Messe-Auftakt am Mittelmeer
Yachting Festival Cannes: viele Besucher, ein Versprechen

Die mit viel Spannung erwartete Bootsmesse erfüllte und übertraf die Erwartungen. Gezeigt wurden vor allem Luxus und Lifestyle, angekündigt mehr Nachhaltigkeit

  • Jochen Rieker
 • Publiziert am 15.09.2021
Schon zum Auftakt reges Treiben im Segelhafen Port Canto. Am Wochenende wurde es dann richtig voll Schon zum Auftakt reges Treiben im Segelhafen Port Canto. Am Wochenende wurde es dann richtig voll Schon zum Auftakt reges Treiben im Segelhafen Port Canto. Am Wochenende wurde es dann richtig voll

YACHT/J. Rieker Schon zum Auftakt reges Treiben im Segelhafen Port Canto. Am Wochenende wurde es dann richtig voll

Die Wassersportbranche erlebt bereits das zweite Boom-Jahr in Folge, und so mag es nicht verwundern, wenn die erste große internationale Bootsausstellung seit 20 Monaten auf große Resonanz stieß. Das zeichnete sich schon zum Auftakt des Yachting Festival in Cannes ab. Und es fand seine Bestätigung gestern Nachmittag, als die Veranstalter die offiziellen Zahlen bekanntgaben.

Mit knapp 55.000 Besuchern erreichte die nur sechs Tage währende Messe an der Côte d’Azur den gleichen Wert wie 2019, in der Vor-Corona-Ära. Die strikten Einlasskontrollen, die nur Geimpfte, Genesene oder Getestete passieren konnten, sowie Quarantänebestimmungen in vielen Ländern der Welt konnten den Erfolg der Veranstaltung nicht mindern. Ein gutes Vorzeichen auch für künftige Wassersportausstellungen wie in Genua, La Rochelle, Friedrichshafen oder im Januar die boot Düsseldorf.

Egal, mit wem man vor Ort sprach: Alle waren wie beseelt von der Möglichkeit, sich wieder begegnen und neue Yachten besichtigen zu können. „Eine unglaubliche menschliche Erfahrung“, nannte Sylvie Ernoult, die Direktorin des Yachting Festival, die vergangene Woche in Cannes – „getragen von Energie und Enthusiasmus.“ Sie werde „in vielerlei Hinsicht unvergesslich bleiben!“

Zwar kamen etwas weniger Aussteller an die beiden Austragungsorte Vieux Port und Port Canto, wo die Segelyachten lagen; insgesamt waren es 575 Firmen. Der Rückgang blieb mit 7 Prozent jedoch gering. Auch die Zahl der gezeigten Boote nahm leicht ab – um 4 Prozent auf 620 Einheiten, darunter viele oberhalb von 50 Fuß Länge. Die Zahl der Neuheiten lag mit 141 aber um 10 Prozent über der von 2019. Für die Besucher gab es also viel Spannendes zu sehen – darunter auch völlige Newcomer wie den futuristisch-luxuriösen Fahrten-Kat Wave 50 aus Polen oder die Premieren etablierter Werften wie Ice 70 von Ice Yachts, die Italia 13,98 oder die Swan 58.

Roberto Franzoni, Sprecher von Solaris und ein profunder Branchenkenner, befand die Messe ebenfalls für gelungen: „Eine sehr gute Veranstaltung“, sagte er gegenüber YACHT online, „voller hochinteressierter Kunden.“ Die norditalienische Werft, die vor Kurzem von Beneteau die Luxusmarke CNB übernommen hat und auch ein Motorboot-Programm aufbaut, war mit gleich zwei neuen Segelyachten gekommen: der Solaris 40 (Exklusivtest in YACHT 19/2021) und der Solaris 60. Beide erzeugten rege Nachfrage.

Nebenan bei Nautor, wo die Wartelisten für die Auslieferung inzwischen ins Jahr 2023 reichen, gab es gleichfalls Andrang nonstop. Wie Vanni Galgani, verantwortlich fürs Produktmarketing, berichtete, fand die neue Swan 55 sogar einen Spontankäufer. „Normalerweise kennen wir die Interessenten bereits, bevor sie auf die Messe kommen“, sagte er. Ein Kunde aber, der eigentlich auf der Suche nach einem Motorboot war, konvertierte sofort zum Segler, als er die Pläne für die neueste Frers-Konstruktion sah – ein Boot, das erst vergangenen Mittwoch mit Illustrationen angekündigt worden war.

