Weltumsegelung
"Erste Eindrücke kommen nie wieder"

Johannes Erdmann und Cati Trapp haben auf den Bahamas eine ganz besondere Insel besucht – und gestaunt, was in zehn Jahren passiert ist

  • Johannes Erdmann
 • Publiziert am 22.06.2015

Johannes Erdmann Cati Trapp auf Cockroach Cay, Bahamas

Da liegt sie nun endlich vor dem Bug. Normans Cay. Die Insel meiner Träume.

Fast zehn Jahre ist es her, seit ich das letzte Mal hier gewesen bin. Kein Wunder, denn die Insel liegt nicht gerade "einmal über den Belt", etwa drüben in Schweden, sondern etwas abgeschiedener. Ziemlich genau mittig in den Bahamas. Ihren Namen hat sie angeblich von einem Piraten namens "Norman" bekommen, der die Insel vor ein paar hundert Jahren kurzzeitig als Wohnsitz und Versteck genutzt haben soll. Genauso wie die Piraten Blackbeard und Henry Morgan. Einige Jahre später, Ende der siebziger Jahre, ergriff dann ein anderer Pirat Besitz von der Insel, der Kolumbianer Carlos Lehder. Ein Drogenbaron, der sie wegen ihrer günstigen Lage und der breiten Landebahn als Umschlagort für seine Drogengeschäfte in die USA nutzte. Anfang der achtziger Jahre ist er dann hinter Gitter gewandert, hat aber all seine Häuser, Clubs, ein Hotel, die Landebahn und den Yachtclub zurückgelassen.

Als ich 2006 mit meiner ersten "Maverick" dort vor der Küste geankert habe, war Normans Cay für mich ein riesiger Abenteuerspielplatz. Die vielen, leerstehenden Gebäude, die sich oft ganz versteckt und zugewachsen in allen Ecken der Insel finden und entdecken ließen – allesamt mit offenen Türen und ohne Besitzansprüche, der Eigentümer saß schließlich im Kittchen. Bereit zur Erkundungstour. Ein paar abgestürzte (oder abgeschossene) Sportflugzeuge auf einem riesigen Schrottplatz, ein alter Flugzeughangar voller verrostetem Werkzeug und Maschinen. Hotelzimmer mit zerbrochenen Fensterscheiben, in den Schreibtischschubladen noch ein paar Hotelprospekte. Dazu ein fantastisches Flugzeugwrack in zwei Meter tiefem Wasser vor der Küste. Eine alte Transportmaschine, die die Landebahn verfehlt hat und nun dazu einlädt, erschnorchelt zu werden. Einmal durch den Laderaum tauchen oder ein Selfie im Cockpitsitz machen. Damals habe ich dort unten meinen ersten Hai unter Wasser gesehen. Ein Ammenhai, der relativ ungefährlich ist, aber ein Hai – ein Erlebnis, das sich eingebrannt hat.

Johannes Erdmann Willkommen auf Normans Cay

Leider war da damals der Zeitdruck … Ich hatte zwei Freunde an Bord, die ihren Rückflug von Miami aus pünktlich erreichen mussten, deshalb blieben wir nur eine Nacht. Aber als ich dort oben auf der Veranda eines verfallenen Gebäudes saß und durch den verwachsenen Garten hinaus aufs Meer geschaut habe, habe ich mir ganz fest vorgenommen, noch einmal wiederzukommen. In ein paar Jahren. Schnell das Studium hinter mich bringen und mit dem ersten verdienten Geld ein kleines Segelboot in Florida kaufen. In vier oder fünf Jahren sollte das möglich sein. "Dann segele ich die 200 Meilen zurück nach Normans Cay, lege mich dort für ein paar Monate vor Anker", habe ich mir vorgenommen. Vor allem, um mich noch mehr mit der Geschichte der Insel zu beschäftigen und an den Originalschauplätzen einen spannenden Kriminalroman zu schreiben. Denn die Geschichte gibt es wahrhaftig her. Mich in die von mir erfundene Abenteuerfigur hineinversetzen, sich vorzustellen, wie es damals einmal ausgesehen haben mag. Auf seinen Wegen gehen und den Charakter in die Geschichte der Insel verweben. Deshalb sollte Normans Cay der Höhepunkt der Bahamas, vielleicht sogar der ganzen Reise werden.

Doch wie das Leben so spielt – mit den fünf Jahren hat es nicht so ganz geklappt, fast zehn sind es geworden. Und bei unserer Ankunft auf Normans Cay kam es mir so vor, als hätte ich mich in der Insel geirrt. Es ist fast nichts mehr wiederzuerkennen.

