OsmoseReparatur-Spezial: Osmose behandeln

Hauke Schmidt

, Felix Keßler

 · 03.01.2018

Osmose: Reparatur-Spezial: Osmose behandelnFoto: YACHT/ H. Schmidt

So finden Sie heraus, ob auch Ihr Boot vom Segler-Albtraum Osmose betroffen ist. Warum es zur "Bläschenpest" kommt und was sich tun lässt

Rost auf Stahlyachten, moderndes Holz auf Klassikern und Elektrolyse auf Aluminiumbooten. Jedes Material hat seine Schwäche. Beim glasfaserverstärkten Kunststoff (GFK), der seit den 60er Jahren den Sportbootsbau dominiert, ist es nicht anders. Das schlimmste Wehwehchen trägt dort den Namen "Osmose" und bereitet so manchem Eigner schlaflose Nächte. Während Besitzer von Stahlyachten fleißig Rost klopfen und Aluyacht-Eigner penibel die zahlreichen Opfer-Anoden kontrollieren, müssen Skipper von Kunststoff-Yachten jedoch ganz genau hinschauen, wenn sie die "Bläschenkrankheit" an ihrem Rumpf erkennen wollen - der komplexe chemische Vorgang ist beinahe unsichtbar. So finden Sie heraus, ob auch Ihre Yacht betroffen ist.

Für Eigner umso erschreckender, denn: Glaubt man den Urteilen zweier deutscher Oberlandesgerichte, ist jede Polyesteryacht von Osmose betroffen. Den Grund dafür lesen Sie hier.

Was zuerst beunruhigend klingt, klärt sich bei genauerem Hinsehen auf. Denn auch wenn Osmose ein latentes Problem von GfK-Yachten ist, sind nur wenige in echter Gefahr. Ein Blick auf das Phänomen Osmose schafft Klarheit. Osmose ist ein chemisch-physikalischer Vorgang, der unmittelbar beginnt, sobald Wasser und die Polyesterlaminate des Kunststoffs aufeinandertreffen. Um diesen Vorgang zu unterbinden, wird das Laminat mit einer Sperrschicht, dem sogenannten Gelcoat überzogen und so versiegelt.

Das passiert, wenn das Gelcoat Wasser durchlässt

  Das Fasergewebe (grau) soll eigentlich durch das Gelcoat (rot) vom Wasser geschützt werden. Foto: YACHT
Das Fasergewebe (grau) soll eigentlich durch das Gelcoat (rot) vom Wasser geschützt werden. 


Der Vorgang nimmt mit Lufteinschlüssen im Polyesterlaminat seinen Lauf. Durch das mäßig wasserdichte Gelcoat dringt Feuchtigkeit ein und sammelt sich in den Hohlräumen. Dort lösen sich Teile des Polyesterharzes oder Bindemittel und bilden mit dem Wasser eine Säure. Die erhöhte Säurekonzentration in diesen Hohlräumen lässt weiteres Wasser von außen einwandern. Die Blasen wachsen, werden außen sichtbar und können schließlich sogar das Laminat sprengen.

Der Begriff Osmose beschreibt dabei im chemischen Sinn lediglich den Strom einer Flüssigkeit durch eine semipermeable (halbdurchlässige) Membran. Der Grund hierfür sind Konzentrationsunterschiede auf den beiden Seiten der Membran. Um diese auszugleichen, kommt es zu einem Flüssigkeitsstrom von der einen zur anderen Seite. Da dieser Vorgang bei ungeschützten Polyesterlaminaten mit dem Wasserkontakt einsetzt, entschieden die Richter in Celle und Schleswig vor einigen Jahren: Kein GFK-Boot ist gänzlich osmosefrei!

Diagnose Osmose? - So finden Sie es heraus

Die vielfach gerühmten Feuchtigkeitsmessgeräte eignen sich kaum zur Diagnose. Mit ihnen kann lediglich im Laminat vorhandenes Wasser aufgespürt werden. Selbst das gelingt nur relativ zu einem vermutlich trockenen Bereich, beispielsweise am Überwasserschiff. Da ein nasser Rumpf zu den Voraussetzungen für einen Osmoseschaden gehört, werden die Feuchtemesser von Gutachtern gerne angewendet, sie liefern aber nur einen Anhaltspunkt und sind speziell für Laien kein Diagnosewerkzeug. Wirklich hilfreich ist ein Messgerät erst bei der Sanierung. Mit einem kapazitiv arbeitenden Instrument lässt sich der Trocknungsprozess des freigelegten Laminats überwachen. Günstige Holzfeuchtemesser mit Prüfspitzen sind gänzlich ungeeignet. Sie liefern nur Werte für die Materialoberfläche, im Laminat steckende Feuchtigkeit kann nicht aufgespürt werden.

