Yachtsportgeschichte
Verschollene Konstruktionen von Otto Protzen aufgetaucht

Der Berliner Sonderklassesegler und Künstler hinterließ wertvolle Darstellungen des Segelsports in der Kaiserzeit. Jetzt sind neue Schätze von ihm aufgetaucht

  • Lasse Johannsen
 • Publiziert am 03.03.2022
Eine Szene aus der Zeit, als auf dem Wasser noch nicht fotografiert wurde. Handgezeichnet von dem zu Lebzeiten international bekannten Sonderklassesegler Otto Protzen aus Berlin Eine Szene aus der Zeit, als auf dem Wasser noch nicht fotografiert wurde. Handgezeichnet von dem zu Lebzeiten international bekannten Sonderklassesegler Otto Protzen aus Berlin Eine Szene aus der Zeit, als auf dem Wasser noch nicht fotografiert wurde. Handgezeichnet von dem zu Lebzeiten international bekannten Sonderklassesegler Otto Protzen aus Berlin

www.otto-protzen.de Eine Szene aus der Zeit, als auf dem Wasser noch nicht fotografiert wurde. Handgezeichnet von dem zu Lebzeiten international bekannten Sonderklassesegler Otto Protzen aus Berlin

Eingeweihten ist Otto Protzen, der von 1868 bis 1925 in Berlin lebte, als Maler, Illustrator, Schriftsteller und Fachbuchautor bekannt. Ein überraschender Fund offenbart nun auch sein tatkräftiges Wirken als Yachtkonstrukteur. Selbst der Kaiser vertraute Protzens Können und ließ sich Rennyachten von ihm entwerfen.

www.otto-protzen.de Otto Protzen

Gottfried Carl Otto Protzen kam bereits als 14-Jähriger zum Segeln, was in der damaligen Zeit ungewöhnlich war. Der Sohn eines Teppichfabrikanten entschied sich nach einer kaufmännischen Ausbildung, eine andere als die vermeintlich vorgezeichnete Laufbahn im väterlichen Betrieb einzuschlagen. An der Kunstakademie nutzte Protzen die akademische Freiheit zu ausgedehnten Wanderfahrten, um sich dem Studium der Landschaftsmalerei zu widmen. Eine Angewohnheit, die der begeisterte Wassersportler zeitlebens beibehielt. Zahlreiche Buchveröffentlichungen zeugen heute noch davon, etwa die autobiografischen Schriften "30 Jahre auf dem Wasser" und "40 Jahre auf dem Wasser". Es sind wertvolle Berichte über ein Leben auf dem Wasser zu einer Zeit, als die Berichterstattung in diesem Metier noch nicht üblich war.

www.otto-protzen.de Stürmische Fahrt einer Sonderklasseyacht in der Zeit der Anfänge des Segelsports, gezeichnet von Otto Protzen

Der ehemalige DSV-Präsident und Chronist seines Vereins Seglerhaus am Wannsee , Rolf Bähr, hat dem Leben und Wirken Protzens eine Internetseite gewidmet , auf der er Auskunft über dessen Wirken gibt. Danach war der Berliner Segel-Pionier vor dem Ersten Weltkrieg "sechsmaliger Gewinner der Kieler Woche in der 'Sonderklasse', anlässlich der ihm s. M. Kaiser Wilhelm II. nach jedem Sieg persönlich den 'Samoapokal' überreichte. Er war mit der kaiserlichen Familie insoweit freundschaftlich verbunden, als in dieser Bootsklasse auch Kronprinz Wilhelm und Prinz Heinrich segelten.

Neben dem umjubelten Star der deutschen Segel-Regattaszene war er aber auch ein sehr erfolgreicher Ruderer mit seinen Gigs und auch Gig-Regattasegler. Er war erfolgreicher Schriftsteller und Buchautor des deutschen Wassertourismus mit vielen Wanderfahrten auf deutschen Flüssen. Er wirkte als großartiger Landschaftsmaler, Radierer und Buch-Illustrator. Er war Mitautor und Illustrator des zweibändigen Handbuches 'Kunst des Segelns'. Er war Bootsdesigner und -konstrukteur und hat seinerzeit dem deutschen Segelsport seine reichen Regattaerfahrungen zur Verfügung gestellt.

Weil Otto Protzen mit diesen wassersportbezüglichen Tätigkeiten seinen Lebensunterhalt bestritt, kann er nach heutiger Definition auch als einer der ersten Segelprofis im damaligen Herrensegelsport genannt werden."

www.otto-protzen.de Die erste Übersichtskarte der befahrbahren Binnenwasserstraßen für Wassersportler aus der Feder Otto Protzens

Über den jüngsten Fund, 123 Konstruktionszeichnungen und Risse Otto Protzens, schreibt Bähr:

"Allergrößtes Erstaunen rief hervor, als vor etwa fünf Monaten nach einem kurzen Telefonat eine segelaffine Dame mit einer Holzkiste als Dachbodenfund in den Dimensionen von 1,20 m Länge und von jeweils 0,50 m Höhe sowie Breite im Club erschien und meinte, da sei etwas von Otto Protzen drin. Und dieser Kisteninhalt stellte sich nun als eine sensationelle Überraschung heraus. Es handelte sich um eine festgewickelte schwere Rolle von 35 cm Durchmesser.

Nun stellt sich Folgendes heraus: nach Glättung sowie teilweisem Kleben der Unterlagen, ihrer Digitalisierung und Auflistung handelt es sich um 123 Konstruktionszeichnungen und Risse von Otto Protzen auf Papier, Pappe oder Pergament, aber auch um etliche Blaupausen von Max Oertz. Einige Interessierte wussten bisher schon, dass Otto Protzen am Bau und der Konstruktion seiner Sonderklassen mitgewirkt hatte und er selbst das Hausboot 'Thea' im Jahre 1904 konstruiert und mit Max Oertz auch Segelpläne entwickelt hatte. Nun aber zeigen etliche Zeichnungen sogar auf, wie eng auch die Kooperation bei der Rumpfentwicklung vieler Yachten mit Max Oertz stattfand.

www.otto-protzen.de Blaupause der Konstruktion eines Hausbootes aus dem Hahr 1906

So beweist dieser sensationelle Fund mit den vielfältigen Konstruktionsunterlagen für neue Boote und Yachten – darunter allein 34 Risse für seine Sonderklassen und Segelpläne von 1900 bis 1911 – sowie für Bootsbeschläge und sogar für eine Lafette zum Bootstransport, dass Otto Protzen wohl mit Recht als ein früher deutscher Boots- und Yachtkonstrukteur bezeichnet werden kann. Und es bleibt hier für mich wieder die Frage, wie es kommt, dass ein solcher Schatz an geistigem Eigentum auf einem Dachboden landen musste, bis er jetzt entdeckt wurde."


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