Weltumsegelung
Per Schlepper nach Spanien

Nachdem Johannes Erdmann und Cati Trapp die Biskaya im Oktober überquert haben, lauern an der galizischen Küste große Probleme

  • Johannes Erdmann
 • Publiziert vor 7 Jahren

Johannes Erdmann Im Schlepp der "Salvamar Shaula"

"This is Salvamar Shaula. Speaking spanish, eh?", knarzt es aus dem UKW-Gerät. Der Empfang ist schlecht. Der Sender muss weit weg sein. "Buenos Dias", antworte ich, und ergänze sogleich: "Unfortunately not." Der erste Kontakt mit den Spaniern – und es ist ein Rettungsboot. Ein mulmiges Gefühl im Magen. "We are coming", rauscht es zurück. "One hour."

Sie kommen. Cati und ich sitzen in der Kajüte unserer zehn Meter langen "Maverick too" und versuchen uns festzuhalten. Cati in der Naviecke, ich über den Kartentisch gelehnt, während unser Schiff in den drei Meter hohen Wellen ruckartig von einer Seite auf die andere geworfen wird. Schapps fliegen auf, Dinge poltern durch die Gegend. Kein Wind, der das Schiff mit gesetztem Großsegel stabilisiert. Es herrscht absolute Flaute. Der Ozean ist genauso still wie wir, doch vom Atlantik rollt noch die alte, hohe Welle durch, die am Tag vorher noch vom starken Wind aufgebaut wurde. Keiner wagt ein Wort zu sagen. "Es kann sein, dass die Reise nun hier zuende ist", fange ich an und drücke aus, was uns beiden durch den Kopf geht. Cati nickt stumm, mit Tränen in den Augen. "Dann ist es halt so", antwortet sie. "Es war die richtige Entscheidung." Ich kann nur ein leichtes, aufmunterndes Lächeln hervorbringen. Meine Augen sprechen eine andere Sprache. Ich bin niedergeschlagen. Wir haben ein Rettungsboot gerufen, um uns die letzten Meilen an Land zu schleppen.

Wie kam es dazu?

Ende Oktober sind wir von Camaret-sur-Mer in Frankreich zur Überquerung der Biskaya gestartet. Eine Jahreszeit, in der eine zehn Meter lange Yacht in diesem Seegebiet eigentlich nichts mehr zu suchen hat. Eine Woche haben wir zuvor in England auf der Lauer gelegen und dann ein kleines Wetterfenster genutzt, um zumindest den Sprung nach Frankreich zu schaffen. Dort dann Tag um Tag die Bahnen der Tiefdruckgebiete verfolgt, die in stetigen Abständen den Atlantik überquert haben. Manche Nacht sind sieben bis acht Windstärken durch Rigg gefegt. Aber keine Wetterbesserung in Sicht.

Dann endlich: Ein einzelnes Hochdruckgebiet. "Es ist ein kleines Wetterfenster, aber ich denke, wir sollten es nutzen." Eine schwierige Entscheidung, denn ein optimales Fenster ist es längst nicht. Am Montag soll uns Westwind mittlerer Stärke hoch am Wind von der französischen Küste wegtragen, dann jedoch der Haken: Am Dienstag kündigt sich ein weiteres Tief an, dessen Durchzug jedoch weiter im Norden vorhergesagt ist. Im Camaret heißt das: 6 bis 7 Beaufort. Am Mittwoch dann vor der spanischen Küste nur eine Windstärke. "Wenn wir am Montag hier wegsegeln und richtig Dampf geben, könnten wir es mitten auf die Biskaya schaffen, bevor der Wind zulegt", lautet mein Plan. Cati ist einverstanden. Per Kanister wird der Dieseltank unserer "Maverick" nochmal richtig voll gemacht, für den Fall, dass wir die letzten 100 Meilen motoren müssten. Dann sind wir seeklar.

