Interview
„Wir brauchen eine gute Story“

Helgoland ist im Abwärtstrend, ein Volksentscheid im Juni könnte die Wende einleiten – der neue Bürgermeister über seine „Herkulesaufgabe“

  • Uwe Janßen
 • Publiziert am 13.05.2011

Michael Müller Helgolands Bürgermeister Jörg Singer

In ihrer aktuellen Ausgabe porträtiert die YACHT ein faszinierendes Törnziel – Helgoland, den roten Felsen in der Nordsee. Aber seine Entwicklung ist nicht nur im Segelsport besorgniserregend. Die Insulaner diskutieren erbittert über Konzepte, mit denen sich der in vielen Lebensbereichen erkennbare Negativtrend umkehren ließe. Über einen dieser Pläne kommt es am 26. Juni zur Volksabstimmung: eine Landverbindung zwischen Helgoland und der vorgelagerten Badeinsel, der Düne. Sie hätte erhebliche Auswirkungen auch für Segler.


YACHT-Redakteur Uwe Janßen sprach über die Lage und mögliche Lösungen mit Jörg Singer, 44, seit Jahresbeginn parteiloser Bürgermeister auf Helgoland. Der gebürtige Konstanzer, der in seiner Freizeit gern segelt, wuchs auf der Insel auf und ist mit einer Helgoländerin verheiratet. Nach dem Studium des Wirtschaftsingenieurwesens in Deutschland und den USA begann Singers berufliche Karriere in der Windenergiebranche und bei der Lufthansa, ehe er sich als Unternehmensberater auf die Entwicklung und Umsetzung strategischer Firmenkonzepte konzentrierte. 2009 verlegte er den Geschäftssitz seiner Perfect Day GmbH nach Helgoland, ursprünglich, „um meinen Kunden Tagungen zu Zukunftsthemen an einem ganz besonderen Ort zu bieten“. Doch dabei sollte es nicht bleiben – ein Jahr später wurde er zum Insel-Oberhaupt gewählt.

YACHT: Herr Singer, warum haben Sie sich den Job des Bürgermeisters angetan?

Singer: Weil mich viele Helgoländer um eine Kandidatur gebeten haben. Und weil ich überzeugt bin, dass sich hier eine ganze Menge bewegen lässt.

Die Zahl der Einwohner sinkt rapide, die Zahl der Tagesgäste ist weit von einstigen Höhen entfernt, die Zahl der Gastyachten seit Jahren rückläufig – Helgoland befindet sich, wenn man das so formulieren darf, seit langer Zeit im Sinkflug.

Bezogen auf die Tagesgästezahlen war das in den letzten Jahren ehrlich gesagt eher ein Sturz- als ein Sinkflug. Für viele Lebensbereiche ist die Situation wirklich existenziell. Dass hier etwas passieren muss, ist jedem klar. Höchste Zeit, die negative Entwicklung der letzten Jahre ins Positive zu drehen.

Eine große Aufgabe.

Eine Herkulesaufgabe.

Wie wollen Sie die bewältigen?

Das Wichtigste ist, alle Helgoländer für einen gemeinsamen Weg zu gewinnen und mitzunehmen. Vor allem bei einigen Gruppen, die noch immer am Helgoland der achtziger Jahre festhalten, ist es schwierig, Bereitschaft für die unausweichlichen einschneidenden Veränderungen zu entwickeln. Es ist nun mal anstrengender, sich eine steile Treppe hinaufzuquälen als locker eine Welle abzusurfen, wie das nach der Wiederaufbauzeit vielfach geschehen ist. Ich wünsche mir, dass die Insulaner einer Vision folgen. Dass hier überhaupt so intensiv diskutiert wird wie zurzeit, ist ein sehr wichtiger und erfreulicher erster Schritt in diese Richtung. Was die Sachthemen betrifft, haben wir mit dem gerade abgeschlossenen Strategiepapier des Regionalen Entwicklungskonzeptes ein volles Buch mit Hausaufgaben mit über 50 Handlungsempfehlungen.

An welcher Stelle rangiert in dieser Prioritätenliste der Wassersport?

Ganz weit oben. Sehen Sie sich doch nur um, diese Insel hat ein riesiges Potenzial! Aber leider haben wir es in den letzten 30 Jahren nicht geschafft, mehr für die Segler zu machen. Dabei brauchen sie eine Umgebung zum Wohlfühlen und keinen urbanen Abenteuerurlaub. Die Leute chartern im Mittelmeer und sonstwo, ich war selbst in den letzten Jahren einmal in Kroatien, ein Traumrevier! Mit ist völlig klar: Allein mit zollfreiem Schnaps kriegen wir die Segler heute nicht mehr auf die Insel. Wir müssen also beim Wassersport mutig in ganz anderen Dimensionen denken. Wenn wir beim Stichwort Attraktivität weiterhin nur Robben und Vögel im Auge haben, springen wir viel zu kurz.

Dürfen wir daraus schließen, dass Sie die Anbindung der Düne befürworten, mit der eine neue Marina einherginge?

Eindeutig ja. Vorausgesetzt allerdings, es lassen sich innerhalb der nächsten zwei Jahre drei große Fragen in dem Sinn beantworten: rechtliche Unbedenklichkeit, technische Machbarkeit und für Helgoland eine nachhaltige Finanzierbarkeit.

HC Hagemann Helgoland und die vorgelagerte Insel Düne

Heißt im Detail?

