Carmelo, Uruguay
Das Wasser fällt, das Wasser steigt

Angekommen, eingelebt und bereit für neue Ufer. Die Crew der "Iron Lady" über die ersten Tage und Wochen an Bord und das erste große Ziel

  • Nathalie Müller
 • Publiziert am 17.10.2011

Wir haben es geschafft. Fast vier Wochen nach unserer Ankunft in Buenos Aires haben 150 Kilogramm Gepäck einen zugewiesenen Platz in unseren Schapps gefunden, hat die Lady ein neues Antifouling, neue Anoden und eine neue Buchse am Ruder erhalten. Die Kinderkoje ist mitsamt der Deckenleisten, die seit sechs Jahren unter unserer Matratze in der Vorpiek liegen, fertig, und die Fallen samt Augspleiße sind erneuert. Wir haben für viel Geld Literatur über Patagonien erstanden, tonnenweise Haushaltssammelsurium der letzten Jahre weggeschmissen und erneuert.

Mitten im Chaos zwischen Schleifpapier und Kabelsalat müssen wir ein ganz anderes Projekt starten, die Bordschule. Erster Schultag mit Schultüte und mulmigem Gefühl, bei Schüler- und Lehrerin.

N.Müller/M.Wnuk/SY Iron Lady Mutter und Töchter vor der "Iron Lady" in der Werft in Buenos Aires

Ganz nebenbei hinterlässt die Metropole Buenos Aires ihre Spuren bei uns. Nach einem langen Werfttag haben wir in Belgrano im Pavillon unter freiem Himmel Tango getanzt, mit Freunden dicke argentinische Steaks in den typischen Parilladas, den Grillrestaurants, gegessen und mit unzähligen Taxifahrern das Verhältnis der Deutschen zu den Argentiniern diskutiert. Kurz und gut, den ersten Kulturschock haben wir verdaut.

Doch nach vier Wochen Großstadt inklusive 20 Tagen Werft reicht es uns fürs erste. Unsere To-do-Liste für Patagonien ist noch lang, doch wenn wir so weitermachen, geht uns die Puste aus, bevor es richtig losgeht. Die Kinder, und nicht nur die, fragen sich, was an dem Werft- und Großstadtstress nun besser sein soll als der Alltag zu Hause. Und die Flugzeuge, die im Fünf-Minuten-Takt knapp über unserem Mast im Anflug auf den nationalen Flughafen hinwegziehen, geben uns den Rest.

Kaum hat der Kiel der „Lady“ das Wasser berührt, haben wir schon unsere Papiere zusammengesucht, um auszuklarieren. Auf der anderen Seite des Rio de la Plata liegt Uruguay. In Uruguay läuft das Leben langsamer ab als im Großraum Buenos Aires.

In Einstimmung auf das neue, gelobte Land geht dem Wind am Reisetag glatt die Puste aus, wir motoren gemächlich der Stadt Colonia del Sacramento entgegen. Uns ist es recht, denn es gibt uns die Möglichkeit, die Kinder wieder langsam an ein Schiff in Fahrt zu gewöhnen. Angekommen in Colonia, scheint die Zeit dort stehengeblieben zu sein. Die Altstadt liegt auf einer Halbinsel, die typischen südamerikanischen Quadras, die Häuserblocks, sind wie mit dem Lineal gezogen. Von fast jedem Winkel der Stadt erblickt man in der Flucht schnurgerader, baumgesäumter Alleen den Rio de la Plata.

N.Müller/M.Wnuk/SY Iron Lady Oldtimer in Riachuelo

Am Straßenrand parken Oldtimer: VW-Busse, die schon in den 70ern die besten Jahre hinter sich hatten, liebevoll gepflegte Chevrolets und ausgediente Fords. Selbst halb verrottete Pferdekarren findet man in fast jedem größeren Garten.

Sobald man die Altstadt von Colonia mit seinen Artesania-Geschäften samt Visa-Zeichen hinter sich gelassen hat, begegnet einem das echte Uruguay. Der Metzger in einem weiß gekachelten Laden, der das Gros seines Angebotes nicht in der Ladentheke, sondern im Kühlhaus hängen hat. Die Ferreteria, die sich auf Gauchobedarf, Sättel, Sporen und Reitstiefel spezialisiert. Oder ein Wollgeschäft, in dem im vorderen Bereich eine Friseurin ihren Drehstuhl ans Waschbecken stellen durfte.

