Weltumsegelung
Mit Rückenwind nach Westen

Johannes Erdmann und Cati Trapp haben mit ihrer "Maverick too" Südengland erreicht. Der Skipper über die Bewährungsprobe für Schiff und Crew

  • Johannes Erdmann
 • Publiziert am 29.09.2014

Johannes Erdmann "Maverick too" auf dem Weg nach England

Wann bekommt man eigentlich ein Gefühl dafür, wie es ist, auf Weltumsegelung zu sein?

Zwei Wochen nach dem Start befinden wir uns nun im Süden Englands. Von der Weltumsegelung spüren wir allerdings noch nichts. Im Moment habe ich eher das Gefühl, so langsam in den Alltag zurückkehren zu müssen. Denn jahrelang haben wir durch den Beruf und mehrere Baustellen im Privatleben nicht mehr länger als zwei Wochen am Stück segeln können.

Bislang war es einfach noch nicht recht zu glauben, dass das Büro, das in den vergangenen fünfeinhalb Jahren den Großteil des Alltags bestimmte, gleich für mehrere Jahre nichts mehr mit dem Tagesablauf zu tun haben soll. Klar, weiterarbeiten werde ich müssen. Wir sind schließlich mit leeren Taschen gestartet, aber zugleich mit einem tollen Job, der für die Brötchen an Bord sorgt.

Hauptsache, unterwegs. Bis hierhin war es ein langer Weg. Nach meiner ersten Blauwasserreise auf der ersten "Maverick" mit 19 Jahren gab es für mich jahrelang eigentlich nur ein Ziel: wieder loszufahren. Allerdings auf einem Boot, das gut in Schuss ist und mit dem viel größere Reisen und entlegene Ziele möglich sind. Doch dann kam das Studium, die Berufsausbildung … wie das Leben so spielt. So hat es acht Jahre gedauert, bis es wieder losgehen konnte.

Die meiste Zeit der vergangenen zwei Jahre hat unsere "Maverick too" verschlungen, die meine Freundin Cati und ich in einer Winterlagerhalle in Neuhaus an der Ostemündung (gegenüber von Brunsbüttel) vom Schnäppchen-Schiff (13 000 Euro) zum Bausatz und dann zur hochseetauglichen Blauwasseryacht gemacht haben. Von der Osmosesanierung (sechs Monate Arbeit) über den Motortausch bis hin zum Anpassen eines gebraucht gekauften Bavaria-34-Riggs – wir haben so gut wie jedes verbaute Teil des Schiffes mal in den Händen gehabt. Die letzten acht Monate waren wir sogar in jeder freien Minute zugange, ohne mal einen Tag zu verschnaufen. Zusammenaddiert hat der Skipper allein eine Woche am Stück in der Steuerbordackskiste verbracht, Kabel und Gasschläuche verlegt, gepinselt und optimiert. Wir kennen unser Schiff. In- und Auswendig.

Cuxhaven – Brighton

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"Maverick too" auf dem Weg zum Atlantik.

Allerdings nur in der Halle. Gesegelt sind wir nach dem Kauf und dem Refit nur etwa 500 Seemeilen, dann kam "Maverick" in die Werft. Für Probefahrten vorm Aufbruch zur großen Reise war nach der Wasserung schlicht keine Zeit. Zwei Monate verbrachte das Schiff am heimischen "Ausrüstungskai" und wurde komplettiert. Schließlich stand der Abfahrtstermin vor der Tür, wurde noch um eine Woche nach hinten verlegt, damit wir fertig werden konnten – doch dann gab es kein Zurück mehr. Leinen los, am 14. September 2014.

Der Schwimmsteg wäre beinahe abgesoffen, angesichts der vielen Freunde, Verwandten und Leute, die einfach gehört hatten, dass das junge Paar, das in der alten Dorfschmiede wohnt, am Wochenende zur großen Weltumsegelung aufbrechen will.

Kurz vor der Abfahrt stand vor allem die Beseitigung letzter großer Baustellen im Mittelpunkt. "Naaa, Abfahrt Sonntag wird wohl nichts?", fragte ein guter Freund, als er mir wenige Tage vor dem geplanten Termin noch schnell ein paar Beschläge unter die Püttinge schweißte, damit das Rigg nicht allein am Deck, sondern auch am Schott hängt. – "Doch, Sonntag geht's los. Egal, was noch nicht erledigt ist."

Es ist gut, sich einen Abfahrtstermin zu setzen, ihn publik zu machen und sich damit den Rückweg zu verbauen. Das habe ich damals so gemacht – und das sehe ich heute noch so. Wichtig, den Absprung zu schaffen. Und wenn es nur für ein paar Meilen ist.

