht. Gleichzeitig schießt der Wettfahrtleiter. Ein Trainer hat mir mal gesagt, wer noch nie einen Frühstart gefahren hat, ist auch noch nie bei Null gestartet. Das mag für eine Serie mit mehreren Wettfahrten und Streicher richtig sein. Hier jedoch, bei nur einem Rennen, wäre die Flagge X ärgerlich. Ich warte auf das Horn. Es bleibt still. Schwein gehabt. Blick über die Schulter. Perfekt! Wir sind frei vorn raus, haben Wind. Bei den anderen oben am Schiff ist es deutlich flauer. Einige müssen nach rechts wegwenden.

Der erste Schlag ist, mit Verlaub, einfach geil. Drei Mann in den Gurten, die Segel voll auf Druck gefahren, kein Höhe kneifen nötig. "Bollywood", nur mit einem 1,20 Meter tiefen Stahlschwert ausgerüstet, hat sonst immer Probleme mit der Höhe. Auf einem Anlieger aber spielt das keine Rolle.
Erster an der Tonne, schon mit komfortablem Vorsprung. Gennaker raus, durch die Boote aus Start zwei und drei fädeln, dann sind wir durch, liegen am Ende von Hanskalbsand frei an der Spitze. Herrlich! "Guckt mal nach hinten", sage ich, "so einen Blick hat man nicht allzu oft!" Alle anderen, immerhin 41 Boote, segeln im Heckwasser.
"Guck du lieber nach vorn", kommt die Antwort, "sonst fährst du wieder quer übern Teich!" Jaja, ist passiert, bei der Mittwochsregatta, Schnee von gestern.
Wieder stellt die Elbe schwierige Aufgaben. Der Kurs knickt auf Höhe der Tonne HN1 mit der Elbe etwas nach Westen, nach links, die nächste Tonne liegt etwa bei LS19 vor der Einfahrt in die Lühesander Nebenelbe. Die Luft kommt jetzt ungefähr halbwinds über den Deich. In Lee des Deiches ist eine breite Flautenzone am spiegelnden Wasser nicht zu übersehen, etwa 50 Meter vom Deich entfernt setzt der Wind wieder auf und verstärkt sich weiter nach Lee.
Auf einem stehenden Revier wäre die Entscheidung relativ einfach. Großer Leebogen, um in den Wind zu gelangen, da wir uns diesen nicht wie die großen Yachten über dem Deich holen können. Dann so lange wie möglich tief mit dem immer stärkeren Wind segeln, am Schluss mit hartem Gennakeranlieger, der auch bei wenig Wind noch gut ist, hoch zur Tonne in den Schwachwindbereich.
Aber es ist ja die Elbe. Und es herrscht Gegenstrom. Links, wo kein Wind ist, ist auch kaum Strom, rechts, wo Wind ist, ist viel Strom, von vorn. Wat nu? Bei Horst Rieckborn auf seiner J 24 hab ich während der starkwindigen Vereinsregatta 2015 gelernt, dass man die Stromkante, also den Übergang vom schnellen Strom im Fahrwasser zum langsamen, oder gar Neerstrom am Rand, anhand von Schaumstreifen auf dem Wasser leicht erkennen könne. Nur leider reicht der Wind nicht zum Schaumschlagen.

Wir entscheiden uns, wie schon am Start, für einen Kompromiss: Die Mitte. Nicht zu tief wegen Gegenstrom, nicht zu hoch wegen Flaute. Die meisten achteraus machen es anders, fahren deutlich höher. "Kommen die dichter?", frage ich wahrscheinlich alle 20 Sekunden nervös. "Sieht so aus", antwortet Andreas ein ums andere Mal. "Seht ihr einen roten Gennaker? Was macht der?" Das rote Tuch gehört zur "Ja Schatz", gelenkt von Ulf. Er kann nicht nur ausgezeichnet segeln, sondern kennt auch die Elbe und ihre Tücken. Ein weiterer Tipp eines Trainers, wie ich eine Wettfahrt gewinnen könne, lautete einst: "Den Besten suchen, immer hinterhersegeln, und kurz vor dem Ziel überholen, harr, harr..."  Doch ganz so blöd ist der gar nicht, bedeutet eigentlich ja nur, sich an den besten zu orientieren. Was macht also der rote Gennaker? Andreas: "Zieht auch deutlich höher!"
Shit, shittidishit nochmal. Noch könnten wir auch hochgehen, würden zwar vorn bleiben, aber fast den ganzen Vorsprung verlieren. "Egal, wenn schon, dann mit Anstand verlieren", sage ich deutlich cooler, als es tatsächlich um mich bestellt ist.