Mulmige Stimmung an Bord. Die Biskaya ist respekteinflößend. Vor allem das Kontinentalschelf, das etwa 100 Seemeilen südlich von Camaret die Wassertiefe von 100 Meter auf 4500 Meter abfallen lässt. Ein Effekt wie am Strand: Wenn die Wellen aus dem tiefen Wasser ins Flache laufen, brechen sie. Deshalb sollte man dieses Gebiet nur bei guten Bedingungen passieren.

Johannes Erdmann Delphine auf der Biskaya

Um diese Schwelle noch vor Durchzug des Tiefausläufers zu passieren, sehen wir also zu, dass wir so schnell wie möglich nach Süden kommen. Segel gesetzt und zusätzlich die Maschine mitlaufend. Den Motor hatten wir vor dem Start der Reise extra noch getauscht. Ein alter Volvo, den ein Vorbesitzer jedoch wenige Jahre zuvor für 7.500 Euro generalüberholen lassen hat. Alle Verschleißteile sind neu. Ohne Sorge ließen wir die bislang sehr zuverlässige Maschine also eine ganze Weile mitlaufen, um einen zusätzlichen Knoten aus dem Schiff zu holen.

Was Maschinen angeht, bin ich jedoch paranoid. Cati schüttelt oft den Kopf, wenn ich jede halbe Stunde mit dem Laserthermometer vor dem Motorraum stehe und die Temperatur aller möglichen Teile checke. Jeweils mit gleichem Ergebnis. Mit Motoren habe ich aber auf meinen alten Booten schon alles erlebt, deshalb bekommt unserer auf "Maverick" eine ganz besondere Pflege und Wartung.

Biskaya-Überquerung

41 Bilder

Von Camaret-sur-Mer nach Viveiro

Der Weg von Frankreich nach Süden verläuft großartig. Am Abend begleitet uns mehr als eine Stunde lang eine Schule Delphine, etwa 20 Tiere. Cati sitzt jauchzend und jubelnd auf dem Vorschiff und schaut ihnen beim Spiel mit der Bugwelle zu. Immer wieder legen sich die Tiere im Wasser auf die Seite, um Cati anzuschauen und sich von ihr applaudieren zu lassen.

Johannes Erdmann Eine Welle bricht über "Maverick" hinweg

Nach 24 Stunden erreichen wir schließlich wie geplant das Kontinentalschelf. Keine Minute zu früh, denn der Wind legt schlagartig zu, und die Wellen beginnen stetig zu wachsen. Natürlich setzt auch noch die Tide gegen die Wellen. Gewaltige Brecher, die das Schiff durch die Gegend werfen.

Zehn Meter Länge sind wirklich nicht viel. Cati, die den ersten Tag der Reise seekrankheitstechnisch hervorragend hinter sich gebracht hat, wird es mulmig, sie bekommt sicherheitshalber Bettruhe verordnet. Selbst mir wird angesichts der Wellenberge schlecht. Ein Kampf, das Schiff trotzdem auf Kurs zu halten. Der Wind kommt schräg von vorn, wie segeln hoch am Wind – und immer wieder fühlt es sich an, als würde jemand mit einem C-Rohr auf dem Vorschiff stehen und mich bei jeder Kursänderung ins Visier nehmen. Nass, salzig, kalt. Zum Glück steuert die Windsteueranlage hervorragend, aber trotzdem muss ich immer wieder raus, um die Segel zu verkleinern, zu vergrößern und den Kurs zu justieren. Der Wind raumt und schralt in den Böen. Zwischendurch verkrieche ich mich in "meiner Höhle", der Hundekoje. Das AIS im Blick und jede Viertelstunde ein Rundumblick draußen. Cati ist zu schlapp, um mir eine Wache abzunehmen – und ich habe Angst, sie rauszulassen. Mittlerweile fegen 7 Beaufort über uns hinweg. Zwei Stunden lang drehen wir sogar bei, um Kräfte zu sammeln und ein bisschen Ruhe ins Schiff zu bringen. Dann geht es weiter, in die zweite Nacht hinein.