Der erste Stopp auf unserer Route gen Westen, Cuxhaven, fühlt sich deshalb auch irgendwie merkwürdig an. So oft waren wir hier gewesen, nur etwa 35 Kilometer von zu Hause entfernt. Nah genug, um noch mal einen Abstecher mit der Bahn nach Hause zu machen und vergessene Ausrüstung nachzuholen. Harz und Härter etwa, für alle Fälle, und die Gasflasche für den Backofen, der bislang nur als halbkardanische Montagevorrichtung für einen Campingkocher dient. Die endgültige Installation gehört zu den vielen kleinen Baustellen, die vor der Abfahrt nicht fertig geworden sind. Dafür ist nun Zeit in Cuxhaven. Den Kühlschrank anschließen, eine zweite, große Bilgepumpe installieren, die Stopfbuchse nachstellen ...

Dann endlich der Absprung, drei Tage nach der eigentlichen Abfahrt. Es ist spät im Jahr. Zu spät eigentlich, deshalb gilt es erst mal ein paar Meilen zu machen. Nonstop nach England ist der Plan. Die Route wird auf Navionics abgesteckt. Der Plotter ist zu Hause geblieben, die iPad-Karten (und ein Back-up auf Papier) sollen genügen. 330 Seemeilen. Ein dicker Happen, gleich zu Beginn. Wird alles funktionieren? Die Stromversorgung hinhauen, die Selbststeueranlagen ihren Dienst tun? Und wir, werden wir seekrank werden?

Cati ist dafür immer sehr anfällig gewesen. Ich auch, was mich aber weniger stört. Nach drei Tagen hört es bei mir sowieso immer auf. Bei Cati wissen wir das noch nicht, denn die längste gemeinsame Nonstop-Seestrecke betrug genau drei Tage. Das war 2011. Seitdem sind wir wegen des Refits nicht mehr länger zusammen gesegelt.

Der Wetterbericht sagt Ostwind an. Unglaublich. Monatelang hatte ich mir im Kopf in den buntesten Farben ausgemalt, wie der Abschied aus den Heimatgewässern aussehen würde. Raus aus der Elbe, vorbei an der Kugelbake. Und immer waren die Segel in meinen Vorstellungen aufgefiert. Rückenwind. Vielleicht auch ein Gefühl, das ich erwartet habe, wenn die ganze Last, der ganze Stress der letzten Monate abfällt. Und nun, tatsächlich: Ostwind. Einfach herrlich.

Mit ablaufendem Wasser fliegt "Maverick" förmlich die Elbe hinunter, hinaus auf die See. Die neuen Segel stehen fabelhaft. So kann es weitergehen.

Doch dann kommen die Wellen. Cati ist schnell ein Totalausfall und der Skipper wieder Einhandsegler. Das kennt er ja von früher. Der elektrische Autopilot quittiert bei Windstärke drei den Dienst, weil er nicht mehr mit den Wellen klarkommt. Also wird von Hand gesteuert, zwischen ein und drei Uhr morgens. Gegen halb vier morgens wird das mühselig, und nach drei Patenthalsen gelingt es endlich, die halbfertig montierte Windsteueranlage einzustellen. Was für eine Erleichterung. Das Schiff steuert sich selbst.

Nun gilt es nur noch wach zu bleiben. Irgendwie ist der Skipper doch keine 20 mehr ... Die Wilfried-Erdmann-Methode geht mir durch den Kopf: den schweren Fäustel in der Hand, und wenn er rausfällt, durchs Scheppern wach werden. Aber den Fäustel haben wir zu Hause vergessen, und das Schiff ist ohnehin aus GFK … Die zweite Erdmann-Methode, einen Schluck Tabasco? Lieber nicht ...

Der Sonnenaufgang und ein guter Kaffee macht munter. Cati räkelt sich in der Koje, geschützt vom Leebrett. Das hat damals die Werft montiert. "Alles gut da oben?", krächzt sie manchmal. Irgendwann gegen neun Uhr lockt sie die Sonne schließlich an Deck, die Seekrankheit ist besser – und der Skipper kann für ein paar Stunden in die Koje.

Johannes Erdmann Cati Trapp hat die Seekrankheit überwunden

Den Tag über flaut der Wind ab. Nördlich der Verkehrstrennungsgebiete erreicht "Maverick" eine Position, auf der wir eine Halse fahren und auf Steuerbordbug Ramsgate anliegen können. Noch 200 Seemeilen. Doch es wird immer flauer.

