Revier-Info

Yachtcharter Niederlande: IJssel- und Markermeer

Kaum ein Revier ist bei Deutschen so beliebt wie das IJsselmeer. Die Preise sind günstig, die Anreise schnell erledigt. Viel zu sehen gibt es obendrein

Alexander Worms am 27.03.2020
Paard van Marken
Alex Worms

Markanter Wegepunkt mitten im Markermeer: das Paard van Marken

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ANREISE


Die Region um das IJsselmeer ist wegen der einfachen Auto- oder Bahnanreise beliebt. Vor allem Segler aus Nordrhein-Westfalen und dem westlichen Niedersachsen, aber auch aus Hessen und Rheinland-Pfalz sind in wenigen Stunden vor Ort. Das ist umweltschonend und hat den Vorteil, dass man auf dem Weg gleich den Proviant mitbringen kann, wobei die Supermärkte in den Niederlanden durchaus auch reizvolle Produkte wie Vla (Vanillepudding im Tetrapak), Stroopwaffels (Karamellkekse) oder allerlei Nahrungsmittel mit indonesischem Hintergrund bieten.

Informieren sollte man sich bei der Charterstation kurz, wo das Auto für die Törndauer abgestellt werden kann – meist geht das auf dem Marinagelände oder der Umgebung, in der Regel kostenfrei. Freies Parken ist wie in Deutschland an vielen Stellen sonst nur gegen Gebühr oder kurzzeitig möglich. Verbote sollte man tunlichst befolgen, die Bußgelder sind in Holland deutlich höher als in Deutschland. Das gilt übrigens auch für das Befolgen der Höchstgeschwindigkeit. Ein Hinweis: Ab März 2020 gilt tagsüber (6 bis 19 Uhr) auf Autobahnen Tempo 100.
 

Fotostrecke: IJssel- und Markermeer

CHARTER

Das Angebot an Charterflotten ist groß. Charter-Hotspot ist ganz eindeutig Lemmer mit mehreren großen Basen. Doch auch Lelystad, Stavoren, Workum und Enkhuizen bieten unterschiedlich gute und damit mehr oder weniger günstige Schiffe. Letztlich empfiehlt es sich, die Basis nach dem angestrebten Törnziel auszuwählen. Soll es in Richtung der Inseln im Watt gehen, ist eine weiter nördlich gelegene Basis sinnvoll. Wer das Markermeer mit den Städtchen Hoorn, Edam, Monnickendam und Amsterdam bereisen mag, der chartert vielleicht eher südlicher. In Monnickendam wartet mit der Flotte von Waterland noch ein besonderes Angebot auf Kunden: Sehr gut ausgestattete Yachten von Dehler und X-Yachts und sogar ein Dragonfly-Trimaran warten dort auf Kunden. Letzterer sollte nur mit Erfahrung und einem vorherigen Trainingswochenende geliehen werden. IJssel- und Markermeer sollten mit Booten unter 25 Fuß besser nicht befahren werden.

Die Charterpreise in Holland sind günstig, in Europa sind sie nur an der Ostsee vergleichbar niedrig. Bei den Kunden sehr, bei den Anbietern mäßig beliebt ist auch die Möglichkeit, nur ein Wochenende oder über Feiertage zu chartern, was in den Niederlanden deutlich ausgeprägter ist als anderswo, jedoch nicht von allen Vercharterern angeboten wird. Unbedingt empfehlenswert ist ein Schiff mit Heizung, da es auch im Sommer durchaus kalt werden kann. Zudem hilft die Wärmequelle, wenn mal Ölzeug getrocknet werden muss. Ein Beiboot ist nicht erforderlich, da man eigentlich immer in Häfen liegt. Gennaker bieten einige Firmen an; wer damit umgehen kann, hat sicher Spaß damit. 