Johannes Erdmann Die Barografenkurve gleicht einer EKG-Aufzeichnung. "Maverick" wurde von den Wellen ganz schön durch die Gegend geworfen

Erst am Mittwochmittag beginnt der Wind abzuflauen. Wir nähern uns der spanischen Küste. Die Sonne kommt heraus, und ich kann sogar das zweite Reff ausschütteln, wieder die volle Genua setzen. Mit sieben Knoten jagen wir dem Ziel entgegen. Cati sitzt an Deck in der Sonne, ich kann zwei Stunden in die Koje gehen, Kräfte für die letzte Nacht sammeln.

Eine Nacht noch, dann liegt endlich Spanien vor dem Bug. Die vergangenen fünfeinhalb Wochen seit dem Start in Deutschland waren wir permanent auf der Flucht vor dem Herbst und haben immerhin 1100 Seemeilen zurückgelegt. Nun endlich sollen wir den ewigen Sommer erreichen. Tagestörns, Buchtenbummeln und kein Meilenreißen mehr. Wir sind wieder im Zeitplan, um rechtzeitig zur Passatsaison über den Atlantik zu kommen.

Doch in der dritten und letzten Nacht auf See ist plötzlich der Wind weg, 30 Seemeilen vor La Coruña. "Kein Problem", denke ich, "wir haben ja vollgetankt." Die Maschine startet sofort und ohne Probleme, der Gang wird eingekuppelt, und schon laufen wir bei 5,5 Knoten Marschfahrt dem Ziel entgegen. "ETA: 8.00 Uhr", verkünde ich, "pünktlich zum Frühstück in Spanien." Keine Minute später kommt Qualm aus dem Maschinenraum. Schnell stoppe ich den Motor und versuche, in den Nebelschwaden den Fehler zu finden. Ich kann es kaum fassen: Der Kühlwasserschlauch für das Seewasser liegt neben dem Stutzen am Getriebe. "Wir sind ohne Kühlwasser gefahren." Er muss kurz nach dem Start abgerutscht sein, denn zu Beginn kam das Kühlwasser noch wie gewöhnlich aus dem Auspuff gesprotzt. Schlauch wieder montiert, zweiter Versuch. Doch wieder: Nebelschwaden. Dann erst wird mir das ganze Ausmaß des Zwischenfalls bewusst: Die heißen Abgase haben den oberen Teil des Wassersammlers geschmolzen. Kühlwasser und Abgase werden vom Motor ins Innere des Schiffes gepumpt. Wir können die Maschine nicht mehr benutzen, ohne unser Schiff zu füllen und zu vernebeln.

Bis zum Ziel sind es nur noch 30 Seemeilen. Eine Tagesetappe für einen Ostseesegler. Aber zugleich eine Distanz, die beim vorherrschenden Wind einen ganzen Tag dauern würde. Ich setze wieder Segel und beginne im Dunkeln zu kreuzen, begleitet von Delphinen. Bis vier Uhr morgens schaffe ich es, zwei Meilen zurückzulegen, dann überwältigt mich die Müdigkeit. Cati übernimmt die Pinne, kreuzt weiter. Doch sie hat mehr Pech. Der Wind schläft völlig ein, und die Tide beginnt, uns zurück hinaus auf die Biskaya zu schieben. Als ich eine Stunde später wieder wachwerde, sind wir die Hälfte meiner mühselig erkämpften Distanz wieder zurückgetrieben. Das Schiff rollt in den immer noch hohen Wellen von Seite zu Seite, es scheppert und knarzt. Die Segel wollen gar nicht mehr stehen.

Zum Glück haben wir schon wieder Handyempfang, also schnell einen Wetterbericht abrufen. Sehr ernüchternd. Drei Tage Flaute sind vorhergesagt, die gleichen Bedingungen wie jetzt. Keine Chance, voranzukommen. Der Wassersammler ist irreparabel. Ich müsste den Schlauch nicht nur so befestigen, dass er wasserdicht ist, sondern auch noch druckdicht, denn die heißen Abgase werden ja mit enormem Druck aus dem Krümmer dort hineingepustet. Gefrustet sitzen wir im Cockpit.