Juristisch ist etwa zu klären, ob wir überhaupt eine Wasserstraße schließen dürfen. Und ob die Pläne mit dem Naturschutzrecht kollidieren. Mindestens ebenso komplex ist der Aspekt „Machbarkeit“. Wir sind hier ja nicht in Dubai, sondern auf der Nordsee und würden massiv in ein strömendes Gewässer eingreifen. Wie sich das auswirken wird, muss eingehend untersucht werden. Außerdem wäre eine Erweiterung der Kraftwerkskapazität notwendig, der Wasserversorgung, all diese Sachen. Eine wesentliche Rolle bei dieser Betrachtung wird auch der Klimawandel spielen. Die Wassertemperatur ist hier in den letzten 40 Jahren um mehr als ein Grad gestiegen, die Hauptwindrichtung hat sich um 30 Grad auf Westsüdwest gedreht. Daraus ergeben sich auch Folgen für ein solches Bauprojekt.

IG Hochseewelt Die geplante Landverbindung zur Düne in der Animation

Mit welchen Kosten rechnen Sie?

Die Verbindung wird sicher über 100 Millionen Euro kosten. Das ist in etwa die Summe, die in den letzten 15 Jahre allein für die Bewahrung des Ist-Zustands aufgewendet werden musste, diese Investition dient nur der Instandhaltung. Wir wollen in Zukunft nicht immer zur Landesregierung nach Kiel und da das Geld nur für die Bestandswahrung abholen. Es ist eine Frage der Denkweise. Ich komme aus der Wirtschaft und halte es für sinnvoller, in Projekte und Infrastrukturen zu investieren, die die wirtschaftliche Lage verbessern. Bremerhaven ist ein gutes Beispiel, wie das funktionieren kann. Diesen Mut müssen wir auch haben. Zum einmaligen Wert der Insel braucht Helgoland eine Story, die für Investoren interessant ist. In diesen Tagen rufen mich zahlreiche Banker an, die alle darauf warten, dass es losgeht.

Was, wenn Sie den Volksentscheid im Juni verlieren?

Dann wird es andere, kleinere Lösungen geben. Wir wollen hier kein Stuttgart 21. Pläne für eine neue Marina auf der Düne oder das Bluehouse, einen weltweit einzigartigen interaktiven Forscherpark für Gäste etwa, liegen schon in der Schublade. Aber nur eine große Variante wird ermöglichen, dass diese Maßnahmen die Urlaubsgäste bringen, die sie verdienen. Und dafür benötigen wir dringend neue Flächen.

Was nützt Ihnen mehr Raum, wenn die Insulaner allmählich verschwinden?

Auch wir Helgoländer brauchen eine gute Story, eine Perspektive, mit der wir uns motivieren, die Anstrengungen eines neuen Wiederaufbaus auf uns zu nehmen. Für mich heißt sie, dass wieder verschiedene Generationen und gesellschaftliche Gruppen vital mit mindestens 2.000 Menschen zusammenleben. Mit diesem Anwachsen um zirka 600 Neubürger wird das Gemeinwesen wieder tragfähig, mit Verkehrsanbindung, Schule, Ausbildung und umfassender medizinischer Versorgung zum Beispiel.

Woher sollen die Menschen kommen?

Erstens werden durch den Ausbau Helgolands als Logistikstützpunkt für die Windkraft-Industrie neue Arbeitsplätze geschaffen, das ist ein wichtiger Hebel für die Zukunft. Dann wollen wir aus Gästen Insulaner machen. Helgoland hat ein sehr treues Publikum, das die einmalige Chance bekommt, aktiv dabei zu sein, wenn sich ihre Insel wandelt. Und drittens verspreche ich mir viel Potenzial durch die allgemeine Veränderung der Lebens- und Arbeitsumstände.

Wie meinen Sie das?

Die aktuelle Atom-Diskussion belegt eindrucksvoll, dass es vielen Menschen heute nicht mehr so sehr um Individualismus und materielle Dinge geht, sondern um andere Werte wie Gemeinschaft und Wohlergehen. Dafür gibt es einen Fachbegriff: Lohas-Lifestyle. Er meint eine Lebenseinstellung, die sich an Gesundheit und Nachhaltigkeit orientiert. Zu dieser Haltung passt Helgoland perfekt. Hinzu kommt, dass viele Berufe zunehmend weniger an feste Arbeitsplätze gebunden sind. Eine Studie hat ergeben, dass das im Norddeutschen zwischen Osnabrück und Lübeck auf zwei Millionen Menschen zutrifft. Diese Zielgruppe, die die große Stadt für den Job nicht mehr braucht, ist für Helgoland sehr spannend. Hier können die Leute mit Laptop und Badehose arbeiten. Ob das am Ende alles so funktioniert, weiß heute aber keiner. Einiges hängt schon vom Bürgerentschied im Juni ab, ja, diese Vision könnte an den Helgoländern selbst scheitern.

Haben Sie als Segler …

… fragen Sie nicht weiter. Es geht extrem turbulent zu im Moment, ich arbeite bis zu 70 Stunden pro Woche. In diesem Jahr werde ich wohl nur zum Mitsegeln kommen. Aber hoffentlich skippere ich in der nächsten Saison eine eigene Yacht. Ich freue mich mächtig darauf. Als ich noch in Süddeutschland gelebt habe, hielt sich meine Begeisterung eher in Grenzen, der Bodensee war nicht mein Ding. Ich mag es eher rau.

Impressionen Helgoland

16 Bilder

Impressionen Helgoland

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Themen: HelgolandJörg Singer

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