Normans Cay

28 Bilder

Bahamas

Der Strand ist noch da, an dem wir damals vor Anker gelegen haben. Auch das kleine Hotel, "McDuffs", das damals gerade geschlossen war. Wir landen mit dem Dingi an und folgen dem schmalen Pfad, der uns seinerzeit durch das Dickicht zur Landebahn geführt hat. Ohne Zäune oder Schranken lag sie mitten auf dem schmalen Teil der Südinsel und wurde von den Bewohnern als normaler Verkehrsweg benutzt. Plötzlich stehen wir nun aber auf einer breiten Lichtung und vor einem Zaun. Dahinter eine unheimlich große Piste, als wollte man sogar Transatlantikflüge abfertigen. "Sind wir hier richtig?" Ich kann es nicht glauben. Durch den hohen Zaun ist es nun nötig, einen gewaltigen Umweg über den Strand im Süden zu machen, um zum Südostteil der Insel zu gelangen, wo damals das Hotel und der Club lagen. Auf halbem Weg dorthin stehen wir vor einem riesigen Sandhaufen, 15 Meter hoch und mehrere hundert lang, daneben ein riesiges Becken. Früher war dort ein kleiner Tümpel. Ausgebaggert. Eine Marina im Bau. Alle Hütten, die Wäscherei, Werkstätten, der Hangar – weggerissen. Mir fehlen die Worte. "In weiteren zehn Jahren liegen wir hier wahrscheinlich in einem Yachthafen und sitzen in einer Bar an der Uferpromenade", versuche ich meine Enttäuschung in Humor zu verpacken. Aber lustig ist mir nicht zumute: Mein Abenteuerspielplatz ist weg.

Über einen breiten Schotterweg gelangen wir zum alten Yachtclub, der heute Hauptsitz des Bauunternehmens ist, das für den Umbau verantwortlich scheint. "No trespassing", also Betreten verboten. Aber dort, unter dem Baumdach, scheinen noch ein paar Hütten zu stehen. Tatsächlich – die alten Strand-Cottages. Aber in einem unglaublichen Zustand. "Wahnsinn, was zehn Jahre und ein paar tropische Stürme ausrichten können", sage ich zu Cati. Die Holzhäuser, durch die wir damals noch gelaufen sind, haben heute zum Teil keine Dächer mehr und sind stark einsturzgefährdet. Damals hatte alles Patina, war aber noch intakt. Die schönen, einige Jahre ungepflegten Wege mit den Conchmuscheln als Wegbegrenzung – alles weg. Wieder steht mir der Mund offen. Ich kann es nicht glauben.

Johannes Erdmann Die alte Bar am Yachtclub 2006 …

Aber dort, da oben ist das verfallene Haus, in dem wir damals unseren Bootsnamen an der Wand hinterlassen haben. Wie mehrere hundert andere Yachties zuvor. Mal sehen, ob das noch da ist. Doch beim Annähern erkenne ich: Das Dach sieht so neu aus. Hat da einer die Büsche geschnitten? Und auf dem Hof schnurrt doch ein Stromaggregat. Offenbar ist es wieder bewohnt und renoviert. Also wieder Fehlanzeige.

Johannes Erdmann … und 2015

Auch die alte Transportmaschine vor der Küste ist eigentlich den Schnorchelgang nicht mehr wert. Das Dach ist zusammengebrochen und alles in Klump. Mehr Eisenschrott als Abenteuer.

Missmutig kehren wir zurück zum Boot. Ich bin ziemlich enttäuscht und auch ein wenig traurig, dass sich meine Abenteuerinsel als so abenteuerlos entpuppt hat. Und dass ich nicht früher zurückgekehrt bin. Damals, als alles noch da war und ich mein Buch hätte schreiben können.

Johannes Erdmann Die Landebahn 2006 … 

Nach zwei Wochen in den kleinen Inseln der Bahamas liegt mit Highbourne Cay mal wieder eine Insel mit Handy-Sendemast in Reichweite, und ich kann mit dem Handy auf dem Kajütdach stehend ein wenig googeln. "Wow, da gibt es ja schon ein Buch über die Insel." Ich bin verblüfft. Der Amerikaner Sidney Kirkpatrick hat im Jahr 2010 das Buch "Turning the Tide" auf den Markt gebracht. In dem Jahr, an dem ich nach meiner damaligen Rechnung wieder auf der Insel sein wollte. Eine halbe Stunde stehe ich auf dem Dach, um die paar Megabyte auf Catis Kindle-Reader zu laden – und den Rest des Abends bin ich nicht mehr ansprechbar. Eine fantastische Geschichte eines Hochschullehrers, der Ende Siebziger auf der Suche nach einem Tauchgebiet auf die Insel gekommen ist und durch seinen Mut und mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn letztlich dafür gesorgt hat, dass der Drogenbaron von der Insel flüchten musste. Auch wenn ich das Buch selbst nie schreiben konnte – es ist toll, sich in die vielen Orte hineinzuversetzen und zu lesen, wie es früher dort war. Dabei erfahre ich auch, dass die Privatvilla des Verbrechers damals im Norden der Insel gelegen hat. Die genaue Lage ist aber nicht klar.

Johannes Erdmann … und 2015.

