Sicherheit
"Wie Motorradhelm und Anschnallgurt"

Segler auf See sollen per Gesetz immer Rettungsweste tragen – das fordert die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung in einem neuen Unfallbericht

  • Kristina Müller
 • Publiziert am 26.04.2017
"Wie Motorradhelm und Anschnallgurt" "Wie Motorradhelm und Anschnallgurt" "Wie Motorradhelm und Anschnallgurt"

Montage YACHT "Wie Motorradhelm und Anschnallgurt"

Die Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung (BSU) hat heute ihren Bericht über die Untersuchung des tödlichen Personenunfalls auf der deutschen Charteryacht "Desdemona" im Jahr 2015 veröffentlicht. Erstmalig fordert sie darin eine gesetzliche Ausrüstungs- und Tragepflicht von Rettungswesten auf allen Sportbooten an der deutschen Küste. Konkret empfiehlt sie dem Bundesverkehrsministerium zu prüfen, ob diese Pflicht umgesetzt werden kann.

Die Forderung erstreckt sich dabei nicht nur auf Charteryachten, die bei der Vermietung ohnehin mit Rettungswesten ausgerüstet sein müssen, sondern auch auf private Boote. Käme es zur Umsetzung, müsste laut Gesetz immer eine Weste getragen werden – egal ob bei Sonne und glatter See oder bei Sturm, egal ob auf dem eigenen oder dem gecharterten Schiff.

"Chance, dass man lebt"

Die Empfehlung ergibt sich aus dem Fazit, das die BSU im  Untersuchungsberichts Nr. 402/15 zu den Ereignissen auf der "Desdemona" zieht: Am 21. September 2015 war ein Crewmitglied der vierköpfigen Besatzung bei der Ansteuerung von Warnemünde bei 4 bis 5 Beaufort von Bord gefallen und im Wasser gestorben – der Mann trug wie alle an Bord keine Rettungsweste. Die BSU kommt zu dem Schluss, dass der Mann sehr wahrscheinlich überlebt hätte, wenn er eine Weste getragen hätte. "Die Weste erhöht auf jeden Fall die Chance, dass man lebt", sagt Jürgen Albers, stellvertretender BSU-Leiter, im Interview mit der YACHT.

Montage YACHT Kommt die gesetzliche Rettungswestenpflicht – für alle Sportboote auf See?

Obwohl die übrigen drei Besatzungsmitglieder sofort Rettungsmanöver einleiteten, gelang es nicht, den Mitsegler wieder an Bord zu holen. Das Unfallopfer verlor kurz nach dem Sturz ins Wasser das Bewusstsein und versank in der Ostsee. Suchmaßnahmen von Wasserschutzpolizei, Bundespolizei, Feuerwehr und Seenotrettung blieben erfolglos. Am 1. Oktober 2015 wurde der Leichnam wenige Meilen von der Unfallstelle entfernt entdeckt und aus der Ostsee geborgen. Die BSU nahm die Untersuchung auf.

Appell ans Ministerium

Mit der heute veröffentlichten Forderung an das Verkehrsministerium geht die BSU einen Schritt weiter als bisher. Schon in Unfallberichten zu vorherigen Seenotfällen mit Todesfolge hatte sie eine Tragepflicht von Rettungswesten gefordert, dabei aber an Schiffsführer und Crew appelliert. In ihrem neuen Unfallbericht nennt die Behörde Gründe, warum das nun nicht mehr reiche:

YACHT/S.Reineke Jürgen Albers, stellvertretender BSU-Leiter, segelt selbst seit seiner Kindheit

"Aus Sicht der BSU gibt es außer einer fundierten Ausbildung und fortwährendem Training kaum Möglichkeiten, das der menschlichen Natur wesenseigene Verfallen in Hektik in einem emotionalen Ausnahmezustand zu verringern. Diese allgemeingültige Feststellung gilt im besonderen Maße im Bereich der Sportschifffahrt. Gerade dort ist es regelmaßig so, dass die Betreiber dieses Hobbies sich nicht tagtäglich mit besonderen Gefahrensituationen konfrontiert sehen. Anders als professionell agierende Rettungskräfte (bspw. Seenotretter, Feuerwehr, Bergrettung) sind die Nutzer von Sportbooten, selbst wenn sie eine gute Ausbildung genossen haben und jahrelang ihrem Hobby nachgegangen sind, in der Natur der Sache liegend nicht besonders darauf geschult, in einem Seenotfall geradezu reflexartig richtig zu reagieren.

Umso größere Bedeutung gewinnt daher insbesondere im Bereich der Sportschifffahrt der Aspekt einer quantitativ sowie qualitativ ausreichenden Ausrüstung mit Rettungsmitteln. Untrennbar damit verbunden ist die Notwendigkeit, sicherzustellen, dass die diesbezüglich vorhandenen Ausrüstungsgegenstande auch tatsächlich eingesetzt werden.

Aus Gründen der Sicherheit sollte daher für alle Sportboote, die auf den Seeschifffahrtsstraßen und im deutschen Küstenmeer verkehren, unabhängig von ihrer Größe und ihrer rechtlichen Einordnung, im Hinblick auf Rettungswesten sowohl eine Ausrustungs- als auch eine Tragepflicht gesetzlich geregelt werden."

Die BSU zieht den Vergleich zum Straßenverkehr, wo die Gurtpflicht im Auto und die Helmpflicht für Motorradfahrer belegen würden, "dass es rechtlich durchaus möglich und offenbar aus guten Gründen auch sachlich angezeigt war, die diesbezüglichen Pflichten zu normieren und nicht etwa allein auf die gern ins Feld geführte Eigenverantwortung der Verkehrsteilnehmer zu setzen".

Wann tragen Sie Rettungsweste?

Im Interview mit der YACHT erklärt BSU-Vizechef Albers, ob er die Umsetzung der BSU-Forderung, also die Einführung einer gesetzlichen Rettungswestenpflicht, für realistisch hält, wie er sich die Kontrolle auf dem Wasser vorstellt – und ob er selbst immer Rettungsweste trägt. Das Interview erscheint in YACHT 11/2017, die ab dem 10. Mai im Handel erhältlich ist.

Und auch Ihre Meinung ist gefragt: Zum Saisonstart wollte YACHT online wissen, wie es die Leser mit der Sicherheit an Bord halten; wann sie Rettungsweste tragen und ob sie für eine Tragepflicht sind. Die bisherigen Ergebnisse können Sie hier einsehen und auch selbst noch an der Umfrage teilnehmen.


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Themen: RettungswesteSicherheitTragepflicht

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