Lautet die Diagnose wirklich Osmose? Wir räumen mit den landläufigen Mythen rund um das leidige Thema auf!

Nicht immer lassen sich Osmose-Blasen direkt erkennen. Das Tückische: Nach einigen Wochen oder Monaten an Land trocknet der Rumpf - auch die Blasen schrumpfen. Dabei können die Hydrolyseschäden schon weit fortgeschritten sein. Der Prozess setzt sich beim nächsten Wasserkontakt unvermindert fort.

Die Beurteilung eines Bootes in puncto Osmose sollte daher direkt nach dem Auskranen stattfinden. Frisch aus dem Nass gehoben, lassen sich Unebenheiten am Unterwasserschiff gut mit einer starken, flach an den Rumpf gehaltenen Taschenlampe ausfindig machen. Jede Erhebung wirft einen Schatten, Blasen sind gut zu erkennen. Werden Pickel entdeckt, geht es an die Ursachenforschung, denn es muss sich nicht unbedingt um Osmose handeln. Es kann auch ein Problem im Antifoulinganstrich vorliegen.
Die rabiateste Methode, den Ursprung der Beulen zu klären, ist das Anstechen mit der Ecke eines Stechbeitels. Dringt das Werkzeug deutlich in den Rumpf ein und tritt auch noch eine stinkende Flüssigkeit aus, handelt es sich um eine Osmoseblase. Deutlich schonender ist es, das Antifouling zunächst abzuschaben und den darunterliegenden Primer beziehungsweise das Gelcoat mit einem ebenen Schleifklotz anzuschleifen. Dabei werden zunächst eventuell vorhandene Erhebungen abgetragen, sodass selbst kleine oder bereits ausgetrocknete Blasen sichtbar werden. Mit diesen Anleitungen können Sie die Schäden selbst reparieren.

Positiver Befund? So sanieren Sie Osmoseschäden selbst

Anleitungsvideo zur Osmose-Sanierung

Gerade bei kleineren Yachten lassen sich Osmoseschäden auch ohne proffesionelle Hilfe im Alleingang reparieren. Die folgenden Fotostrecken zeigen die erfolgreiche Sanierung von Osmoseschäden bei einer 7,15 Meter langen Dyas. Wie viele der betagten Regattaboote war sie von Osmose befallen, zudem hatte der Schaumkern des Sandwichrumpfes etwa 80 Liter Wasser aufgenommen. Empfehlenswert ist die Beschaffung eines GelPlanes. Die Geräte wurden eigens für das Abtragen von Gelcoat entwickelt und arbeiten hervorragend. Das Leihen eines GelPlanes kostet bei Von der Linden für zwei Tage 255,- €. Hier leihen.

Der Gelplane arbeitet wie ein Elektrohobel, nur dass die Schneiden vorne liegen. Mit zwei seitlichen Platten kann die Schnitttiefe eingestellt werden
Foto: YACHT/ H. Schmidt

Sind die befallenen Laminatschichten und Säurenester im Rumpf entfernt, ist Geduld gefragt. Erst wenn das Unterwasserschiff gleiche Feuchtigkeitsmesswerte aufweist wie das Überwasserschiff, kann mit dem Neuaufbau begonnen werden. Bis dahin können Monate vergehen. Je nach Intensität des Schadens muss nach dem Trocknen mit Glück nur Epoxidharz aufgespachtelt werden. Bei unserer Dyas jedoch musste neu laminiert werden. Um Unebenheiten an den Überlappungen der Glasgewebebahnen auszugleichen, haben wir Spachtel verwendet. Wer ein perfektes Ergebnis will, sollte den Vorgang des Spachtelns und Schleifens mehrmals wiederholen.

Ist der Rumpf endgültig ausgetrocknet, kann es losgehen. Damit der Untergrund gut trägt, sollte man 80er-Papier verwenden. 
Foto: YACHT/ H. Schmidt

Zwar sind bis zu diesem Schritt alle Arbeiten mit Epoxidharz durchgeführt worden, so kann das neue Laminat eigentlich nicht mehr vom Wasser zersetzt werden. Dennoch besteht weiterhin das Risiko, dass durch Lufteinschlüsse oder Poren Wasser mit dem darunterliegenden Polyesterlaminat in Berührung kommt. Zur Absicherung wurden daher von uns mit einer Farbrolle fünf weitere Lagen Epoxidharz aufgetragen, wobei dem Harz ab der zweiten Schicht ein spezieller Füllstoff beigemischt wurde. Mit einem passenden Härter war etwa eine Schicht pro Stunde möglich. Schließlich wurden Primer und Antifouling aufgetragen.

Das Abreißgewebe verbindet sich nicht mit dem Harz. Es kann leicht abgezogen werden. Die darunterliegende Oberfläche ist kleb- und aminfrei
Foto: YACHT/ H.Schmidt

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