"Wir brauchen einen Schlepper", ist unser Fazit. Doch woher nehmen? Google findet nichts, kein Schleppunternehmen. Einige per SMS kontaktierte Freunde wissen auch keinen Rat. Die Coastguard? "Ich könnte das MRCC in Bremen anrufen", schlage ich vor und erschrecke zugleich vor meiner Idee. Einen Notruf abgeben? Ich habe auf See noch nie Hilfe von außen in Anspruch nehmen müssen. Und ist es denn ein Notfall? Wir sind ein Segelschiff und könnten ja segeln. "Aber die nächsten drei Tage ist doch absolut kein Wind vorhergesagt", wirft Cati ein, "wie willst du an Land kommen?" Guter Einwand. Außerdem treibt uns die Tide wieder raus. Jetzt haben wir gerade noch Handyempfang, später nur noch die Epirb.

Aber gleich ein Rettungsboot? Ein Schlepper würde doch reichen. Doch es gibt keine andere Wahl. Also wähle ich die Nummer, die ich sicherheitshalber ohnehin im Handy habe.

Johannes Erdmann Die Schleppverbindung

Ehe ich mich versehe, ist ein Rettungsboot alarmiert. Bereits Minuten nach dem Anruf in Bremen läutet das Handy mit einer spanischen Nummer. Eine Stunde soll es dauern, bis der Schlepper bei uns ist.

30 Minuten später geht die Sonne auf. Das AIS läutet, Kollisionskurs. Die " Salvamar Shaula " brettert mit 27 Knoten auf uns zu. Am Horizont ist sie wenige Minuten später zwischen den Wellenbergen zu erkennen. Und dann steht sie, die Schleppverbindung. Die Männer sind Profis, das merkt man. Vor allem der Skipper. Behutsam zieht er mit seinen 2800 PS die 100 Meter lange Leine stramm. Ohne Rucken nimmt "Maverick" Fahrt auf. Wir laufen gen Hafen.

Doch es wäre zu schön, wenn man uns nach La Coruña schleppen würde – das können wir nicht erwarten. Da die spanischen Seenotretter kaum Englisch sprechen, erfahren wir nicht, wo es hingeht. Zweieinhalb Stunden lang werden wir mit sieben Knoten an der fantastischen Kulisse der spanischen Felsküste entlanggeschleppt. Felsen, denen wir ohne Maschine und Wind nicht zu nahe kommen möchten. Schließlich werden wir längsseits genommen, in den kleinen Fischerhafen Cariño gebracht und an der Berufsschifffahrtspier festgemacht. Die Leiter hinauf ist vier Meter lang, und die Salinge schwingen immer wieder bedrohlich nah an die Kaimauer. Wir bringen unsere vier Fender aus, um "Maverick" so gut wie möglich zu sichern. Aber bei dem Schwell durch die Fischerboote rutschen sie immer wieder weg.

Der Kapitän des Schleppers steht kurz darauf an der Pier und möchte mit mir Papierkram erledigen. Die Versicherungsnummer braucht er. Ein wunder Punkt, denn wir wissen nicht, ob "Maverick" hier noch versichert ist. Ich hatte etwas von "nicht südlicher als La Rochelle" aus den Kasko-Vereinbarungen in Erinnerung. Die Kommunikation ist nicht einfach, denn der Capitano versteht kein Englisch, ich kein Spanisch.