Am nächsten Morgen brechen Cati und ich bereits am Vormittag auf, um die Hütte zu finden. Drei Meilen fahren wir mit unserem kleinen Dingi durch die gleißende Sonne zum Nordkap und haben dort echte Probleme, gegen die starke Strömung herum auf die Ostseite, die Windseite, zu kommen. Schließlich lassen wir das Dingi auf einem kleinen Sandstrand im Norden zurück und laufen los. Ich habe grobe Koordinaten im Hand-GPS, etwa eine Meile nach Süden, immer an der Hauptstraße entlang. Die Straße, die auf Google Earth relativ befestigt aussah, ist eine Schotterpiste ohne Schatten. Die Sonne steht bereits hoch am Himmel und röstet uns gewaltig. Nach ein paar hundert Metern sehen wir zwei Bewohner der Insel, offenbar Amerikaner, am Straßenrand stehen. Sie grüßen freudig und kümmern sich dann wieder darum, ihr Angelboot auf den Trailer hinter einen Pickup-Truck zu bugsieren. Wir laufen weiter. Und laufen und laufen. Dann sind wir am Ziel. Zumindest auf dem GPS. In der Realität ist nur ein Grundstück direkt am Meer zu sehen. Ein paar Grundmauern sind zu erkennen. Zumindest Überreste. "Das kann es nicht gewesen sein, lass uns nochmal weiter schauen." Cati läuft von Minute zu Minute in einem größeren Abstand hinter mir her. Ich kann ziemlich enthusiastisch werden, wenn ich Abenteuer wittere. Und kann dann nicht warten, womöglich langsam gehen. Ich muss noch um die nächste Ecke schauen und dann um die nächste. Irgendwann liegt Cati hundert Meter zurück. Ich warte. Springe über Felsen an einen Strand. "Ich schau nur mal über die Steine dort drüben." Durch das Dickicht, dann bis zu den Knien im Meer, wieder in der Wildnis. Ich kann nicht umdrehen. Aber auch die nächste Bucht: Kein Erfolg. Ich kehre um, schweren Herzens. "Hier scheint das Haus auch nicht zu liegen." Dabei sind wir fast am südlichsten Punkt der Landzunge angekommen. Wir müssen aufgeben, "wir haben ja noch einen irre langen Weg in der Sonne zurückzulatschen".

Doch nach ein paar hundert Metern bremst plötzlich ein Auto neben uns. Es ist der Amerikaner von vorhin, der mir seinem leeren Trailer vom Bootsslip zurückkommt. "Wanna hitch a ride?", fragt er uns? Sehr gern! Ein peinlicher Augenblick, als Cati und ich beide Anstalten machen, auf die Ladefläche des Pickup-Trucks zu kletter. "You can sit in the cabin", ruft er aus dem offenen Fenster. Wir waren das noch so aus der Karibik gewöhnt …

Keine zwanzig Meter kommen wir, dann macht es knack – und der Trailer hat eine Achse verloren. "Gut, dass das nicht vor dem Slippen passiert ist", sagt der Amerikaner. Weil er kein Werkzeug dabei hat, hängt er ihn kurzerhand ab, um später wiederzukommen. "Den klaut so eh keiner. Und außerdem: Es ist eine Insel." Wir lachen und steigen wieder ein. Er lässt es sich nicht nehmen, uns direkt zum Dingi zu bringen, grüßt freundlich und dreht um. Wir tuckern zurück an Bord.

Abends lese ich das nächste Kapitel des Buches. Ab und zu sind sogar Bilder enthalten. Da stockt mir der Atem, als ich plötzlich ein Bild des Hauses finde, das wir heute gesucht haben. Es liegt an einer sehr auffälligen Stelle – nämlich an einem Ort, von dem sowohl die Meeresküste als auch der Binnensee zu überblicken sind, der in der Mitte der Insel liegt. Und es gibt nur einen solchen Ort: Dort steht das Haus von dem Amerikaner, der uns mitgenommen hat. Was für ein Zufall: Wir haben das Haus nicht gefunden – aber seinen Eigner kennengelernt. Also doch noch ein Erfolgsgefühl.

Schon auf der nächsten Insel, Allens Cay, lese ich die letzten Seiten des Buches. Und obwohl Normans Cay zuerst so eine Enttäuschung war, bin ich irgendwie zufrieden und glücklich. Ich habe die Insel zwar nicht so erkunden können, wie ich es mir zehn Jahre lang vorgestellt habe, aber dafür in dem Buch, das wirklich gut geschrieben und sehr detailliert war. Und irgendwie hatte ich bei fast allen Schauplätzen das Gefühl: "Da war ich schon, das kenn ich." Und habe die Geschichte richtig erlebt.

Trotzdem hat mir die Erfahrung zu denken gegeben. Es ist unfassbar, wie schnell sich die Welt verändert. Der Weltumsegler Burghard Pieske, der mir ein großes Vorbild ist, hat mir vor einigen Wochen noch geschrieben: "Genießt euren Törn in vollen Zügen und seid euch der Einmaligkeit aller Erlebnisse bewusst. Die Welt verändert sich rasant. Buchten, Länder, die ich vor fast 40 Jahren besucht habe, sind heute kaum noch wiederzuerkennen." Das habe ich auch nach zehn Jahren schon erfahren. Dann aber der beste Merkspruch, den ich mir ins Logbuch schreibe: "Nehmt die ersten Eindrücke ganz bewusst in euch auf. Sie kommen nie wieder."

Weitere Infos zur Reise: www.zu-zweit-auf-see.de


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