Eine Bö setzt ein, "Bollywood" beschleunigt, zieht los, wird immer schneller, der scheinbare Wind immer spitzer, der Gennaker muss dichter und dichter geholt werden. "Raus, Gewicht!"
So schnell hab ich die nun 47 Jahre alte Lady noch nicht erlebt. Es ist ein Ritt hart an der Kante. Der Gennaker, mit seinen 45 Quadratmetern immerhin zehn Quadratmeter kleiner als die bei 20er-Jollenkreuzern erlaubten Spis, zieht dennoch den Mast nach Lee, das Groß hängt schon im Gegenbauch. Es ist gar nicht so viel Wind, vielleicht zehn, zwölf, oder gar 15 Knoten? Schwer zu sagen, weil wir bereits unseren eigenen Wind generieren.
Nächster Blick nach hinten: Das hat gemetert! Die Verfolger haben wieder deutlich Boden verloren, hängen unterm Deich fest, kriegen die weiter draußen einsetzenden Böen nicht.
Wir müssen hoch zur Tonne, spitz. Das wird knapp. Zu knapp. Wir kommen da nicht mit Gennaker an. Macht aber nichts, so spitz reicht auch die große Genua. Bloß wohin mit dem Gennaker? Wenn wir ihn jetzt runter nehmen, haben wir ihn nach der Tonne in Luv. Aber reicht der Winkel rauf nach Blankenese überhaupt zum Gennakern? Schnelle Entscheidung: Luvbergen. Ich falle kurz hart ab, die Jungs reißen den Lappen zwischen Unterwant und Mast herunter, parallel drehe ich die Genau raus, hole sie dicht, während ich schon wieder anluve. Alles perfekt, klasse Manöver.

Das lange Bein nach Blankenese ist dann wie für uns gemacht. Der Winkel ist zu spitz für den Gennaker, wir können die Genua mit einem leichten Schrick fahren. Das ist der Tod für alle modernen Vorsegel. Die so genannten High-Aspect-Jibs mit ihren 105 oder 110 Prozent Überlappung sind super, wenn es um Höhe geht, können dann eng geschotet werden, stellen einen effizienten Vorflügel dar. Sobald sie aber etwas gefiert werden müssen, drehen sie oben auf, verlieren dramatisch an Wirkung. Ein Ausholer, auch Barberholer genannt, mildert diesen Effekt zwar. Dennoch ist das Längen-Breiten-Verhältnis eines solchen Segels bei etwas vollerem Kurs ungünstig. Jedenfalls hat mir das mal ein Segelmacher von "um die Ecke" so erklärt. Eine richtige Genua 1, wie unsere, mit langem Unterliek, ist dann das Mittel der Wahl – heute auch gern Code Zero genannt.
Wir ziehen davon, der Strom nimmt uns mit, während alle anderen noch im Gegenstrom gebremst werden. Der Vorsprung dehnt sich und dehnt sich. Bis etwa auf Höhe der "warmen Zwillinge" halten wir die Spitze, unglaublich. Und unglaublich geil! Dann kommt Thomas Reinecke mit seiner Millenium 40 von hinten, fährt aber sehr fair in Lee von uns durch.

Nach der letzten Tonne vor Blankenese sind wir noch dritte, etwa auf halben Weg nach Wedel kommt Ulf mit "Ja Schatz" und Bugwelle von hinten, während wir gerade abstehen. Nee, der nicht, denke ich noch, alle anderen, aber der nicht, und schon gar nicht obendrüber. Gegen Ulf kann man sich richtig heiß machen. Ich luve an – da wird es schon dunkel. Spielend leicht rutscht er drüber. Na, jetzt kann ich das mit dem Hinterherfahren gut üben, mit dem Überholen wird es nur nichts. Im Ziel sind wir vierter. Mal sehen, was das berechnet gibt. "Das dürfte wohl gereicht haben", kommt es von Ulf, als wir neben ihm im Vereinshafen festmachen. "Echt?", frage ich, "sicher?" "Kann eigentlich nicht anders sein." Au weia, das gibt Probleme. Eigentlich wollte keiner von uns zur Siegerehrung. Jozef hatte noch einen Termin, Andreas wäre als Buxtehuder nur sehr aufwändig wieder nach Hause gekommen und ich habe ja noch den Absegelabend vor mir. Aber wenn es nun so ist? Wenn du den Senatspreis bekommst, geht es ja nicht, dass den niemand annimmt. Aber wenn doch jemand hingeht, und es umsonst ist, war der Aufwand wiederum sehr groß.

Kaum zu Hause, hänge ich mich ans Handy, beim fünften Versuch kriege ich den Wettfahrtleiter ran. "Ähm, ich habe gehört, dass wir uns Hoffnung machen dürfen, gewonnen zu haben", stammele ich etwas unbeholfen, weil es ja kein guter Stil ist, vor dem offiziellen Aushang nach den Ergebnissen zu fragen. "weil, wenn das so ist, müsste ich noch viele Hebel in Bewegung setzen, damit jemand zur Siegerehrung kommt." Ach, irgendwie ist das alles blöd, eigentlich sollte es ja eine Selbstverständlichkeit sein, zu einer Siegerehrung zu gehen. Aber die ist nun mal auf der anderen Elbseite. "Die Liste habe ich zwar noch nicht", tönt es aus dem Hörer, "aber einen Preis kriegt ihr auf jeden Fall: den für den cleversten Start. War genau bei Null, und wie ihr gleich davongezogen seid..." Whatsapp leuchtet auf. Andreas und Jozef, alle beide erklären sich bereit, durch Anwesenheit zu glänzen, und zwar unabhängig vom Ergebnis. Wenn das kein Einsatz ist. Dann klingelt das Handy, der Wettfahrtleiter ist nochmal dran: "Ich habe die Liste jetzt. Also, ich würde jemanden schicken..."

Lars Bolle am 14.12.2017