Johannes Erdmann Das Provisorium mit einem PVC-Rohr

Was denn eigentlich kaputt wäre, will er wissen. "Was heißt denn nochmal Wassersammler auf Spanisch?", überlege ich und versuche mit Händen und Füßen die Verbindung zwischen der Maschine und der Abgasanlage darzustellen. "Agua" ist klar. Mit einer Fließbewegung mache ich den Lauf des Kühlwassers durch die Maschine klar. "Fumar" verbindet sich mit dem "Agua". Er scheint zu verstehen. "Un momento!", winkt er und greift zum Handy, "Maquinista!". Fünf Minuten später stehen die beiden Mechaniker seines Rettungsbootes vor "Maverick" und halten unseren geschmolzenen Wassersammler in den Händen, wenden ihn und schauen in das verkohlte Ende. Dann hat der eine die Idee. "Fontanero!" ruft der eine. Ich verstehe nicht. Er macht Schraubbewegungen, formt Rohre. "Ehh ... you know Super-Mario?" fragt er. Der ist Klempner. Ein Klempner! Das ist die Idee! Handys werden gezückt. In der Wartezeit unterhalten wir uns hervorragend über den kleinen Fischerort, das Leben dort und unsere Reise. Keiner spricht die Sprache des anderen, aber mit viel Lachen, Händen und Füßen sind die Sprachbarrieren verschwunden. Einige Zeit später rollt ein Lieferwagen vor, den Laderaum voll mit PVC-Rohren. Schnell haben wir ein Rohr gefunden, das die richtigen Maße hat. Mit einem Gasbrenner wird es weich gemacht und in den Wassersammler eingepasst. Das sollte funktionieren. Die Wasserrohre müssen schließlich auch kochendes Nudelwasser abkönnen.

"Was schulde ich dir?", versuche ich mit dem internationalen Zeichen zweier sich rubbelnder Finger zu fragen. "Testing", erwidert man – und kurz darauf testen wir tatsächlich, wie viele Crewmitglieder des Rettungskreuzers in "Mavericks" Bilge passen. Es wird wieder gefummelt, heiß gemacht und angepasst. Sogar der Kapitän des Rettungsbootes bleibt dabei, will zuschauen, ob die Lösung funktioniert. Schließlich ist unser Provisorium gebaut. "Nicht für ewig, nur zur Überführung", erklärt man mir. Klar, ich will ja nur in die nächste Marina. Hier an der Pier müsste ich in der Nacht jede Stunde die Leinen verlängern, damit wir uns nicht aufhängen. "Fünf Meter Tidenhub", hat mir die Crew erklärt. Die nächste Marina in der Zivilisation liegt 17 Seemeilen entfernt. Das sollte doch zu schaffen sein.

Da wäre noch die Sache mit der Bezahlung. "Cuánto cuesta?", versuche ich, die Summe in Erfahrung zu bringen. "1.443 Euro", erklärt man mir. Ich habe damit gerechnet, dass es teuer wird. Die Versicherungsnummer brauche er. Das alte Problem. "Dann zahle ich das selber", sage ich und schlucke. Der Capitano ist verblüfft, nimmt mich mit in sein Büro und kontaktiert erstmal das Hauptquartier, denn er hat vergessen, wie das Kreditkartengerät funktioniert. Privatzahlung, das kam lange nicht mehr vor. Schließlich spuckt der Drucker die Quittung aus. "For insurance", sagt Capitano. Na ja … mal sehen. Wir schütteln die Hände, man klopft mir auf die Schulter, sagt, ich solle gut aufpassen. Wir scheiden als Freunde. Dann laufe ich zurück zur "Maverick". Schnell weiter, endlich zu einem richtigen Hafen, in dem wir sicher liegen. Endlich schlafen.

