Restaurierung

Zukunft der "Gorch Fock" ungewiss, Werft zahlungsunfähig

Der Skandal um das Segelschulschiff nimmt kein Ende. Die Elsflether Werft musste Insolvenz anmelden. Gelingt Bavaria-Retter Brinkmann die Wende? Plus: Umfrage

Jochen Rieker am 21.02.2019
KA20100826D032.jpg
Klaus Andrews

Im Frühjahr vergangenen Jahres hatte er schon einmal ein Mandat, das ihm große öffentliche Aufmerksamkeit brachte. Da übernahm der Hamburger Insolvenzverwalter Tobias Brinkmann die Leitung bei der einst größten deutschen Sportbootwerft – und verhinderte den Niedergang von Bavaria.

Diesmal ist sein Einsatzort nicht ganz so weit entfernt. Statt zwischen der Hansestadt und dem fränkischen Giebelstadt muss Brinkmann nur zwischen Alster und Weser pendeln. Genauer gesagt an die Hunte, einen Nebenarm der Weser. Dort befindet sich im Industriegebiet Süd die Elsflether Werft, die wegen der Instandsetzung der "Gorch Fock" schon seit Wochen in den Schlagzeilen steckt. 

Seit gestern Nachmittag ist klar: Der Betrieb steht vor der Pleite. Deshalb beantragte die erst vor Kurzem neu eingesetzte Geschäftsführung ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung. Genau wie bei Bavaria Yachtbau bleibt das Management dabei an Bord und wird nur begleitet und überwacht von einem Team um den erfahrenen Werftsanierer Tobias Brinkmann. 

Der steht vor gewaltigen Herausforderungen. Gestern sprach er gegenüber dem NDR Fernsehen von einem "Manöver des letzten Augenblicks". Der Betrieb hat bei Auftragnehmern Verbindlichkeiten von mehreren Millionen Euro. Deshalb sind nicht allein die rund 130 Arbeitsplätze auf der Werft selbst gefährdet, sondern auch weitere bei Zulieferern und Dienstleistern. 

Wie es zu der Schieflage kommen konnte, ist derzeit Gegenstand von Untersuchungen. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen stellte dazu allerdings klar, dass "nicht der Zahlungsstopp der Bundeswehr" zur Insolvenz geführt habe. Bei der gestrigen Pressekonferenz machte sie noch keine Zusagen, ob die Restaurierung des 1958 in Dienst gestellten Segelschulschiffs an der Hunte fortgesetzt werde. Das, so ließ sie durchblicken, liege jetzt auch am weiteren Verlauf des Insolvenzverfahrens. 

Was Tobias Brinkmann, der selbst erfahrener Segler ist, dabei entgegenkommen dürfte: Von der Leyen und das für den Auftrag zuständige Marinearsenal haben kaum eine andere Option, als zumindest partiell weiterbauen zu lassen. Denn derzeit ist die weitgehend zerlegte Dreimastbark nicht einmal schwimmfähig. Ein Transport – etwa zu einer anderen Werft – käme also allenfalls als Decksfracht in Frage. Ein aberwitziger Aufwand, der die Kosten noch weiter in die Höhe treiben würde. 

Statt der ursprünglich veranschlagten 10 Millionen Euro wird sich die Restaurierung und Modernisierung, die sich faktisch zu einem Neubau entwickelt hat, schon unter günstigsten Voraussetzungen um gut das 13-fache auf 135 Millionen Euro verteuern. Rund die Hälfte der Summe ist bereits geflossen und verbaut, die andere Hälfte hatte  Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen vor einem Jahr fest zugesagt.

Damals standen zwar noch keine Vorwürfe wegen Korruption und unlauterer Geschäfte im Raum. Ein Rückzieher wäre jetzt freilich in doppelter Hinsicht fatal – und erscheint damit unwahrscheinlicher denn je: Er würde das Schicksal der Werft und vieler ihrer Zulieferer besiegeln. Gleichzeitig kämen weitere Belastungen auf die Marine zu, nur um die "Gorch Fock" abzuwracken. Ein Preis, den politisch niemand zu zahlen bereit sein wird, weil das einst stolze Segelschulschiff dadurch zu einem unvergessenen Symbol für das Scheitern der Militärs werden würde.

Was meinen Sie?

Falls die Umfrage nicht richtig angezeigt wird, klicken Sie bitte hier...

Umfrage zur "Gorch Fock"

Jochen Rieker am 21.02.2019

Das könnte Sie auch interessieren


Fotostrecken

Neueste Downloads

Yachttests


Reise-Reportagen


Ausrüstung


Gebrauchtboottests


Neue Videos


Aktuelle Artikel bei YACHT online