"Kläng, kläng, kläng!" Ein Scheppern aus dem Mast. Schnell die Taschenlampe. Das kann doch nicht wahr sein: Ein Mittelwant hat sich aus seinem Spanner gelöst und schlägt gegen das Rohr. "Cati, schnell an Deck, mach den Scheinwerfer an!" Der Skipper löst Alarm aus, die Segel müssen runter. Beim Bergen des Groß ist zu hören, wie sich der Spanner aus dem Terminal löst und an Deck plumpst. Doch er ist nicht zu finden.

Kurz danach Krisensitzung im Cockpit. Der Spanner war nicht gesichert. Ein kapitaler Pfusch des Skippers. Er wollte ihn vor dem Ablegen noch mal nachjustieren und hat es letztlich vergessen. Das hätte den Mast kosten können. Der Spanner muss über Bord geflogen sein. Ersatz nicht an Bord. Also schleunigst an Land zum Reparieren.

Der letzte Wetterbericht hat flaue Winde angesagt. Ijmuiden ist 65 Seemeilen entfernt, der Diesel müsste reichen. Kursänderung und losgetuckert. Das Rigg ist nicht belastet und sollte das Geschaukel aushalten.

Im Morgengrauen ist der Hafen am Horizont zu sehen. Nach 24 Stunden und einem acht Kilometer langen Fußmarsch durch den Ort ist das Rigg wieder intakt. Es kann weitergehen.

Von Ijmuiden aus liegen 130 Seemeilen vor dem Bug. Wetterwelt sagt sechs Windstärken voraus, die sich von einer nebligen Flaute im Laufe des Tages bis zur Nacht aufbauen und die See in einen Kochtopf verwandeln. Vor allem bei Nacht. Die Crew liegt wieder unter Deck und ist damit beschäftigt, zu überleben, der Skipper geht Wache. "Ich trau mich nicht rauszugucken. Wenn ich die Wellen sehe, wird mir noch schlechter." Noch ein Seetag, dann sollte sie sich daran gewöhnt haben. Die Wellen werden immer höher. Am Morgen laufen geschätzt vier Meter Welle von achtern an und schubsen "Maverick" gen Westen. Knapp vorbei an einem Windpark und hinüber in den Hafen von Ramsgate.

Dort warten seit zwei Tagen unsere Nachbarn Bert und Marlene Frisch auf uns, die mit ihrem Kutter "Heimkehr" vier Monate in England verbracht haben ( www.heimkehr-hamburg.de ). "Willkommen auf der anderen Seite der Welt!", begrüßt Bert uns. Und so fühlen wir uns auch.

Die folgenden fünf Tage werden wir mächtig angetrieben, alle verbleibenden Baustellen unseres Schiffes zu beseitigen. "Ihr müsst die Chance nutzen, wenn das Werkstattschiff nebenan liegt", sagt Bert und zeigt uns nicht nur die Werkbank an Bord der "Heimkehr", sondern plündert auch gleich sein Ersatzteillager. Oft arbeiten wir bis spät in die Nacht am Boot, dichten den Bugkorb neu ein, montieren LED-Positionslampen, verlegen die Gasinstallation und bauen eine selbstlenzende Gaskiste. Nebenbei laden sie uns fast jeden Abend zum Essen ein und übernehmen sogar die Liegekosten. Als "Heimkehr" ablegt, ist "Maverick" wieder richtig wohnlich und zu 95 Prozent einsatzfähig. Fertiger als 95 Prozent wird ein Schiff ohnehin nie …

Johannes Erdmann Flautengetucker im englischen Kanal

Über Dover motoren wir schließlich weiter gen Westen. Der Wind ist nicht existent, der Autopilot steuert. Zumindest die ersten zwei Stunden. Dann knattert und knarzt es nur noch aus dem Getriebe und der Radpilot quittiert seinen Dienst. Die Plastikrädchen haben sich in Einzelteile zerlegt. So haben wir im nächsten Hafen, in Brighton, wieder etwas zu basteln. Kaum ist das Schiff fertig, beginnen also wieder erste Instandsetzungsarbeiten … Morgen jedoch wird es weiter nach Westen gehen. Nächster Stopp ist Yarmouth auf der Isle of Wight. Dort habe ich im April die Nichte von Eric Hiscock besucht und in den alten Logbüchern der "Wanderer" geblättert. Der Artikel dazu steht Mittwoch in der neuen YACHT 21/14.

Weitere Infos zur Reise und den Vorbereitungen auf www.zu-zweit-auf-see.de


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