Doch kurz nach der Hafeneinfahrt wird die Maschine wieder zu heiß. Wir kehren um, lassen uns treiben, bis die Maschine wieder abgekühlt ist, und laufen erneut in Cariño ein. Als wir in der Abenddämmerung an der hohen Kaimauer anlegen, kommt uns die Crew des Rettungsbootes samt Skipper schon entgegen, in Ausgehuniform. "Problema?", fragt die Crew. Ich erkläre die Lage und dass wir noch eine Nacht bleiben müssen. Der Kapitän überlegt kurz, telefoniert und hat dann eine Lösung: "Geht doch an meinem Schiff längsseits. Wenn wir heut nacht nicht rausmüssen, könnt ihr endlich mal durchschlafen und braucht keine Leinen zu verändern." Was für ein unheimlich nettes Angebot! Wir verholen und fallen nach dem Abendessen sofort todmüde in die Koje.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker um 6.30 Uhr. Um 7 Uhr baue ich bereits bei einer Tasse Kaffee den gesamten Kühlkreislauf der Maschine auseinander. Impellerpumpe, Wärmetauscher, alles Schläuche. Sogar das Seeventil. Alles in Ordnung. Eigentlich wäre bei Überhitzung ja sofort das Thermostat in Verdacht – aber der Wassersammler im Seewasserkreislauf ist zu heiß geworden, deshalb muss es ja an der Seewasserzufuhr liegen. Oder war es eine Kettenreaktion? Inzwischen wird es hell. Ich versuche es, baue das Thermostat aus, werfe es in einen Topf kochenden Wassers. Bei 74 Grad sollte es öffnen, das Wasser hat 90 Grad. Keine Reaktion. Ich kann es kaum fassen. Das Thermostat ist tatsächlich kaputt. Das ist die Lösung!

Johannes Erdmann Felsige, spanische Küste

Als ich die Maschine angeworfen habe und sie auf Temperatur kam, hat das Thermostat nicht den großen Kühlkreislauf geöffnet. Dadurch ist die Maschine zu heiß geworden, der Kühlwasserschlauch des Seewassers weich und ist vom Anschlussstutzen gerutscht. Das Abgas wurde nicht mehr gekühlt, und der Wassersammler ist geschmolzen.

Ein Testlauf von über einer Stunde lässt die Motortemperatur bis auf 70 Grad steigen. Kein Grad wärmer. Es funktioniert. Wir verabschieden uns bei unseren Seenotrettern mit drei Dosen Bier und einer Flasche Osteland-Aquavit aus meinem Heimatdorf, schauen in freudige Gesichter. Dann geht es los. Mit offener Motorluke und Temperaturkontrollen alle zehn Minuten tuckern wir durch die bleierne Flaute hinaus aus der Bucht, vorbei an der pittoresken Felsküste. Viereinhalb Knoten Fahrt, mehr möchte ich dem Provisorium nicht zumuten. Doch die Abgasanlage aus Regenrohren hält Stand. Nach vier Stunden Fahrt erreichen wir die Marina in Viveiro.

Die windige Biskaya ist längst in Vergessenheit geraten, doch erst mit der Ankunft fällt die Last der vergangenen Tage wirklich ab. Es ist gut, an einem sicheren Steg zu liegen.

Nur die Belastung der Kreditkarte liegt noch schwer im Magen. Wieder solch eine große Summe. Doch beim Archivieren der Hafenquittung fällt mir die Pantaenius-Police in die Hand – und ich kippe fast aus den Latschen: Ich habe mich geirrt. Der Versicherungsschutz schließt die gesamte europäische Küste ein, mit Ausnahme des Seegebiets nördlich von Bergen. Soll es tatsächlich möglich sein? Zwei Stunden nach meiner E-Mail an die Versicherung kommt bereits die Antwort: "In Deutschland ist Hanseboot, deshalb finde ich die E-Mail jetzt erst. Das Abschleppen zahlen wir. Können wir sonst noch was tun?" Eine kurze Mail, die so viel ausmacht: Die Reise kann weitergehen! :-)

Mittlerweile sind die Ersatzteile aus Deutschland auf dem Weg hierher, und wir hoffen, bald wieder seeklar zu sein. Bis dahin gibt es noch ein paar Leckagen an Deck (Ankerkasten) zu beseitigen. Dann soll es vorbei an La Coruña hinüber nach Portugal gehen. Buchtenbummeln und endlich, endlich in den Fahrtenseglermodus kommen.

Viele Grüße aus Viveiro!


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