Weltumsegelung
Auf der Lauer nach einem Wetterfenster

Die Crew der "Maverick too" will im Oktober den Sprung über die Biskaya wagen. In Dartmouth werden sie nun zu einer Zwangspause gezwungen

  • Johannes Erdmann
 • Publiziert am 06.10.2014

Johannes Erdmann Dunkle Wolken vor dem Bug von "Maverick too". Der Herbst kommt nach Südengland

Zugegeben – die Jahreszeit, in der wir unsere Biskaya-Überquerung planen, könnte besser sein. Aber es war einfach nicht möglich, früher loszufahren. Bis Ende August habe ich im Büro Geschichten produziert, um mit dem verdienten Geld Rechnungen für Boot und Ausrüstung zu bezahlen. Eine Abfahrt im Frühjahr des darauffolgenden Jahres wäre vermutlich sehr vernünftig gewesen – aber andererseits habe ich acht Jahre auf die Abfahrt hingearbeitet, das ganze Leben darauf ausgelegt, endlich noch einmal das Salz des Ozeans riechen und zurück in die Karibik segeln zu können. Am Ende der Kalkulation aller Einkünfte und Ausgaben stand die Zahl "Null, sie markierte zugleich den Abfahrtstermin: Anfang September 2014. 

Ich dachte mir, es wird besser sein, noch in diesem Jahr zu starten und mit einem genauen Auge auf die Wetterentwicklung zu segeln, als noch einen Winter mit schwitzigen Händen am Schreibtisch zu sitzen und in den freien Minuten sehnsüchtig über Blauwasserseiten zu surfen. Ich konnte gar nicht anders – ich musste endlich die Segel setzen. 

Das bringt uns nun nach Dartmouth, im Südwesten Englands. Hier liegen wir seit drei Tagen auf der Lauer und warten auf ein Wetterfenster, das uns möglichst gleich bis Spanien, zumindest aber hinüber nach Brest segeln lässt. Der Herbst hat es bisher wirklich gut mit uns gemeint. Erst mit Rückenwind von Deutschland über Holland nach Ramsgate im Osten Englands, dann bei südlichen, vor allem aber flauen Winden entlang der Südküste nach Westen. Manche Tage sogar in kurzer Hose, mit ungläubigem Blick auf den Kalender: Das soll Oktober sein? Ziemlich cool. 

Johannes Erdmann Angekommen in Dartmouth

Aber nun ist das Wetter seit einigen Tagen gegen uns. Oder vielmehr: Es ist so, wie es sich für den Oktober gehört. Südwestwind, und nicht zu wenig. Gestern Nacht war Windstärke sieben, in Böen bis neun angesagt, und das haben wir auch genauso erlebt. Am Gästesteg des Yachthafens in Dartmouth hat "Maverick" an ihren Leinen gezerrt und heftigst geschaukelt, dass ich beim Aufwachen dachte, wir wären auf See. Gegen vier Uhr morgens fiel dann die Entscheidung, sicherheitshalber und in vollem Ölzeug noch ein paar weitere Leinen auszubringen. Der achterliche Starkwind schubste unseren alten GFK-Panzer immer weiter in Richtung einer vor uns liegenden Bavaria. Zwar ist das Schiff noch bis Landsend Vollkasko-versichert – nur bis dahin gesteht uns der Versicherer eine solche Deckung mit dem kleinen Boot zu; aber ein Schiffbruch im Hafen wäre doch ein sehr peinliches Ende einer langgeplanten Reise. 

Johannes Erdmann Viel Gegenwind und Regen. Der Skipper wartet den Durchzug einer Regenfront ab

Für die ganze Woche sind weiterhin südliche, frische Winde vorhergesagt. Genau gegenan. Das wird also nix. Gestern schrieb ein Blog-Leser, dass er vor einigen Jahren mal 14 Tage vor Plymouth auf ein Wetterfenster über die Biskaya gewartet hat. Im SOMMER! Das kann ja was werden … Nach drei Wochen auf Reise werden wir also nun für eine Woche zur Hafenruhe gezwungen. 

