Küstenklatsch

Worüber reden wir?

Uwe Janßen, stellvertretender Chefredakteur der YACHT, über Sinn und Unsinn der DaimlerChrysler North Atlantic Challenge

Uwe Janßen am 04.07.2003

Uwe Janßen

Die Sache hinterlässt interessierte Beobachter weithin ratlos. Es gibt in dem Fall keine absolute Wahrheit. Meinungen, Gegensätze prallen aufeinander, wenn dieser Tage über Sinn und Unsinn, über Für und Wider einer in der Segelszene derzeit omnipräsenten Veranstaltung diskutiert wird. Die Rede ist von der DaimlerChrysler North Atlantic Challenge.

Sportlich wertvoller Wettkampf oder originelle Geburtstagsfeier - worüber reden wir? Ab heute, da die ersten Yachten aus der Neuen Welt im alten Europa eingetroffen sind und die Feierwoche an Hamburgs Kehrwiederspitze eingeläutet wird, darf auf der Suche nach einer Antwort bilanziert und hinterfragt werden.

Zunächst ein Blick in die Medien. Fast alle großen Publikumszeitschriften haben Segeln aus dem Anlass aufs Tapet gehoben und in zuvor nicht annähernd erwarteter Opulenz davon berichtet. Und Tageszeitungen von "Bild" bis zur "Frankfurter Allgemeinen" schickten gar Mitarbeiter über den Atlantik oder verdingten Crewmitglieder als Tagebuch-Autoren. Zudem reportierten Rundfunk und Fernsehen. Eine gewaltige, überraschende Resonanz für jene "ambitionierte Geschwaderfahrt", als die das Rennen mit dem furchtbaren Kürzel DCNAC (sprich: "Dißinäck") von Kritikern abgetan wird.

Sogar die Fachpresse ist uneins. Die YACHT hat das Ereignis zum 100. Geburtstag des Hamburgischen Vereins Seefahrt zwar kritisch-distanziert, aber im Grundtenor überaus wohlwollend begleitet. Das enorme Interesse - zeitweise kollabierte der Internet-Server der Veranstalter - rechtfertigt und bestätigt diese Einschätzung ganz offenkundig. Das Branchenblatt "Segeln" hingegen verdammt die Atlantik-Regatta in Bausch und Bogen. Im Editorial der jüngsten Ausgabe giftet und geifert Chefredakteur Rainer Schillings im Stil eines religiösen Fundamentalisten gegen das Rennen ("ein Herrenwitz"). So fordert der publizistische Scharfrichter: "Der deutsche Hochseesegelsport dieser Couleur muss befördert werden - nämlich ins Jenseits."

Das ist in Wortwahl und Aussage ersichtlicher Schwachsinn, abgesehen davon, dass solcher Radikalismus nie weiterhilft. Was freilich nicht bedeutet, dass keinerlei Anlass zu konzeptioneller Kritik bestünde. Ein Kohlefaser-Maxi im Rennen gegen eine Standard-Hanse - macht definitiv keinen Sinn. Profi-Crews gegen Freizeit-Mannschaften - ausgewachsener Unfug. Die einen sparen jedes Gramm, indem sie sich lediglich von Astronautennahrung ernähren, die anderen schippern, die Angel im Schlepp, mit Lammbraten und Rotwein über den Ozean - eine absurde Wettfahrt. Und dann die Sache mit dem Känguru-Start.

Da alle Yachten möglichst zeitnah in Hamburg ankommen sollten, starteten die schnelleren eine Woche später. Und somit in einem völlig anderen Wettersystem, also unter ganz anderen Bedingungen. Wie, zum Teufel, soll da Vergleichbarkeit von Leistung entstehen? "Eine Farce" hat YACHT-Herausgeber Jörn Bock, Co-Skipper auf der teilnehmenden "Uca", dieses Reglement genannt. Zumal das ursprüngliche Ziel mit der Platzierung der US-Yacht "Zaraffa" im ersten Start konterkariert wurde. Ausnahmsweise ordnete die Regattaleitung das ultraschnelle Schiff der langsamen Klasse zu. Und die Crew des vorhersehbar "First Ship Home" langweilte sich fast eine Woche einsam im Zielort, ehe der nächste Konkurrent überhaupt einlief. Von wegen, gemeinsame Ankunft.

