Klassiker

Zurück zu den Anfängen

Der Hamburger Segel-Club wurde mit dem Preis "Segeln – Lieben – Bewahren" ausgezeichnet – für die Rettung eines alten Jugendbootes

Lasse Johannsen am 23.10.2018
Segeln Lieben Bewahren 2018
Ariane Schulz

Preisverleihung Segeln – Lieben – Bewahren auf der Hamburg Boat Show 2018

Es gibt viele anrührende Geschichten, wenn es um alte Boote geht. Dies ist eine, und sie wurde ausgezeichnet. Im Rahmen der Hamburg Boat Show, auf der Standparty des Freundeskreises Klassische Yachten. Seit vielen Jahren wird hier das Engagement von Eignern belohnt, die ihre Klassiker so gut pflegen, dass sie für den Restaurierungspreis nicht in Frage kommen – weil eine große Instandsetzungsmaßnahme aufgrund der liebevollen Behandlung ihrer Schätze erst gar nicht nötig wird. 

Plakette

Plakette

Der Hamburger Künstler Hinnerk Bodendieck entwarf eigens dafür eine Plakette, die Auszeichnung heißt Segeln –Lieben – Bewahren, die Vergabe wird vom Freundeskreisler Ulrich Körner und dem Präsidenten des Deutschen Boots- und Schiffbauer-Verbandes Torsten Conradi vorgenommen. In diesem Jahr übergab er den angesehenen Preis an Daniel Baum, den Vorsitzenden des Hamburger Segel-Clubs. Dort wurde anlässlich dessen Jubiläums des 125-jährigen Bestehens sein Puschen-Boot instandgesetzt. In seiner Laudatio klärte Conradi die Zuhörer über die Hintergründe auf:

Ungezählt ist die Schar derer, die ihre ersten Segelerfahrungen in einem "Puschen" gesammelt haben – dem Jugendboot vieler Vereine vor allem Norddeutschlands, mit Schwerpunkten hier auf der Alster, auf der Wakenitz oder am Ratzeburger See.

Das Boot hat einen großen Vater: Ernst Lehfeld. Bekannt ist er vor allem durch den 1958 konzipierten Korsar, den 1960 entstandenen Zugvogel und viele Kielschwertkreuzer. Er war ein früher Verfechter des Leichtbaus. Gesucht sind noch heute die Bücher "Sperrholzboote für den Selbstbau".

Zum "Puschen": Das einfach konstruierte, aber gut segelnde Jugendboot fand schnell das Interesse der Vereine. Zahlreiche Werften haben sich mit seinem Bau beschäftigt. Manche Exemplare wurden wohl auch in Eigenleistung in väterlicher Remise zusammengebastelt. Mehr als hundert Boote wurden registriert. Bis in die neunziger Jahre sind Ausbildungen mit ihm überliefert.

Auch wenn es nicht sein offizieller Name war, bekannt ist das Boot als "Puschen" (das "Puschen" – nicht der "Puschen", das ist etwas anderes). Benannt ist es nach dem Spitznamen von Ernst Lehfelds Tochter.
Es war das Jugendboot des Hamburger Segel-Clubs, der eine kleine, bei Dornheim am Winterhuder Weg gebaute Flotte betrieben hatte. In den sechziger und siebziger Jahren haben mehrere Generationen auf der Alster hierin erstes Regattafeeling erlebt.

Aus einer Laune heraus ("… weißt du noch …") kamen Mitglieder des HSC auf die Idee, ein Boot ihrer frühen Segeltage zu beschaffen, das dem damaligen Zustand entsprechen sollte: nichts verbaut und verbastelt. Mit einen Scheunenfund im Lauenburgischen kam kurz darauf Fahrt in die Angelegenheit. Erstanden haben sie einen ungepflegten grauen Holzrumpf, ein Rigg aus Aluminium, alte Segel und eine Tüte mit einer bunten Mischung von Beschlägen. Um die Entsorgungskosten zu sparen, wurde das Rigg gleich dagelassen, denn damals hatten Puschen noch ordentliche Holzriggs.

Puschen

Das ausgezeichnete Puschen auf der Alster

Das Boot hatte viele "Modernisierungen" über sich ergehen lassen müssen, vom modernen Traveller über ein breites Seitendeck, Ausreitgurten bis zu Elvströmlenzern. So galt es, das Deck auf seine ursprüngliche Kontur zurückzubauen und einen klassischen Reitbalken einzuziehen. Dem teilweise verrotteten Sperrholzboden ist seine alte Substanz zurückgegeben worden. Durchgeschliffene Sperrholzteile, die heute im frischen Klarlack strahlen, galt es aufzufurnieren. Die alten Bodenbretter waren nicht zu retten, dienten aber als Vorlage für heutige. Auch die Lenzer sind natürlich verschwunden, so etwas gab es seinerzeit noch nicht. Man erinnert sich, dass man mit einem "Puschen" nicht kenterte, sondern "voll lief" – und so gehört sich das auch.

Aus einem Lübecker Schrebergarten stammt der originale Puschenmast, der dort 40 Jahre lang als Flaggenstock gedient hatte. Zum Glück hat der Baum des Piraten die gleichen Abmessungen, sodass heute ein vollständiges Holzrigg das Boot ziert.

Mit dem – natürlich rot lackierten – Puschen war rechtzeitig zum 125. Jubiläum des HSC im vergangenen Jahr ein Stück Vereinsgeschichte an der Alster wieder auferstanden. Die vom Hamburger Künstler Hinnerk Bodendieck  gestaltete Plakette "Segeln – Lieben – Bewahren" würdigt den Erhalt auch historisch wichtiger Exemplare des maritimen Erbes. Es ist mir eine Ehre, Ihnen, Herrn Daniel Baum, als Vorsitzendem des HSC in diesem Jahr den Preis für die stilgerechte Erhaltung eines "Puschen" überreichen zu dürfen.

Lasse Johannsen am 23.10.2018

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