Eine Umstellung, denn bisher galt es, Meilen zu machen, nach Westen voranzukommen. Die kürzeste Tagesetappe betrug 40 Meilen. Oft haben wir aber auch 70 oder 80 zurückgelegt. Nun geht es vorerst nicht mehr weiter. Ein westlicherer Absprunghafen für die Passage nach Süden wäre zwar noch besser – aber Dartmouth ist einfach eine Perle. Schon die Ansteuerung bei Nacht war ein Erlebnis. Das GPS hat uns immer weiter in eine dunkle Ecke hineingelotst, bis dann plötzlich auf der rechten Seite eine Öffnung in der dunklen Küste zu erkennen war. Eine Flussmündung. Dort im Dunkeln hineinzumotoren fühlte sich an wie eine mediterrane Hafenstadt anzulaufen. Die vielen Häuser in den Hügeln, die gelbliche Straßenbeleuchtung. Auch bei Tageslicht: wunderhübsch. Eine herrliche Gegend, um eingeweht zu sein. 

Johannes Erdmann Die Ansteuerung des River Dart bei Nacht

Und zum Glück haben die Hafenbetreiber mittlerweile auf Winterbetrieb umgestellt und die Liegegebühren halbiert. Während wir in den vergangenen Wochen täglich etwa 30 Pfund (fast 40 Euro) für Liegegebühren ausgeben mussten, kostet die Nacht hier in Dartmouth nun nur noch 15 Pfund, also etwa 20 Euro. Dabei hatten wir uns bereits darauf eingestellt, eine Woche an einer Gästemuring zu liegen, denn die Reisekasse ist mittlerweile mehr als geschröpft. Mit 1500 Euro monatlich hatten wir kalkuliert, denn ich arbeite ja während der Reise weiter als YACHT-Autor. Doch bereits der erste Monat hat durch das teure Leben in England und vor allem durch die Überweisung letzter Rechnungen (von vor der Abfahrt) fast das Dreifache verschlungen. So drehen wir gerade jede Münze zweimal um, vergleichen Angebote in den Supermärkten und vergreifen uns an den Dosen in der Bilge, die eigentlich für die Atlantiküberquerung gedacht waren. Das Land kulinarisch kennenzulernen oder anderer Luxus sind momentan nicht drin. Über die virtuelle Kaffeekasse auf der Website hat uns ein netter Leser gestern 10 Euro zukommen lassen, die ich heute in einen Heizlüfter investiert habe. Der Strom hier im Hafen ist kostenlos, und in den letzten Tagen sind wir morgens bei 13 Grad in der Kajüte immer in einer Tropfsteinhöhle wachgeworden. Alles klamm und nass. Eben habe ich den britischen Stecker gegen einen deutschen getauscht und so ist es inzwischen kuschelig warm (20 Grad) in der Kajüte. Größeren Luxus kann man wohl für 10 Euro nicht kaufen! 

Bootsersatzteile fressen natürlich auch immer wieder viel Geld. Als ich damals im Jahr 2006 mit der ersten "Maverick" in der Karibik war und dort mein Schiff repariert habe, hat mein Freund Klaus mal folgenden Satz von sich gegeben, der es ziemlich genau auf den Punkt bringt: "Wir Segler sind doch verrückt. Morgens überlegen wir uns, ob wir zwei Brötchen essen oder doch lieber nur eins – und dann gehen wir zu Island Waterworld (karibischer Ausrüster) und kaufen für 300 Dollar die dritte Reserve-Bilgepumpe, ohne mit der Wimper zu zucken." 

Johannes Erdmann "Maverick too" am Steg auf der Ostseite des Hafens

Ganz so extrem ist es bei uns zwar noch nicht, aber die ersten Reparaturen und Modifikationen waren schon nötig. Außerdem frisst die Maschine neuerdings ein wenig Öl, etwa einen Viertelliter auf 20 Motorstunden. Aber zumindest fühlen wir uns angekommen, im richtigen Langfahrtseglerleben. Denn die alles bestimmenden Fragen jeden Tag lauten: Wie verändert sich das Wetter, wie können wir Geld sparen – und wo bekommen wir Ersatzteile her?

Ein anderes Leben als zu Hause. Aber ein Leben, das wir mit keinem anderen auf dieser Welt tauschen wollen.

Weitere Bilder und Infos zur Reise auf www.zu-zweit-auf-see.de .


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