Es gibt Zebrastreifen und Autofahrer, die an selbigen anhalten, weil sie nicht seit einer Stunde ganz woanders sein müssten. Wir lieben diese Städte, stecken unsere Nasen in die Bäckereien und Patisserien, fragen nach dem Weg, nur um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Etwa zwölf Meilen östlich liegt der kleine Fluss Riachuelo, in der Hauptsaison eines der beliebtesten Ferienziele der Argentinier. Die Hauptsaison, das sind die großen Ferien um Weihnachten im Dezember. Dann liegen die Boote dicht an dicht, im Päckchen mit vier, fünf Schiffen wie auf Helgoland am Vatertag. Doch jetzt, im Oktober, ist nichts los.

N.Müller/M.Wnuk/SY Iron Lady "Iron Lady" an der Pier in Carmelo, Uruguay

An der Pier, ungefähr zwei Meilen flussaufwärts, wartet schon Jesus, der Beamte der Prefectura. Gemeinsam mit seiner Frau ist er seit zwei Jahren hier stationiert, auch Sabrina, die 18 Monate alte Tochter, ist mit von der Partie.

Wer in Südamerika segelt, unterliegt einer strengen Meldepflicht. In jedem Hafen, sei er auch noch so klein, muss die Prefectura besucht werden. Hier in Uruguay tragen die Beamten meist Zivil. In Colonia finden wir den Zuständigen in Jogginghose mit Angel auf der Pier, in Riachuelo stillt die Beamtin unter einem Baum ihr Kind. Doch eines ist wichtig: Viele Kopien der sogenannten Rol, der Crewliste, die in jedem Hafen umständlich gestempelt wird. Bordscanner und Drucker leisten gute Dienste.

Im Riachuelo sind wir genau dort, wo wir hinwollten. Wir wachen von Vogelgezwitscher und Papageiengekreisch auf, genießen abends die Stille des Flusses, unternehmen Wanderungen durch unberührte Natur, während die Kurzwellenfunke die einzige Kommunikationsmöglichkeit mit der Außenwelt ist. So praktisch und sinnvoll die W-Lan-Verbindungen in den Hafenstädten sind, das richtige Abenteuer beginnt erst, wenn man nicht mehr jede Frage oder jedes Problem googeln kann.

N.Müller/M.Wnuk/SY Iron Lady Erkundungen in Riachuelo

Die Kinder blühen auf, entdecken die Natur, genießen jeden Tag von der ersten bis zu letzten Minute in vollen Zügen. Die Unzufriedenheit, die Quengelei der Großstadttage sind vorbei. Laufen, wandern? Kein Problem, solange es kein Straßenverkehr ist.

Zum ersten Mal, seit wir auf dem Schiff angekommen sind, haben wir Zeit, über unsere Pläne zu reden, zu überlegen: Wo wollen wir hin? Der „Revierführer Patagonien“ steht nicht mehr zur Zierde im Bücherregal, sondern wird gewälzt und gelesen. Das Wetter versucht uns einzustimmen, auf einem Sommer am Ende der Welt. Eine Front nach der anderen zieht über uns hinweg. Kommen wir damit klar? Nach jahrelangem Tropen und Schönwettersegeln? Jetzt nur nicht meckern. Der Himmel klart auf, in Minutenschnelle, die Sonne scheint und taucht den Fluss in ein unwirkliches Licht. In diesem Moment sind wir uns sicher, unser Kurs lautet: Süd!

Wenn wir die Kinder fragen: "Wollt ihr die Pinguine und Wale sehen?", rufen sie natürlich vor lauter Begeisterung: "Ja!“ Wer will das nicht? Doch gerechterweise muss man zugestehen, dass sie nicht realisieren können, womit das verbunden ist. Das wissen nur wir, und auch, dass es an der Zeit ist, unsere Kinder mal wieder mit echten Wellen zu konfrontieren.