Großer, ernsthafter Sport, mit einem Satz, war die DCNAC nicht.
Insider freilich haben den auch nie erwartet. So widersprach "Uca"-Wachführer Tim Kröger den populistischen Vergleichen mit bedeutenden Regatten schon vor Beginn: "Da muss man die Kirche mal im Dorf lassen. Das Volvo Ocean Race ist die Formel 1, die DCNAC vielleicht die Qualifikation zur Deutschen Tourenwagenmeisterschaft, wenn man in diesem Bild bleiben will."

Die Begeisterung für aktive Teilnahme, im Übrigen, blieb vielleicht auch deshalb hinter den Erwartungen zurück. Die marktschreierisch angepeilte Zahl von über 100 Yachten wurde jedenfalls nicht annähernd erreicht.
Und trotzdem. Es war höchste Zeit für ein Rennen, besser: eine gemeinsame Überfahrt dieser Art. Die DCNAC hat ohne jeden Zweifel wichtige Impulse gegeben. Neue Yachten entstanden eigens für diese Regatta. Ozean-Segeln ist endlich wieder Thema. Hunderttausende Euro wurden in den Yachtsport investiert. Bundesweit formierten sich Projekte mit verschiedensten Zielen und Herangehensweisen an die einzigartige Herausforderung, die ein Transatlantiktörn immer noch darstellt. Grenzerlebnisse und Materialbrüche, unvergessliche Erfahrungen und unmittelbarer Kampf mit den Elementen - soll niemand mehr ernsthaft behaupten, die DCNAC sei lediglich eine Atlantic Rally for Cruisers in umgekehrter Richtung.

Sagen Sie das mal Peter Flügge. Der Bremer verlor sein Schiff "Monsun" auf dem Atlantik. Sagen Sie das den Eignern jener Yachten, die derart ramponiert wurden, dass sie aufgeben mussten. Und sagen Sie es den engagierten Crews, die sich wochenlang durch teils fürchterliches Wetter gequält haben und nach überstandenen Strapazen etwas lädiert, aber mit einem seligen Lächeln und neuem Selbstbewusstsein in Hamburg einliefen.
Und doch, und doch, und doch: Jene Ratlosigkeit, das Ungewisse im Urteil bleibt. Jedenfalls bei passiven Beobachtern. Konsens ist nur, dass sie wochenlang blendend unterhalten wurden - kein Tag ohne neue Vorkommnisse, Anekdoten und skurrile Einblicke ins Bordleben wie diesen: "Irre schön war unsere Schussfahrt von einer Mega-Welle. Ein Gefühl besser als Sex - der Orgasmus für uns Segler" ("Cheri Hakkatan"-Skipper Ronald Wulff).

Und die Aktiven? Sie schwärmen ausnahmslos in höchsten Tönen - kein Zweifel, keine Misstöne, nur Freude und Stolz, Begeisterung und Lob. Also: Gäste zufrieden, Geburtstagsfeier mithin gelungen, rundum, ohne Einschränkung.

Kein Wunder, dass die DCNAC-Initiatoren insgeheim schon von einer Wiederholung munkeln. Sie täten künftig indes gut daran - auch wenn es Medienpräsenz kostet -, von Beginn an Klarheit zu schaffen. Denn die Ursache aller Irritationen liegt in der Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen Wert der Veranstaltung und ihrer übermäßig hochgejazzten Präsentation. In Zukunft, wenn es denn eine gibt, darf das Rennen öffentlich lediglich als das verkauft werden, was es ist - ein wunderbares, herausragendes Abenteuer auf dem Ozean. Mehr nicht. Aber auch keinen Deut weniger.

Uwe Janßen am 04.07.2003

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