CHARTERANBIETER IN DEN NIEDERLANDEN

WIND & WETTER

Friesland

Wetterstatistik Friesland

Das niederländische Binnenmeer ist genau wie die deutsche Küste für seine unberechenbaren Sommer bekannt, auch wenn sich in den letzten Jahren die Supersommer wie 2018 häufen. Von April bis Anfang September dominieren Winde aus südwestlichen bis westlichen Richtungen das Bild. Sie wehen auf IJssel- und Markermeer rund ein Beaufort schwächer als direkt an der Küste, das Mittel liegt bei 10 bis 14 Knoten oder 3 bis 4 Beaufort. Tage mit Regen sind immer möglich, mit 13 bis 20 Tagen pro Monat von April bis Oktober ist die Wahrscheinlichkeit hoch. Allerdings kann man diese aufgrund der perfekten touristischen Infrastruktur an Land auch ideal verbringen – kaum eine Destination, die bei Schietwetter nicht ein perfektes Alternativprogramm bieten würde.

NAVIGATION & SEEMANNSCHAFT

Das IJsselmeer ist navigatorisch wenig anspruchsvoll. Bis auf wenige gut betonnte Flachstellen ist es überall ausreichend tief. Die Distanzen sind überschaubar, Segeltage dauern oftmals nicht länger als drei bis vier Stunden. Die großen Häfen haben in der Regel auch noch einen Platz frei. Wer allerdings in einem Stadthafen liegen möchte, der sollte in der Hochsaison nicht allzu spät einlaufen, denn dort kann es voll werden. Egal ob in Enkhuizen, Medemblik, Hindelopen, Makkum, Stavoren, Lemmer oder auf Urk.

Bei westlichen Winden von 5 oder mehr Beaufort werden einige Hafeneinfahrten an der Ostküste ungemütlich, sowohl beim Ein- wie beim Auslaufen. So ist der Anlauf der schmalen Rinne von Workum schwierig, ebenso die Einfahrt nach Hindelopen. Stavoren ist immer anlaufbar, allerdings kann es vor der Einfahrt oftmals zu konfusem Seegang kommen. Das hält jedoch nur wenige hundert Meter an. Also: durchhalten.

NL_2017_Ijsselmeer

Vor dem Rotterdamse Hoek zwischen Urk und Lemmer werden die höchsten Wellen auf dem IJsselmeer gemessen. Auch dort kann es bei westlichen Winden ungemütlich werden. Berüchtigt ist das Binnenmeer für seine Gewitterfronten. Die ziehen meist aus Südwesten heran und bringen Starkwind und Regen. Das Wasser wird dann grün, die Luft schwarz. Durch den Windeinfluss kann der Wasserstand in den Häfen, besonders in Lemmer, dann stark schwanken, bis zu 1,20 Meter sind möglich. Um Überraschungen durch solche Wetterphänomene zu vermeiden, gibt es den Centrale Meldpost. Der residiert im Funkturm in Lelystad und sendet einmal stündlich einen Revier- und Wetterbericht immer um viertel nach auf Kanal 1. Diesen Revierfunk sollte man unbedingt abhören.

Marker Wadden

Seit 2018 geöffnet: die Insel der Marker Wadden

Für das Markermeer gilt im Wesentlichen dasselbe wie für den großen Bruder im Norden: navigatorisch wenig anspruchsvoll und auch überall ausreichend tief. Allerdings wächst im Markermeer zwischen Juni und Ende August das Fonteinkruid, eine Wasserpflanze. Das Wachstum ist so ausgeprägt, dass Yachten sich regelmäßig darin verfangen; an Segeln ist dann nicht mehr zu denken. Der Bereich zwischen Hoorn und Edam sollte ganz gemieden werden. Entlang der Küste von Flevoland ist der Bewuchs weniger ausgeprägt. Fahrrinnen werden jedoch regelmäßig gemäht.

