Traditionssegler

Einfache Frage, keine Antwort

Was ist eigentlich ein Traditionsschiff? Darüber streiten die Gelehrten. Im Frühjahr soll eine Definition verabschiedet sein – höchste Zeit

Uwe Janßen am 11.01.2016
Traditionssegler

Segeln als klassisches Handwerk erlernen: Gruppentörn auf der „Roald Amundsen"

Sehnsüchtig wartet die Oldtimer-Szene auf klare Ansagen – also auf eine Antwort auf die simple Frage: Was ist eigentlich ein Traditionsschiff?

Sie zu geben, damit tut sich der Gesetzgeber seit Jahren schwer. So herrschen seltsame Zustände, die einem Außenstehenden kaum noch zu vermitteln sind. Beispielsweise gilt die 1897 als Dampfer gebaute „Lovis“ als Traditionsschiff, obwohl sie, erst seit kurzem besegelt, mit dem Original denkbar wenig gemein hat. Auch die erst 2011 als Replik vom Stapel gelaufene „Alexander von Humboldt II“ genießt diesen Status – ein Neubau!

Andererseits sind da Schätze wie die "Atlantic“, gebaut 1871 und das älteste noch segelnde Stahlschiff der Welt. Aber: nicht als Traditionssegler anerkannt. Gleiches gilt für den Stagsegelschoner „Prince Hamlet“, 1930 gebaut und Experten zufolge allein schon wegen seines genieteten Rumpfs unbedingt erhaltenswert. Nur ist es eben kein Traditionsschiff.

Logisch nachvollziehbar ist das alles kaum. Die Definition der Zulassungsvoraussetzungen lässt einigen Interpretationsspielraum: "Traditionsschiffe im Sinne dieser Verordnung sind historische Wasserfahrzeuge oder deren Nachbauten bis zu einer Rumpflänge von 55 Metern, an deren Erhaltung und Präsentation in Fahrt ein öffentliches, insbesondere kulturelles Interesse besteht und deren Restaurierung und Betrieb entsprechend den Regeln und Fertigkeiten traditioneller Seemannschaft der Pflege des maritimen Erbes dient und denen ein Sicherheitszeugnis auf der Grundlage der Sicherheitsrichtlinie für Traditionsschiffe nach § 6 Abs. 1 Nr. 3 der Schiffssicherheitsverordnung in der jeweils gültigen Fassung erteilt worden ist."

Aber wer mag etwa "ein öffentliches, insbesondere kulturelles Interesse" zweifelsfrei bestätigen oder verneinen? Wer kann stichhaltig den Wert für das "maritime Erbe" benennen? Und wie soll ein historisch wertvolles Schiff die Vorgaben der Sicherheitsrichtlinie (die seit Jahren zur praxisgerechteren Überarbeitung ansteht) erfüllen, wenn sie auf dem Oldie in Teilen konstruktiv gar nicht umsetzbar sind? Und inwieweit gilt die krude EU-Richtlinie, der zufolge ein Traditions- ehedem ein Fahrgastschiff gewesen sein muss?

Traditionssegler

Ein engagiertes Team macht die „Avontuur“ wieder fit – ab Mai soll das Schiff von 1920 wieder Fracht segeln

Schlüssige Antworten auf diese Fragen stehen bis heute aus. Dabei wäre eine klare Regelung dringend notwendig: Denn nur, wenn ein Traditionsschiff als solches anerkannt ist, gelten laxere Regeln für die Ausrüstung sowie für die Anzahl und die Qualifitkation der Crewmitglieder – und nur dann lässt sich der Betrieb eines Traditionsschiffs überhaupt aufrecht erhalten.

Die YACHT berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe über den Stand der Dinge in einer Szene, in der mancher Eigner durch diese Hängepartie in seiner Existenz bedroht ist. Und wir nennen Beispiele dafür, wie es auch anders geht. Die 1920 gebaute „Avontuur“ etwa wird derzeit wieder so instandgesetzt, dass sie ab Mai kommerziell Fracht fahren soll. Dann gelten ohnehin nicht die Vergünstigungen wie für die musealen Oldtimer.

Uwe Janßen am 11.01.2016

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