Für unsere Weiterfahrt nach Norden wählen wir eine kurze Etappe, die zwölf Meilen zurück nach Colonia, aber nicht mit Damenbrise, sondern mit 25 Knoten Wind. In der Flussmündung klaren wir die „Lady“ auf, als ginge es auf einen 1.000-Meilen-Törn, und kaum haben wir den Schutz der Mole verlassen, zeigt sich, wie recht wir hatten.

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Startvorbereitung der "Iron Lady" in Buenos Aires, Argentinien, im Oktober 2011

Auf dem Rio de la Plata, dem breitesten Fluss der Erde, hat sich eine Welle wie auf See aufgebaut. Micha, ich und die „Lady“ grinsen von einem Ohr bis zum anderen, die 20 Knoten Wind schieben das Schiff mit sechs Knoten durchs Wasser.

Lena allerdings kann mit den Wellen, die von hinten anrollen, nur wenig anfangen. Doch Stück für Stück gewöhnt sie sich an die Bewegungen, der Körper fängt an mitzugehen, jede bezwungene Welle gibt ein bisschen mehr Vertrauen ins Schiff. Bis die Angst überwunden ist und unsere beiden kleinen Matrosen Seemannslieder in den Wind grölen. Wieder eine Hürde geschafft. Patagonien, wir kommen.

Nach einer weiteren frontgeschüttelten Nacht an der Muring in Colonia hält endlich eine Schönwetterperiode Einzug. Mit leichten Südwestwinden segeln wir Richtung Norden, wo der Rio Parana und der Rio Uruguay sich vereinigen und zum Silberfluss werden. Von hier ergeben sich unzählige Möglichkeiten, das Delta mit seinen Nebenflüssen zu erkunden. Mit unserem Tiefgang von 1,80 Meter sind wir etwas eingeschränkt, aber mit ein wenig Zeit stehen einem viele Ziele offen.

Der Wasserstand im Rio und seinen Nebenflüssen richtet sich nicht so sehr nach der vorherrschenden Tide, sondern nach dem Wasserstand durch den Wind. Bei lange anhaltendem Nordwind wird das Wasser aus den Flüssen ins Meer gedrückt, und viele Hafeneinfahrten können trockenfallen. Bei Südostwind wird das Wasser wieder in den Fluss hineingedrückt, und selbst Segelboote mit unserem Tiefgang können sonst unpassierbare Sandbänke überqueren.

Im Gegensatz zur Tide im deutschen Wattenmeer, deren Stand man mithilfe der Tidenkalender so gut bestimmen und berechnen kann, ist der Wasserstand im Rio de la Plata südamerikanisch unzuverlässig. Wir haben es gewagt und sind bei günstigem Wasserstand nach Carmelo, einer kleinen Stadt am Rio Arroyo, gelaufen, Hochburg der Motoryachtszene im Sommer.

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Aufbruch. Die "Iron Lady" nimmt Kurs auf Uruguay, Oktober 2011

Wo es Motoryachten gibt, gibt es auch Mechaniker, und das trifft sich gut. Der Außenborder springt nicht mehr an, und die Vermutung liegt nahe, dass Bordmittel allein hier nicht mehr helfen. Ein Anruf, und Mario kommt an Bord. Mario hat eine Zahnlücke in seinem charmanten Grinsen und spendiert uns seinen Samstagvormittag, um Anneliese, den 10-PS-Mercury, wieder in Gang zu bringen.

So haben wir zumindest das Dingi, um aus dem Hafen wieder rauszukommen, falls der Wasserpegel auf einen historischen Tiefstand fallen sollte und wir dadurch den Absprung nach Patagonien verpassen. Ein Blick aus der Luke zeigt jedoch, dass das Wasser steigt. "Baja y crece, baja y crece, es así." "Es fällt und steigt, fällt und steigt, so ist das!", sagt die Dame im Büro der Hydrographia, und es ist nicht ganz klar, meint sie den Fluss oder das Leben?

Lust auf mehr? Die täglichen Logbucheinträge der Segler gibt es unter www.ironlady.de


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Themen: Iron Lady

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