Markermeer

Das Markermeer hat zwei Besonderheiten: die Marker Wadden in der nordöstlichen Ecke vor Lelystad und die Gouwzee im Südwesten. Ersteres ist ein künstlich aufgespülter Naturarchipel, der von Yachten besucht werden kann. Ein Hafen ist vorhanden, ebenso rudimentäre Sanitäranlagen. Die Betreiber bitten darum, über die Blue-Water-App einen Liegeplatz zu reservieren. Die Gouwzee ist eine Bucht, an der die Orte Volendam, Marken und Monnickendam liegen. Alle sind sehenswert und mit bis zu zwei Meter Tiefgang erreichbar, wobei Volendam und Marken sehr touristisch sind. In der Gouwzee unbedingt ganz genau die Fahrwasser einhalten!

Wer Amsterdam besuchen möchte, muss zunächst durch die Schellingwouder Brücke und die Oranjesluizen. Das geht problemlos, allerdings sind beide während der Rushhour geschlossen, damit der Straßenverkehr fließen kann. An Wochentagen wird die Brücke also zwischen 7 und 9 Uhr sowie zwischen 16 und 18 Uhr nicht bedient. Durch Amsterdam führt Het IJ, ein großer Fluss/Kanal. Er hat eine Betonnung für Freizeityachten neben dem Hauptfahrwasser. Daran sollte man sich halten. Es gibt eine ganze Reihe von Häfen, angefangen mit dem Entrepot Dok. Dorthin hinter der Schleuse nach Backbord abbiegen. Die weiteren Häfen liegen alle entlang des IJ. Aeolus an Steuerbord, gefolgt vom berühmten Sixhaven, dann etwas weiter die Amsterdam Marina. Neben dem Hauptbahnhof befindet sich die Marina Westerdok.

Amsterdam Sixhaven

Kann voll werden, ist aber urgemütlich: der Sixhaven in Amsterdam

Von den Häfen im Norden des IJ verkehren regelmäßig kostenfreie Fähren in die Stadt.

Brücken und Schleusen: Es gibt nur wenige Bauwerke an IJssel- und Markermeer. Im Norden gibt es die Schleusen in Kornwerderzand und Den Oever, die ins Wattenmeer führen, und in der Mitte die Durchgänge in Lelystad und Enkhuizen durch den Houtribdijk. Im Osten führt die Ketelbrücke ins Ketelmeer. Die Bedienzeiten sind sehr ausgedehnt, genaue Infos zu jedem Bauwerk stehen im Wateralmanak.

HÄFEN & ANKERPLÄTZE

Viele Marinas. Teils etwas veralteter Standard in Sachen Sanitäranlagen, meist Plätze mit festen oder Schwimmstegen mit Heckpfählen. Die meisten Marinas haben immer einen Platz frei, oftmals muss man sich an Meldestegen anmelden. Reservierungen sind in den meisten Häfen nicht mehr möglich. In Stadthäfen gilt: Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Dort liegt man oftmals in Päckchen; wer das nicht mag, sollte diese Anlagen besser meiden. Früh ankommen und später Eintreffende wegschicken ist allerübelste Seemannschaft. Die sanitären Einrichtungen sind allesamt in Ordnung, wenngleich nicht luxuriös. In Stadthäfen ist der Standard oftmals niedriger als in Marinas.

Ankern auf dem Markermeer

Wer die Gegebenheiten kennt, kann auch auf IJssel- und Markermeer hübsch ankern

Geankert wird sehr selten, viele Charteryachten haben nicht mal eine Ankerwinsch und oftmals auch keine Ketten. Wer dennoch ankern möchte, kann dies in Makkum zwischen Schleuse und Festland, in Enkhuizen im Compagnieshaven vor dem Zuiderzeemuseum, in Medemblik am Dampfmaschinenmuseum, in der Gouwzee, im IJsseloog auf dem Ketelmeer, vor der Marina Friese Hoek in Lemmer, im Fluchthafen nördlich der Marina Muiderzand und vor Durgerdam.