Das Interesse blieb aber nicht aufs hochpreisige Segment beschränkt. Auch Yachten aus Großserie stehen unverändert im Fokus, und dort vor allem Katamarane. Direkt hinter den Zugängen zum Messegelände im Port Canto konnte man den Eindruck gewinnen, auf einer reinen Mehrrumpf-Ausstellung unterwegs zu sein, so übermächtig schien die Präsenz der Zwei- und Dreibeiner. Bei Marktführer Lagoon, der die neue 55 zeigte, aber auch alle anderen Modelle stapelten sich morgens die Schaumweinkartons am Gastro-Zelt; mittags wirbelten die Chefs und zauberten kulinarische Köstlichkeiten für die Gäste – ein Messeauftritt wie aus einer anderen Welt.

Die Boote werden längst als schwimmende Ferienhäuser gepriesen und gekauft; „real estate on the water“, sagt die Beneteau-Gruppe dazu, frei übersetzt „Immobilienbesitz auf dem Wasser“. Fountaine Pajot, die Nummer zwei im Markt der Fahrtenkats, stellt bei der Präsentation neuer Modelle wie dem Tanna 47 inzwischen die Anzahl Quadratmeter Wohnfläche in den Vordergrund, nicht mehr die Segelfläche. Gerade für Einsteiger sind die zwar nicht spektakulär segelnden, aber ungemein geräumigen und nicht krängenden Boote beliebt – sofern man denn einen Liegeplatz mit sieben oder acht Meter Breite dafür findet.

YACHT/J. Rieker Eigene Welt. Das Angebot an Kats war ebenso überbordend wie die Nachfrage

„Wir haben ein erstaunliches Cannes Yachting Festival erlebt“, sagte Gianguido Girotti, stellvertretender CEO von Weltmarktführer Beneteau. „Alle unsere Marken – Beneteau, Jeanneau, Prestige, Lagoon, Excess, haben begeisterte Händler und Besucher willkommen geheißen. Das hat uns viel Energie gegeben.“ Was Verkäufe betrifft, sprach Girotti von „extrem guten Ergebnissen“. Vor allem das Katamaran-Segment habe sich besonders großer Nachfrage erfreut.

Für die großen deutschen Werften, die jeweils eigene französische Kat-Ableger haben, lief Cannes folglich ebenfalls blendend. Und nicht nur im Mehrrumpf-Segment. Marc Diening, der neue Chef von Bavaria, freute sich, dass „unsere C38 und C42 an allen Tagen sehr gut besucht waren. Wir haben vielen potenziellen Neukunden unsere Yachten erst mal real vorstellen können, haben Interessenten, die bereits in Entscheidungsphase sind, weiter beraten und auch Aufträge abschließen können.“

Maxim Neumann Vertriebsleiter von Hanseyachts, fand sich selbst in der Rolle des Verkäufers wieder, um der Nachfrage an den Ständen gerecht werden zu können. „Das hat Spaß gemacht!“, resümiert er. „Ich habe zum ersten Mal seit Langem wieder Angebote gerechnet und Boote verkauft.“ Die Händler seien superpositiv gestimmt“ von der Messe gegangen. So ein gutes Geschäft habe niemand erwartet.

Wie das zu erklären sei? Neumann glaubt, dass jeder „diese Sehnsucht in sich trägt, einmal ein Boot sein Eigen zu nennen. Am Strand liegend sieht man eine Yacht vorbeigleiten und denkt doch: Das wär’s!“ Die Pandemie habe den Wert solcher Momente noch verstärkt, das Gefühl, Träume „nicht nur zu träumen, sondern auch zu leben, nicht länger zu warten, sondern zu machen“

Und dann hat Cannes noch eine Botschaft ausgesendet, stärker als jede andere Messe bisher, auch wenn es vorerst noch bei Absichtserklärungen und Prototypen blieb: Der Wassersport soll nachhaltiger werden.

YACHT/J. Rieker Große Pläne. Die Beneteau-Gruppe will wie viele andere führende Werften künftig grünere Boote bauen

Beneteau kündigte ebenso wie Dufour und Fountaine Pajot ehrgeizige Entwicklungsziele an. Hybrid- und E-Antriebe werden in den nächsten Jahren verstärkt auf den Markt kommen. Selbst die Themen Bio-Harze und Naturfasern, Recycling-Schaumkerne und Abwasseraufbereitung treib die großen Werften um. Und es klingt durchaus ernst gemeint. Vielleicht wird Grün ja der neue Glamour, auch an der Croisette. Wir bleiben jedenfalls dran!


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