Seemannschaft 2.0
Was Skipper heute können müssen

Digitale Helfer machen Segeln leicht wie nie – doch viele Havarien belegen: Das Auslagern wichtiger Prozesse ins Virtuelle birgt Gefahren

  • Uwe Janßen
 • Publiziert am 13.01.2015

YACHT / N. Krauss Plotter am Steuerstand – ein großartiges Instrument mit Tücken

Ein Begriff aus der Hirnforschung ist mittlerweile zu einer stehenden Wendung geworden: digitale Demenz. Sie beschreibt den Verlust von Fähigkeiten und Vermögen durch exzessiven, unkritischen Gebrauch von moderner Elektronik – und das ist auch für Segler ein Thema. Wenn etwa die Navigation dem Rechner überlassen wird, wenn Wind-, Wetter- und Verkehrsinformationen ungeprüft als wahr übernommen werden, dann kommt die eigene Beobachtung zu kurz, es verkümmern in der Folge auf See so wesentliche Qualitäten wie Instinkt, Vernunft, Verständnis. In der Konsequenz braucht es deshalb eine erweiterte Definition guter Seemannschaft, einen neuen Kodex für Schiffsführer.

Die YACHT arbeitet dieses Thema in einem großen Report auf, der zunächst aufzeigt, dass es nicht nur Nerds und Hightech-Anhänger betrifft. Auf jeder Fahrtenyacht kann etwa eine Navigations-App falsch anzeigen, der Ankeralarm nicht auslösen, der Autopilot vom Kurs abweichen, das Echolot spinnen und dergleichen mehr. Und: Selbst funktionierende Geräte mit korrekten Daten können durch Interpretations- und Bedienungsfehler in die Havarie führen. Zum Beispiel, wenn ein Wegepunkt bei der Eingabe vergessen oder auf dem Plotter die falsche Zoomstufe gewählt wird.

Holger Peterson Eine Flut von Informationen: Instrumentenbatterie auf einer Fahrtenyacht

Beispiele für solches Versagen gibt es zur Genüge. So melden die Versicherer zunehmend Grundberührungen von Fahrtenyachten – in Gegenden, um die ein analog navigierender Skipper einen weiten Bogen schlagen würde. Und es passiert sogar den Besten. Beim Volvo Ocean Race jagte eine technisch perfekt ausgerüstete Yacht auf ein kartiertes, 35 Meilen langes Riff, bei der Route du Rhum donnerte ein Hightech-Schiff bei prima Sicht in einen Frachter.

Wie also können sich Skipper gegen solcherart digitale Demenz wappnen? Was bedeutet unter diesen Voraussetzungen "seemannschaftliches Verhalten"? Hochrangige Experten setzen sich mit diesen und angrenzenden Fragen in der neuen YACHT auseinander. Erich Wilts zum Beispiel, Deutschlands wohl befahrenster Skipper, der sagt, er wäre „heute nicht mehr am Leben“, wenn er sich auf seine Bordelektronik verlassen hätte – eine Insel, die der Karte nach bei Schwerwetter Schutz bieten sollte, erwies sich in Wahrheit als untauglich, und beim Anlaufen einer Ankerbucht plotteten seine Navigationsgeräte einen Kurs "sauber über Land".

Erich Wilts Plot der Wilts-Yacht „Freydis“, der Kurs führte angeblich über Land

Oder Arved Fuchs, der Abenteurer, der die Vorzüge navigatorischer Ungenauigkeit vermisst – im Zeitalter analoger Navigation etwa suchten Skipper permanent nach Bestätigung für ihre Berechnungen, heutzutage nehmen sie die Anzeige auf Displays als wahr hin, ohne zu hinterfragen. „Früher“, sagt Fuchs,  „haben sich Segler mit der Materie auf fast intime Art auseinandergesetzt, heute drücken sie einen Knopf.“

Getty/J.-F. Monier Loïck Peyron mit Navigationsmitteln auf „Banque Populaire“

Im tragenden Stück dieses großen Reports befasst sich Loïck Peyron mit dem Thema. Der große Franzose, 55, siegte unlängst bei der Route du Rhum, einhand auf einem Hightech-Trimaran von 30 Meter Länge. Aber er kennt auch alle erdenklichen sonstigen Facetten des Segelsports, er ist ein Mann des Meeres. „Ich liebe Technologie“, sagt er, „aber ich halte eine gewisse Skepsis gegenüber technischen Systemen für angebracht.“

Welche Schlussfolgerungen er daraus für das Verhalten von Schiffsführern zieht, verrät er exklusiv in der neuen YACHT.

  


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Themen: Seemannschaft

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