LITERATUR & SEEKARTEN

Unverzichtbares Nachschlagewerk für jeden Törn ist der Wateralmanak des ANWB. Das zweibändige Werk listet unter anderem alle Telefonnummern, UKW-Kanäle sowie Öffnungszeiten von Brücken und Schleusen auf; zusätzlich gibt es sämtliche Hafeninfos. Pro Band 19,95 Euro, im Fachhandel erhältlich. Seekarten: Am häufigsten benutzt werden die Karten des ANWB, Satz 1810 IJssel- und Markermeer. Gut sind auch die Karten des NV-Verlags, Satz NL 3, 49,00 Euro. Nautische Infos gibt es auf www.vaarweginformatie.nl. Allgemeine Infos zu Fahrwasser, Terminen, Aktivitäten, Land und Leuten stehen auf www.stegfunk.de, einem Portal für Wassersportler in den Niederlanden.

REVIER-CHARAKTERISTIK IJSSEL- und MARKERMEER

IJssel- und Markermeer sind Binnenreviere, die sich wie echte Seefahrt anfühlen. Mitunter sieht man die andere Seite nicht, schaut auf einen leeren Horizont. Die Häfen sind ordentlich ausgebaut, und in den alten Städten aus der Zeit, als das IJsselmeer noch Zuiderzee hieß und zur Nordsee hin offen war, hat der Charme aus der Zeit überlebt, als es hier noch nach Salz roch. Das macht das Revier zu einem Zwischending aus Binnen- und Seesegeln. Man kann erste Erfahrungen fernab von Küsten sammeln, ohne dass diese tatsächlich zu sehr fernab sind. Ein schützender Hafen ist meist in einer Stunde erreicht. Für erste Gehversuche auf großem Wasser ist das Revier also ideal.

Das IJsselmeer kann aber auch anders. Bei (süd)westlichem Wind ab 5 Beaufort baut sich eine unangenehme Welle auf. Wegen der geringen Wassertiefe ist die sehr steil. Yachten unter 35 Fuß stampfen sich unweigerlich darin fest. Wer gegenan muss, hat mit zwei bis drei Knoten über Grund und einem wilden Ritt zu rechnen, mehr geht mit kürzeren Schiffen nicht. Das möchte man sicher nicht. Zum Glück gibt es immer einen Ausweichhafen auf besserem Kurs. Es empfiehlt sich daher, nicht zu lange am geplanten Ziel festzuhalten.

Eine typische Runde könnte so aussehen:

Tag 1: Lemmer nach Urk, ca. 16 Seemeilen
Tag 2: Urk nach Hoorn, ca. 25 Seemeilen
Tag 3: Hoorn nach Enkhuizen, ca. 12 Seemeilen
Tag 4: Enkhuizen nach Medemblik, ca. 12 Seemeilen
Tag 5: Medemblik nach Makkum, ca. 20 Seemeilen
Tag 6: Makkum nach Lemmer, ca. 28 Seemeilen

Dann hat man alle wichtigen Ziele angefahren, ohne wirklich in Stress zu geraten. Eine Besonderheit auf IJssel- und Markermeer ist die sogenannte braune Flotte; sie heißt so, weil sie früher dunkle (braune) Segel führte. Es handelt sich dabei um alte Frachtschiffe, die zu Passagierschiffen umgebaut wurden. Die Kapitäne auf den Schiffen sind meist etwas eigenwillig. Sie gelten als Berufsschifffahrt und genießen daher auf dem Binnengewässer Vorfahrt, die sie sich auch gern nehmen. Es empfiehlt sich also, Abstand zu halten.

Die Orte selbst sind wahre Perlen – sei es Hoorn mit dem Käsemarkt, Urk mit seiner Fischerei-Tradition, Enkhuizen als stolze ehemalige Stadt der Ostindischen Kompanie oder Lemmer mit dem lebendigen Stadtkern, in dessen Mitte man praktischerweise gleich anlegen kann. Zu sehen gibt es genug. Daher sind die kurze Etappen ideal, um die Städtchen hinter dem Hafen zu erkunden.

Eine Besonderheit ist, dass man, wenn schlechtes Wetter droht, auch nach binnen in die Gewässer von Friesland flüchten kann. Da geht es dann weiter mit hübschen Städtchen und vielen Sehenswürdigkeiten. Die sind hier beschrieben.
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Alexander Worms am 27.03.2020

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