Piraterie
195 Tage in der Hölle von Somalia

Exklusiv: Entführte Familiencrew über die Kaperung ihrer Yacht und ihre Geiselhaft / Hochrisikozone vor Afrika bis nach Indien ausgedehnt

  • Uwe Janßen
 • Publiziert am 14.11.2011

privat Die entführte dänische Familiencrew der „Ing“

Als einzige Journalistin erhielt die dänische YACHT-Korrespondentin Lone Bolther Rubin Zugang zur Familie Quist Johansen – und die Besatzung der „Ing“ erzählte ihr alle Einzelheiten über die Umstände ihrer Entführung und die Gefangenschaft auf einem Frachter vor der somalischen Küste. „Ich wünschte, ich wäre nie ins Arabische Meer gesegelt“, sagt Skipper Jan Quist Johansen, 52. „Keine Entscheidung in meinem Leben werde ich jemals mehr bereuen.“

European Union Naval Force Somalia Operation Atalanta Der Aktionsradius der Piraten erweitert sich Jahr für Jahr, 2011 erstmals bis ins Rote Meer

Aus seiner Schilderung wird deutlich, dass das Ehepaar mit seinen drei Kindern im Alter von 13 bis 17 Jahren die Gefahr offensichtlich unterschätzt hat. Es wählte gegen Ende seiner zweijährigen Weltumsegelung, von den Malediven kommend, die Route durch das Arabische und das Rote Meer Richtung Suez – obwohl die Piraterie-Gefahr dort hinlänglich bekannt ist. Allerdings war im Vorjahr nur ein Überfall auf eine Yacht am Horn von Afrika publik geworden, das Risiko schien deshalb kalkulierbar: Weshalb sollte dies, in einem Seegebiet so groß wie Europa, ausgerechnet jetzt wieder und ausgerechnet ihnen passieren? Und nicht zuletzt weil auch andere Segler, denen die „Ing"-Crew unterwegs begegnete, diesen Kurs wählten, entschieden sie sich für den Weg durch das Arabische Meer. Am 24. Februar wurden sie dort überfallen.

European Union Naval Force Somalia Operation Atalanta Kapitän zur See Marco von Kölln: „Spiel mit dem Leben“

Für diese wie für andere Begebenheiten hatte sich die Familiencrew, sehr erfahrene Segler, bestimmte Notrollen zurechtgelegt. Dass sie sich allesamt als wirkungslos erwiesen, wundert Fachleute nicht. Im Interview mit der YACHT erklärt Kapitän zur See Marco von Kölln, dass die Piraten einzig an der Entführung der Menschen interessiert seien, deren sie habhaft werden können: „Es geht ihnen allein um Geiseln und Lösegeld in Millionenhöhe.“ Und so habe das auch bei der Besatzung der „Ing“ funktioniert. Die Leitung der alliierten Anti-Piraterie-Streitkräfte beziffert die gezahlte Summer auf etwa 2,25 Millionen Euro – am 3. August kamen die Dänen frei.

Der 48-jährige von Kölln leitet die Einsatzzentrale Maritime Security Center Horn of Africa im Rahmen der EU-Mission Atalanta. In der aktuellen YACHT erläutert der Offizier, dass die Militärs auf den in jüngerer Vergangenheit drastisch erweiterten Aktionsradius der Piraten reagiert haben und heute das gesamte Gebiet nördlich des 10. Breitengrades Süd zwischen Afrika und Indien als Hochrisikozone definieren. Dazu zählen auch die beliebten Urlaubsreviere Seychellen und Malediven.

European Union Naval Force Somalia Operation Atalanta Die Hochrisikozone umfasst das gesamte Gebiet zwischen Afrika und Indien

Jedwede rechtzeitige Hilfe für Segler sei mit 30 Kriegsschiffen auf dieser gigantischen Wasserfläche nicht zu leisten, „und das ist auch nicht unser vorrangiger Auftrag“. Für von Kölln besteht daher nur eine Option für Segler, „nämlich das ganze Gebiet auf gar keinen Fall mit einer Yacht zu befahren. Wer heute noch in diesem Gebiet seinem Freizeitvergnügen nachgeht, spielt mit seinem Leben und mit dem seiner Besatzung.“

Auch sei eine höhere Gewaltbereitschaft der Piraten erkennbar, sagt der Fachmann. So hätten Piraten im Zeitraum der „Ing“-Entführung die Crew der amerikanischen „Quest“ erschossen und als bislang letztes Opfer den französischen Skipper Christian Colombo. Er wurde auf seinem „Tribal Kat“ im September kaltblütig liquidiert.

Die Erkenntnisse der Militärs bedeuten, dass eine Weltumsegelung auf der klassischen Route ab sofort de facto nicht mehr möglich ist. Seglern bleibt demnach nur die teure Verschiffung ihrer Yacht per Frachter ins Mittelmeer oder der Umweg um das Kap der Guten Hoffnung, der, inklusive zweier Atlantik-Übersegelungen, die Dauer einer Weltumsegelung leicht um ein Jahr verlängert.

Hinzu kommt, dass dort nicht einmal die Yachtversicherungen gelten. Das für die Assekuranzen maßgebliche Joint War Committee in London, eine nichtmilitärische Organisation, klassifiziert die gesamte Region als „Kriegsgebiet“.

Alles Wissenswerte zu diesem Thema jetzt in der aktuellen YACHT 24/2011, ab Mittwoch, 16. 11. erhältlich.


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Themen: IngJohansenPirateriePiraterie Somaliavon Kölln

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